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LiquidLoft HauerWie groß ist die Vielfalt im zeitgenössischen Tanz? Die „lange Nacht des Tanzes“ des Center for Choreographie Bleiburg/Pliberk (CCB) hat darauf relevante, begeisternde wie überraschende Antwort gegeben; und dies sowohl dem Tanz-Affinen als auch den nicht wenigen, die sich mit dieser Kunstform bislang eher kaum auseinandergesetzt haben dürften. Und eben diese auch einmal zu erreichen, war der künstlerischen Leiterin Anna Hein ein wichtiges Anliegen.

Eines, das bei der erstmaligen Konzeption dieses „Tanz-Marathons“ an 5 unterschiedlichen Orten in der Villacher Innenstadt (bislang erlebbar in Bleiburg, Gmünd, St.Kanzian, Millstatt, Feldkirchen und slovenj Gradec) insbesondere natürlich dort aufging, wo es sich um öffentliche Plätze handelte, zugänglich bei freiem Eintritt. LiquidLoft

LiquidLoft2Am breitenwirksamsten gelang es als ‚Villacher Zugvögel für eine Stunde der in Wien beheimateten Gruppe Liquid Loft mit ihrer hier präsentierten Wanderperformance (ursprünglich konzipiert für das Leopold-Museum Wien) „Stand-Alones (polyphony)“, die durch einen Teil der Altstadt mit ihrer Fußgängerzone führte. Das, was ihr künstlerischer Leiter Chris Haring hier gemeinsam mit seinen herausragenden, ausdrucksstarken Tänzerinnen (die in einzelnen Fällen auch Vertreter des bislang noch wenig bekannten Zungentanzes sind), an Solosequenzen ortsspezifisch entstehen lässt, dringt in auch noch so immer schon ungenützte oder auch nun verkalkte Gehirnganglien und lässt es dort genussvoll wachsen und treiben.

Ob es die Corona bedingte, Gestalt und Bewegung gewordene Vereinsamung, die Bedrohungen und Absurditäten (nicht nur) unserer (verbalen) Alltags- Welt (verstärkt erlebbar gemacht durch ein flexibles Soundsystem) oder aber die vielen unhörbaren Protestschreie sind, die der einzelne hier zu sehen und zu hören glaubt– egal. Es ist für jeden (auch wenn er diese Art der Handschrift der Gruppe schon erlebt hat) ein unvergessliches, zum Teil tief berührendes Erlebnis. Entsprechend dicht das stehengebliebene „Laufpublikum“ und manch offene Münder. MakeMake

Eingeleitet wurde das dichte Programm ‚didaktisch wertvoll‘ von Make Make Productions und ihren „Tanzgeschichten“, in denen die Choreografin Martina Rösler Bewegung als solche thematisiert und in ihrer Unterschiedlichkeit, bedingt durch die jeweilige historische, lokale und künstlerspezifische Basis, vorführt. Der aus 2 Tänzern und 4 Kindern sowie dem mitreißenden Musikinterpreten Manfred Englmayr bestehenden Gruppe gelingt nicht nur ein Unterstreichen von „jeder kann sich bewegen“, sondern vor allem auch eine gewisse Bewusstmachung von Bewegungsformen und -Qualitäten. 

RosalieWankaDer Dialog von Rosalie Wanka (Tanz) und Ana Topalovic (Cello) in ihrem „DAN_CE_LLO“ ist eine Klasse für sich, was schon in deren Kunst-Beschreibung im gut und informativ gestalteten Programmheft erkennbar wird: Wanka – Sichtbare Musik, Topalovic – Multicello. Es ist Fingerspitzenzartes, was sie als Solistinnen und im Miteinander in Form von Improvisationen auf die Bühne respektive an diesen spezifischen Ort, in einen Hinterhof unter einer Linde, zu zaubern verstehen. Singend, das Cello streichend, und auf diesem mit den Fingern und unter diesem auch immer wieder mit den Füßen tanzend. Explosiv und expressiv so wie Wanka ihren Körper tanzen lässt; ihre Finger auf diesem oder ihre Gliedmaßen in einem Fenster. Der Bühnenrand wird ihr zum Tanzseil, das stufige, alte Gemäuer zur ertanzten Kulisse. All dies nicht so sehr, um etwas zu erzählen, sondern aus unbändiger Freude am jeweiligen, ausnahmslos spontan wirkenden Tun. Nicht nur wenn sich Wanka kurz durch die Bühnenreihen bewegt, fühlt man sich unmittelbar mitgenommen – von ihr und von der Musik. 

