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Ailes042Vielleicht muss man Wim Wenders‘ und Peter Handkes Film „Der Himmel über Berlin“ unter seinem internationalen Titel gesehen haben, der, übersetzt, „Flügel der Sehnsucht“ lautet, um zu ahnen, dass das gedankentiefe, so wortgewaltige wie wortreiche filmische Meisterwerk dem Tanz und seinen wortlosen Möglichkeiten näher verwandt ist als es scheinen mag. 

„Der Himmel über Berlin“ erzählt von einem Engel, der nicht länger die Menschen nur beobachten und gelegentlich beschützen, sondern Mensch sein, das Leben und die Liebe selbst spüren möchte. Was Wenders und Handke mit ihren Mitteln der Sprache und des Films sagen und zeigen, eignet sich wunderbar als Stoff für eine tänzerische Gestaltung. Nach Nacho Duato und Tomaž Pandur 2006 in Madrid mit „Alas“ („Flügel“) zeigt das jetzt in Straßburg bei dem dort sowie in Colmar und Mulhouse residierenden Ballet national du Rhin Bruno Bouché, Direktor und Chefchoreograph des Ensembles: Sein „Les Ailes du désir“ ist ein in zwei Teilen neunzig Minuten langes modernes Handlungsballett – bildstark, atmosphärisch dicht, elegant, poetisch, zärtlich und très sexy.Ailes016

Bouchés getanzter „Himmel über Berlin“ ist nicht nur eine Nacherzählung des Films, aber auch. Wenders‘ Figuren sind da, die markanten Momente und Orte der Handlung, die Grautöne. Damiel (Marwik Schmitt), der vom Engel zum Menschen wird, sein Freund Cassiel (Alain Trividic) und die anderen gedankensammelnden Engel in der Bibliothek, Homer (Pierre Doncq) in seiner Verzweiflung über das Böse, Peter Falk (Marin Delavaud), der Filmstar und ehemalige Engel, und seine Damiel dargebotene Hand als Brücke ins Leben, die Einsamkeit Marions (Julia Weiss) am Trapez, ihre Selbstbefragung im Spiegel und ihr Liebes- und Lebensglück an der Seite Damiels. Selbst die Musikcollage, erstellt von Jamie Man und Bouché, die keinerlei Anleihen bei der Musik des Films macht, atmet in Kompositionen von Sibelius und Messiaen bis John Adams, von Bach bis zu den Einstürzenden Neubauten, dennoch durch und durch die Atmosphäre des Films.

Ailes012Doch Bouché erzählt nicht nur den „Himmel über Berlin“ nach. Mit Unterstützung des Dramaturgen Christian Longchamp holt er den Film von 1987 zugleich in unsere Zeit und denkt und interpretiert das Versprechen weiter, das Wenders und Handke am Ende ihres Werks mit der Einblendung „Fortsetzung folgt“ gaben.

In „Les Ailes du désir“ hat sich das Bild von Berlin und seinen Menschen gewandelt. Gebaut aus mobilen grauen Quadern und leuchtend monochromen Projektionen (Bühne: Aurélie Maestre, Video: Étienne Guiol, Licht: David Debrinay), gekleidet in dezenten Unisex-Chic in Schwarz-Weiß-Grau mit seltenen, kräftigen Farbmomenten (Kostüme: Thibaut Welchlin), siedelt Bouché sein Ballett in einem universellen Stadtbild an - ohne Mauer, ohne die hässlichen „Ecken“ des alten West-Berlin, die Wenders faszinierten. Und Nick Cave (Avery Reiners) performt hier für fetischbekleidete Party People wie aus den intimen Schattenzonen des Berghain-Clubs, dessen Erfindung 1987 noch Zukunftsmusik war.Ailes087

Vor allem aber ist es die hinzuerfundene Figur des Engels Samaël, an und in der sich Bouchés Interpretation des Films aus heutiger und sehr persönlicher Sicht zeigt. Als gefallener Engel der (schwulen) Verführung erlebt Samaël (Cauê Frias) bei Bouché eine Entwicklung, die sogar radikaler ist als jene Damiels: Vom Narzissten zum Altruisten, der am Ende des Abends seinem persönlichen (Schutz-)Engel gegenübersteht.

Ailes032Dank der Figur des Samaël gelingt Bouché das Kunststück, ohne Worte, allein durch Tanz, die Essenz des Films in sein eigenes Metier zu übersetzen und ins Heute zu holen: Das Gute und das Menschliche sind möglich. Immer noch. Sogar im Ballett, und in „Les Ailes du désir“ auch so: Den zweiten Teil bildet eine handlungslose Choreographie getanzter Lebenslust für das gesamte, 32-köpfige Ensemble, klassischer angelegt als der Handlungsteil zuvor, mit den Damen nun auf Spitze, die das Mensch-Sein und das Menschlich-Sein feiert, das Miteinander und Zusammengehören, die Einheit in Vielfalt und das Leben an sich. Diese Botschaft beglaubigt ein ethnisch diverses Ensemble, das – in Top-Form – homogen tanzt undzugleich Individualität ausstrahlt.Ailes062

So lernt man mit Damiel, frei nach Wenders und Handke, das Staunen an diesem Abend in Straßburg. Über einen Choreographen, an der Pariser Oper zum Tänzer geformt, der in seinem ersten abendfüllenden Werk den identitären Diskursgewittern, die auch über Frankreich niedergehen, selbstbewusst einen getanzten Spiegel aus Humanität, Empathie und Hoffnung entgegenhält. In einer schönen, fließend modernen Ballettsprache, deren französisch parfümierte klassische Grundlage stets gegenwärtig und dabei keinen Moment lang von Gestern ist.

Ballet du Rhin: „Les Ailes du désir“ am 30. Oktober 2021 in der Opéra Strasbourg (www.operanationaldurhin.eu). Weitere Vorstellungen am 13., 14. und 15. November in Mulhouse, La Filature.