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PB1 CinderellaChristopher Wheeldons große Handlungsballette sind wahre Mammutprojekte. Fantasievolle, charmant-witzige Kreationen, die es – allein schon vom Aufwand her in Hinsicht aufs Bühnenambiente oder wegen der hohen Zahl hunderter prächtiger Kostüme – locker mit Film- und Musicalproduktionen aufnehmen können. In letzterem Genre ist der im englischen Yeovil geborene Choreograf längst ebenso zuhause wie auf den Tanzbühnen weltweit. So halten ihn die Endproben für die Broadway-Produktion eines Michael-Jackson-Musicals in New York von der persönlichen Präsenz am Münchner „Cinderella“-Probenprozess sowie dem Besuch der Premiere ab.

In welchem Maß die Neueinstudierung seiner mit theatralen Effekten gespickten Abendfüller eine Kompanie mitsamt Technik und Gewerken schon im Vorfeld herausfordert, hat das Bayerische Staatsballetts erstmals 2017 im Zuge der Repertoireübernahme von Wheeldons „Alice im Wunderland“ höchst erfolgreich erprobt. Nun hält sein nicht minder opulent inszeniertes „Aschenbrödel“ Einzug ins Nationaltheater – pandemiebedingt fast ein Jahr später als ursprünglich geplant. 

Geschaffen wurde der durch und durch märchenhafte und absolut familientaugliche Dreiakter von zwei Stunden reiner Spieldauer (hinzu kommen noch zwei Pausen) im Jahr 2012 in einer transkontinentalen Koproduktion zwischen dem Niederländischen Nationalballett und dem San Francisco Ballet. Tragende Komponente ist Sergej Prokofjews 1945 uraufgeführte Ballettmusik. Bei aller bewusst humorvoll-skurrilen Nummernhaftigkeit sind hier bestimmte Charakterzüge einzelner Figuren – beispielsweise der zänkischen Stiefschwestern – bereits deutlich hörbar angelegt. PB4 Cinderella

Hinzu kommt eine Klangfarbenpalette, die dunkle Momente wie Trauer, Einsamkeit oder Schwermut ebenso transportiert wie hell-heitere Emotionen von Hoffnung, Liebe und Glück. Allerdings bedient sich Prokofjew dabei unterschiedlichster, auch synkopischer Rhythmen, die häufig wechseln. Das verlangt einiges an Feintuning zwischen dem Spiel auf der Bühne und jenem im Orchestergraben. Für den musikalischen Leiter des English National Ballet Gavin Sutherland offenbar eine stets willkommene Aufgabe. Deshalb wurde er nach der Uraufführung von Andrey Kaydanovskiys „Der Schneesturm“ im letzten Jahr sofort wieder nach München geholt.

PB5 CinderellaDer Clou des nach allen Regeln der klassischen Ballettkunst fast nahtlos von Szene zu Szene dahinfließenden, rein tänzerischen Erzählduktus ist, dass das Stück aufgrund seiner dynamischen Verschränkung von purer Bewegung mit möglichst natürlichen Charakterzeichnungen den Tanzinterpreten permanent auch starken schauspielerischen Einsatz abverlangt. Gerne mit jeweils individuellen Akzenten. Große Chancen also für gleich vier Hauptrollenbesetzungen, das Publikum zu erobern.

Um das bis ins kleinste, manchmal musikalisch vertrackte Detail hinein richtig zu vermitteln, hatte Wheeldon im September drei formidable Ballettmeister nach München entsandt: Jason Fowler, der vorrangig die Hauptprotagonisten betreute. Der Amerikaner tanzte gemeinsam mit Wheeldon beim New York City Ballet. Seit 2010 studiert er dessen Werke überall auf der Welt ein. Ein verantwortungsvoller Job, den auch Charles Andersen seit 2019 mit absoluter Hingabe erfüllt. Nach einem Vollstipendium für die Royal Ballet School tanzte der Südkalifornier viele Jahre beim Königlich Dänischen Ballett und leitete jetzt in München die zum Teil exzessiven Gruppenszenen. Dritter im Bunde war der Engländer Jonathan Howells. Er hatte als Elfjähriger in London dieselben Ausbildungsklassen wie Wheeldon besucht. Anschließend beim Royal Ballet engagiert waren die beiden Kollegen.PB10 Cinderella

