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askyourboss 2Mit toxic dreams und ihrer neuen Produktion “The Art of Asking your Boss for a Raise” weihte das Wiener Theater brut nicht nur die neue Saison, sondern auch seine neue Spielstätte in Wien Brigittenau ein: brut nordwest im 1.600 Quadratmeter großen Industrie- und Bürogebäude im ehemaligen Nordwestbahnhof mit Aufführungs-, Proben-, Büro- und Lagerräumen.

Das Areal mit seinem Industriecharme bietet freien Künstler*innen eine Riesenspielwiese für kreative Ideen. Bevor man in den großen Theatersaal gelangt, wird man im Vorraum von der Videoinstallation „Airy Matters“ von Andrea Gunnlaugsdóttir und der Postkartenaussellung „Connecting Views“ von Sööt/Zeyringer empfangen.

Im flexibel zu gestaltenden Theaterraum sitzt das Publikum rund um die Bühne, auf der eine Miniatur-Bürolandschaft eingerichtet ist. Es ist vor Bürobeginn, der Putztrupp ist noch mit dem Staubsauger zugange. Dann treffen die Angestellten ein und das Drama um die Gehaltserhöhungs-Verhandlungen beginnt. Das heißt, Verhandlungen gibt es lange keine, dreht sich das Geschehen doch vorerst um die Frage: was wäre wenn? Etwa, wenn der Boss gar nicht in seinem Büro ist? Wartet man? Schaut man bei einer Kollegin vorbei? Geht man einfach ziellos durch die Büros? Derartigen Fragen beschäftigen den Angestellte immer wieder im Laufe seines Arbeitslebens. Ungefähr im Zehnjahresrhythmus wiederholt sich der Ritus. Selbst wenn sie zum Vorgesetzten vordringt, dort Gehör findet, wir ihrem Wunsch nicht nachgekommen. Die Firmen-Auszeichnung zum „Mitarbeiter des Jahres“ ist eine Ehre, die anschließende Party stößt ihn aber in eine Schuldenkrise – zu blöd! Am Ende ist er 88 Jahre alt und schleppt sich mit größter Mühe noch einmal in das Büro des Abteilungsleiters … askyourboss 3

Yosi Wananu hat für seine Bühnenadaption den Kurzroman von George Perec aus dem Jahr 1968 akribisch seziert und den Text auf sechs Personen aufgebröselt (siehe auch Interview auf tanz.at). Dieser kluge Kunstkniff erhält die Spannung, denn im ewigen Zyklus des wiederholten Scheiterns fasziniert das perfekt choreografierte und synchronisierte Konzert der Performer*innen Markus Zett, Anat Stainberg, Isabella Händerl, Stephanie Cumming, Florian Töbinger und Anna Rot. So werden die Anläufe Richtung Gehaltserhöhung zu einem kollektiven Unterfangen und repräsentieren überzeugend die Tretmühle des Büroalltags. In diesen mischt sich gelegentlich das epidemische Schreckgespenst „Masern“, das Anna Mendelssohn mit rot getupftem Gesicht ganz cool verkörpert, indem sie mit statistischen Fakten dazu aufwartet.

askyourboss 1„The Art of Asking your Boss for a Raise” ist im Werkkatalog von toxic dreams auch aufgrund der Textvorlage ein außergewöhnliches Unterfangen. Dennoch verfolgt das Team auch darin die bewährte Strategie. Großartig konzipiert und ebenso umgesetzt, geht es zwar um die Dekonstruktion einer Idee, doch es wird mindestens ebensoviel Sorgfalt in die Rekonstruktion des Narrativs gelegt. Ähnlich wie Benjamin Britten bei seinen Variationen über ein Thema von Purcell. Einspielungen daraus umrahmen die Soundinstallation mit Bürogeräuschen aus einem halben Jahrhundert, die dezent im Hintergrund zu hören ist. Dem Zuschauer eröffnen sich so wieder vielschichtige Lesarten, die dem kafkaesken Plot immer wieder neue Wendungen geben. 

Toxic dreams: „The Art of Asking your Boss for a Raise” am 5. Oktober 2021 im brut nordwest. Vorstellungen bis 8. Oktober