Einen Dialog ganz anderer Art führen Perle Cayron und Maria Cargnelli, Cie.Bitter.Sweet , in ihrer hier als 15minütigen Ausschnitt von „Jamais je n’oublie“ gezeigten Produktion (s. Kritik 11.2.2019) . Es ist ein inhaltlich dominiertes, überaus emotionales Selbstgespräch so wie es zwei Monologe im Neben- aber vor allem im Mit- und Gegeneinander sind. Ja, ein Duett der Gefühle und Gedanken im Jetzt – „who are you? Who am I?“, „I am afraid of beeing“ – sowie in und mit der Vergangenheit – „Don’t forget. Please remember…me“. 
Ihrer unverblümten Körpersprache gelingt es auch in dieser Kurzversion, eine Kommunikationsebene zum Publikum aufzubauen und gestellte Fragen erkennen zu lassen. LNT0009

Dass die abstrakte Körperbilder-Welt der in den 80er Jahren entstandenen LUVOS Reihe von Editta Braun auch in der nunmehrigen, mit dem Element Wasser verbundenen Version „Hydraos “ nichts an Strahlkraft verloren hat, ist beeindruckend. Lebendigkeit in derart kreativer Formenvielfalt immer wieder neu und in dieser Version lediglich mittels dreier Körper entstehen lassen zu können, ist gleichermaßen verblüffend wie faszinierend. Was an außergewöhnlichem Bewegungspotential für die Tänzerinnen Anna Maria Müller, Martyna Lorenc und Sonia Borkowicz notwendig ist, kann erahnt werden, die gleichermaßen gefragte Konzentrationsfähigkeit im exakten Zusammenspiel vielleicht schon weniger. Aber diese Reflexionsebenen verlässt der Zuseher ohnehin nach kurzer Zeit: Dem Sog dieser dem Menschlichen normalerweise fernen Formen und Bewegungsabläufen ist nicht zu entkommen, Alltagserwartungen und gängige Rezeptionsverhalten können nur abgelegt werden, um sich in dieser wertbefreiten, unbekannten Welt dem Wogen, Verformen, Kommen und Verschwinden genussvoll hinzugeben. 

Die Ver-Formbarkeit und daraus resultierende Formenvielfalt menschlicher Körperteile ist grundsätzlich auch das „Arbeitsmaterial“ von Howool Baek (Choreoaphy*Movement* Live Video-Streaming) und Matthias Erian (Composition `Live Music`Video Streaming) in „Nothing for 60min – media part“. Allerdings wird die Reduktion des Körpereinsatzes, der im Agieren zweier bewegter Hände und ebenso vieler Unterarme besteht, durch variierende Projektionstechniken wettgemacht respektive ergänzt. Auch hier wird mit Sehverhalten gespielt, es wird auf den Kopf gestellt und hinterfragt. Die dem künstlerischen Tun zugrundeliegende Intention ist, dass sich der Betrachter der uneingeschränkten Freiheit in der Interpretation der Echtzeit-Videos bedient, so dass letztlich er es ist, der die Bilder kreiert. Eine Art des unbeschwerten, einfallsreichen Loslassens wird hier gefordert, was vielleicht nicht jedermanns Sache ist; vergnüglich ist das immer wieder überraschende Formenspiel allemal.

LeonieWahlDas Solo „It Can Be Anything“ von und mit Leonie Wahl stellt nochmals das Phänomen des Erinnerns in den Mittelpunkt. In ebenso feinen wie kraftvoll-dynamischen Bewegungssequenzen arbeitet sich die erfahrene Künstlerin tastend suchend, sich auflehnend wie geduldig, so explosiv und zielstrebig wie verzweifelt an Erlebtes, an gegebene oder imaginierte Grenzen heran. Unzählig scheinen die Versuche, zumindest Ordnung zu schaffen, zumindest bei sich selbst, im und am eigenen Körper. Aber zu dominant ist die Unsicherheit, eine, die in allen Facetten zum Vorschwin kommt. Funktionieren – dies alleine scheint zu funktionieren. „And then?“ In sehr zeitimmanentem Bezug wird ungeschönt von Wahl aufgedeckt und klar, dass vieles aus dem Gelichgewicht, aus den Fugen geraten ist. Sie schenkt sich in dieser Performance nichts – und dies erwartet sie wohl auch von der Aufnahmebereitschaft ihres Publikums. 

And then?

Dass kurze, rekapitulierende Auftritte der Künstler und Künstlerinnen einen von Anna Hein arrangierten Abschlussreigen bilden, tut wohl und wird der stimmigen Veranstaltung sehr gerecht. 

CCB: "Lange Nacht des Tanzes" am 18. August in Villach