Neben einer permanenten Abstimmung untereinander hielt das Trio über Video- und Telefonschaltungen zudem stets engen Kontakt zum Choreografen, da jede Übertragung auf ein anderes Ensemble choreografische Anpassungen verlangt. Auf diese Weise bleibt die Lebendigkeit des Werks gewährleistet. Auf der Bühne müssen die Tänzer alle darin verpackten inhaltlichen Schwerpunktsetzungen dem Publikum schließlich aus eigenem Antrieb und allein kraft ihrer gestalterischen Fähigkeiten nahebringen. Der Probenplan aller Besetzungen, mit dem es das Einstudierungsteam im Fall von „Cinderella“ zu tun hatte, umfasste insgesamt knapp 50 Rollenpositionen. Originelle Waldwesen wie ein Baumgeist oder zwei Kastanienköpfe sind ebenso zu finden wie zahlreiche Grüppchen. Hierzu zählen zum Beispiel acht Puppenspieler, vier Vogeldamen, einige exotische Prinzessinnen oder Begleiterinnen und Begleiter der vier Jahreszeiten-Solisten. 

PB3 CinderellaDie wichtigste Funktion im Verlauf des Stücks übernehmen aber die Vier Schicksale: ein von Jonathan Howells über Wochen in schwierigen technischen Passagen und nicht zu unterschätzender Ausdauer eingewiesenes Männerquartett. Es erinnert entfernt an die ähnlich als Cinderellas Entourage agierenden vier Vogel-Geister in John Neumeiers Ballettversion „A Cinderella Story“. Auch Neumeier – er hatte dem Bayerischen Staatsballett vor 21 Jahren seine Inszenierung überlassen – hatte sich bei der Ausarbeitung in erster Linie an der Vorlage der Brüder Grimm orientiert. In Wheeldons Adaption sind nun zusätzlich Anleihen aus der poetischeren Märchenfassung des Franzosen Charles Perrault zu entdecken – und außerdem jede Menge magischer Augenblicke!

Mehr Märchen als in Christopher Wheeldons „Cinderella“-Ballett geht tatsächlich kaum. Da schluckt zum großen Finale des ersten Akts der Stamm eines eigenwillig lebendigen Baums das bodenständig-aufrichtige, herzensgute mutterlose Mädchen, um es kurz danach wieder freizugeben – verwandelt in eine wunderschön gekleidete Ballprinzessin. Aus Zweigen geflochtene Räder lösen sich aus dem üppigen, magisch schillernden Grün von Ästen, die sich bis zum Boden herabsenken. Cinderellas vier sanfte, nicht weiter spezialisierte Schicksalslenker kommen mit Pferdeköpfen daher und los geht die rasante Kutschfahrt. Ein kurzes, aber fantastisches Bild. Der Trick ist das Timing: eine unabkömmlich-notwendige, vom Ensemble fabelhaft gestemmte Qualitätskonstante in Wheeldons choreografischem Wunderwerk, das – gerade weil es vor allem märchenhaft sein will – herrlich unterhaltsam berührt. PB6 Cinderella

Ein Aufgebot an beeindruckenden Solisten ergänzt den Plot. So wird Cinderella vor ihrem Erscheinen auf dem Ball von Geistern der Jahreszeiten unterwiesen – angeführt von Marina Duarte (zart wie der Frühling), Shale Wagman (strahlend wie eine gewichtlose Feder im Sommer), António Casalinho (ein feuriger Staatsballett-Neuzugang als Herbst) und Kristina Lind (geheimnisvoll zurückhaltend für das, was der Winter bedeuten mag). Letztlich übertragen diese famosen Hingucker und ihr jeweiliges Gefolge auf Cinderella all ihre Leichtigkeit, Großmut und Klasse in einem Strudel aus Farben. Obwohl Madison Young als Premierenbesetzung in der titelgebenden Hauptrolle das eigentlich gar nicht braucht. Über ihre durchweg anmutige und lebensnahe Darbietung kann man – in jeder Hinsicht – nur schwärmen.

Einfallsreich ist die ganze Inszenierung und dank vieler Überraschungsmomente einfach perfekt. Zudem ist das Ganze mit multimedialem Beiwerk und einer Fülle findiger Kostüme angereichert, deren zahlreiche Träger sich von Szene zu Szene in einem offenen Bühnenambiente sozusagen nonstop die Türklinke in die Hand drücken. Rückblicke in die Kindheit und damit Auftritte dreier selbstsicherer Ballettakademieschüler inbegriffen. Mit gewaltigem Tempo ziehen unglaublich verspielte Details am Zuschauer vorbei. Ein Ding der Unmöglichkeit, alle bei der famos getanzten und zum Schluss heftig bejubelten Premiere gleich zu erfassen.

