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grahamcompanyMit einer neuen Generation von Tänzerinnen und Tänzern zeigt die aufgefrischte Martha Graham Dance Company auf ihrer Europatournee, wie mitreißend die Choreografien der Pionierin des Modern Dance immer noch sind. Martha Graham ist 1991 mit 97 Jahren verstorben, doch ihr Werk lebt und der Einfluss auf den heutigen Tanz ist unverkennbar.

Bis ins hohe Alter war die Schaffenskraft der Tänzerin, Choreografin und Tanz-Pädagogin Martha Graham ungebrochen. So kann die junge Company (unter der Leitung der ehemaligen ersten Solistin Janet Eilber) den Bogen über sechs Jahrzehnte spannen, wenn sie in der 84. Spielzeit an die Gründerin erinnert.

Mit dem Eros gewidmeten Stück „Embattled Garden“ wird die Geschichte von Adam, Eva, Lilith und der Schlange erzählt. Vom Verführen und Verführt werden erzählt der schwungvoll zwischen biegsamen Stäben und einem abstrahierten Baum getanzte Pas de Quatre. Auf die Paradieserzählung aus dem Jahr 1958 folgt Grahams Warnung vor Faschismus und Krieg, „Chronicle“, uraufgeführt 1936. Aus der ursprünglich 40 Minuten langen Choreografie zur Musik von Wallingford Riegger hat die Compagnie drei Szenen rekonstruiert: Das Solo „Spectre 1914“, voll Expression getanzt von Jennifer DePalo, sowie „Steps in the Streets“ und „Prelude to Action“, Szenen, die das gesamte weibliche Ensemble beschäftigen. Wie ein Kapitel aus George Orwell muten die gleichgeschalteten Jammergestalten an, die die Tragödie des Krieges in eindrucksvollen Bildern spürbar machen. Von den Fingerspitzen bis zur kleinen Zehe ist der Körper ganz Ausdruck, die Mienen bleiben starr wie nahezu immer in Grahams Stücken.

Mit einer Hommage an Grahams berühmtestes Solo, „Lamento“, gedenkt das Ensemble nicht nur der Gründerin sondern auch der Anschläge vom 11. September 2001 in New York, wo das Martha Graham Center seit mehr als 80 Jahren zu Hause ist. Hätte man nicht davor die Ikone selbst in einem kurzen Video gesehen, wäre der Eindruck der Variationen von Bulareyaung Pagarlava, Richard Move und Larry Keigwin etwas weniger kitschig und epigonal ausgefallen. Doch dieser aktuelle Einschub ist wohl ein Hinweis auf den Willen der Compagnie nicht nur als historisches Relikt sein Dasein zu fristen, sondern auf dem von Graham so gut gedüngten Boden auch Neues wachsen zu lassen. Der auf der Mythologie vom Minotaurus basierende Pas de deux „Errand into the Maze“ („Gang ins Labyrinth“, 1947) hingegen zeigte, dass nicht alle Stücke der Grande Dame überleben. Theatralisch und verstaubt wirkt dieser Minotaurs in seinem Lendenschurz und dem hölzernen Joch samt Hörndeln und wildem Blick, aber keineswegs zum Fürchten. Die Musik stammt immerhin von Gian Carlo Menotti, das Bühnenbild von Isamu Noguchi. Nicht Theseus, wie in der griechischen Sage, besiegt das Untier, sondern Ariadne. Die Männer sind auch in der Compagnie nicht die Stärkeren. Auch wenn die Choreografien immer wieder weit ausgreifende Sprünge und kräftige Hebungen fordern, fallen die Tänzer doch gegen den Schwung, Präzision und Expression der Tänzerinnen deutlich ab.

Das Ende ist eine Überraschung: Ein heiter flirrendes Stück aus Martha Grahams letztem Lebensjahr: „Maple Leaf Rag“ zur Musik von Scott Joplin in Kostümen von Calvin Klein. Die großen Gesten und scharfen Linien sind hier verspielt und locker, Ironie liegt in der Luft, Gesellschaftstanz wird gezeigt, die nächste Pionier-Generation hatte die Tanzbühnen bereits erobert. Pina Bausch lässt grüßen.

Fast zwei  Generationen konnten Grahams Œuvre noch niemals live sehen, schon aus diesem Grund ist dieses Gastspiel sehenswert. Vor allem weil die hervorragenden Tänzerinnen mit Ausdruckskraft und Körperpräsenz auch das heutige Publikum mitreißen und zu frenetischem Applaus animieren können. Doch die unvergessliche Martha Graham hätte sicher nicht gewollt, dass sie ewig in der Rückschau tanzen.

Martha Graham Dance Company, Museumsquartier Wien, 12. Oktober 2010

Weitere Termine: 13. –16.10., 20 Uhr, 16.10. auch 14.30 Uhr, 17.10., 19 Uhr im MuseumsQuartier.

Karten www.oeticket.com

 

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