PB7 CinderellaDie erneut ausgesprochenen bzw. drohenden Corona-Restriktionen beschwören nun für die Work-Life-Balance eines jeden abermals eine dunkel-düsterere Weihnachtszeit herauf. Bizarr, wenn man bedenkt, was die inhaltlichen Auslöser der Geschichte des zur Küchen- und Haushaltshilfe degradierten Aschenputtel sind und dass auch Sergej Prokofjews mal unheilvolle, mal heiter-optimistische Ballettmusik vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, also höchst dramatischer Umstände komponiert wurde. Auf den Nachhauseweg kann man daher die beiden das Stück bestimmenden Grundideen mitnehmen: Über den Verlauf seines Lebens kann jeder selbst entscheiden – und Vergebung ist ein charakterlich sehr taffer und Glück zurückspiegelnder Wesenszug.

Musiziert wurde im Nationaltheater volle Kanne. Zu Recht gab es Bravos für Dirigent Gavin Sutherland und das von Dynamik sprühende Bayerische Staatsorchester. Auf der Bühne agierten fast zwei Drittel des Bayerischen Staatsballetts. Völlig eins mit den ihnen zugewiesenen Rollen. Vorneweg technisch sehr akkurat Jinhao Zhang als Prinz Guillaume und Jonah Cook als dessen bester Freund Benjamin. Vom Heiraten halten die beiden wenig und widersetzen sich den elterlichen Plänen erstmal durch den Tausch ihrer Funktionen und Klamotten. 

Das Pendant zu diesem spitzbübischen Paar sind Cinderellas Stiefschwestern. Edwina (Elvina Ibraimova) und Clementine (Bianca Teixeira) sind eine Schau – auch wenn hier keine Männer Spitzentanz humoristisch verhunzen.PB12 Cinderella

Die erste kommt nach der Mama, die sich beim Ball schamlos betrinkt (Prisca Zeisel): Von Edwina wird das garstige Tun der Schwester mitbestimmt. Diese aber verliebt sich wirklich und bekommt – trotz Brille und peinlicher Zankeinlagen bei Wheeldon – den Freund des Prinzen zum Mann. Am Schluss eines irrwitzigen Bräute-Defilees kann die Stiefmutter mit ihrem Kochutensil auf Elviras Fuß mit dem goldenen Schuh draufhauen, wie sie will. Sie bringt dadurch nur den bis dahin gebrochen-hörigen Vater (Javier Amo) aus der Reserve. Indem sich alle konflikthaften Zustände entwirren, klingt der dritte Akt bei einem Hochzeitsfest unter dem großen, einst aus Cinderellas Tränen gewachsenen Baum aus. Ein von Glück beseeltes Tanzen unter Funkeln und Leuchten. Die Umarmung zum Schluss: der Gipfel aller Träume und langgehegten Hoffnung.

PB13 CinderellaNur bei den Vier Schicksalen, deren Bein- und Sprungvariationen weite, nachtblau-schwarze Hosen umspielen, hätte man sich etwas mehr Scheinwerferpräsenz für die aus der Dunkelheit heraus auftretenden Interpreten gewünscht. Das erste Mal tauchen sie in der Eröffnungsszene auf und lassen Cinderellas plötzlich verstorbene Mutter einem Vogel gleich gen Himmel fliegen. Ab da greifen Nikita Kirbitov, Vladislav Kozlov, Sergio Navarro und Robin Strona immer wieder genau in jenen Momenten ein, in denen es eine Wendung zum Besseren geben kann. Stets unsichtbar für die Titelinterpretin, die sie regelrecht über ihren Armen und Köpfen dahinschweben lassen. Ein Alleinstellungsmerkmal unter den zeitgenössischen choreografischen Adaptionen ist das zwar nicht, die Power des gesamten Abends kann dagegen beflügeln.

Bayerischen Staatsballett: Christopher Wheeldons „Cinderella“, Premiere am 19. Dezember 2021, Nächste Vorstellungen: 25.11., 3. und 26. Dezember 2021 im Nationaltheater München. Die Vorstellung am 3. Dezember 2021 wird live auf staatsoper.tv übertragen. Ab Sonntag, 5. Dezember 2021, 12:00 Uhr ist die Aufzeichnung als kostenfreies Video-on-Demand für 24 Stunden auf staatsballett.de zu sehen.

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