hello worldDie Wissenschaft sucht immer noch nach Beweisen. Im Kunstraum Theater jedoch, und im Internet sowieso, kann die Auferstehung von den Toten Wirklichkeit werden. Der 1995 verstorbene US-amerikanische Maler und Fernseh-Moderator Bob Ross, berühmt geworden durch seine mit künstlicher Afro-Frisur im TV gehaltenen Malkurse, entsteigt in „Hello World“ dem erd-gefüllten Sarg. Und die Frisur sitzt.

„MAIN( ) {PRINTF("HELLO, WORLD\N");}“, so der vollständige Titel der hier nach Pandemie-bedingter Verschiebung endlich uraufgeführten Performance, ist dem Syntax einer Programmiersprache nachempfunden. Das Ergebnis, ein „Hello Wold“ auf dem Bildschirm, ist für viele Jung-Programmierer das erste Erfolgserlebnis. Und der Beginn von Kommunikation. Von deren Gelingen und Misslingen berichtet diese Arbeit.

Das Künstler-Duo Roland Rauschmeier, Philosoph und Konzeptkünstler, er beschäftigt sich mit Malerei, Skulptur, neuen Medien und Performance, und Pasi Mäkelä, finnischer Performer, Musiker und Konzeptkünstler mit Wohnsitz in Prag, nutzt die Kunst als ihre Sprache und das Theater als Medium, um mit ihrer Kunst ein Spiegelbild der Gesellschaft zu produzieren und zu präsentieren. Ein „simulacrum 5e“, wie es im Programmzettel heißt.

Das Original und dessen Abbild, erzeugt, entstanden und einzig noch wahrgenommen in Massen- und sozialen Medien, im Internet, auf Leinwänden, in den Hirnen und Herzen von kommunikativen Sendern und Empfängern. Um auf die Wände dieser Höhlen nur noch Schatten zu werfen, die als Trugbild schließlich sich der Rezeption durch die Masse anempfehlen. Und zu allem (Un-) Glück noch dazu gebar die Pandemie das Geheiß, seine Kunst, wenn möglich, ins Internet zu stellen, auszulagern aus real existierenden Räumen in virtuelle. 

Unter bunten Masken versteckt und in mehrschichtige, vielfarbige und zusammenhanglose Kostümschichten gehüllt performen elf Wesen eine groteske Verkaufs-, Spiel-, Koch- und Unterhaltungsshow, absurd, komisch, hintergründig, komplex in ihrer Bildsprache und ihrer Deutungsfülle. Stetig über die Abgründe von Kunst und Menschsein geneigt wandeln die Elf (alp-) traumhaft (un-) sicher durch (ir-) reale Welten, die sie musikalisch, darstellerisch, bildnerisch und tänzerisch kreieren.

Die Fundamente dieser schrill-bunt-chaotischen Performance reichen weit in Wissenschaft, Kultur, Kunst und Gesellschaft. Linguistik und Informatik, Philosophie und Psychologie, Musiktheorie und Didaktik, Malerei und Theater, Globalisierungs- und Gender-Problematik. Auf vielen Ebenen kollidiert scheinbar Unvereinbares, um zu verschmelzen. Die Musiker etwa wachsen aus wüstem stimmlich-rhythmischem Geräusch in ein finales Arrangement, das, fragil zuweilen, aber im Ganzen wie gelungene musikalische Interaktion klingt. Die Jazz-Musiker bringen von vollkommen Free bis Fusion vieles an die Ohren. Wunderbar!

Sieben Originale, verschiedenfarbige, ineinander geschachtelte Rechtecke auf großformatige Leinwände gemalt, grenzen hinten den Bühnen- vom einsehbaren Backstage-Bereich ab. Roland Rauschmeier alias Bob Ross zeigt sich mit seinem live an der senkrecht aufgerichteten Sarg-Staffelei per Farbflaschen, die er wie einen Sprengstoffgürtel um den Bauch geschnallt trägt, erzeugten achten Bild als Schöpfer auch der ersten sieben. Irgendwann einmal der Reihe nach angestoßen, schwingt jedes Bild mit seiner eigenen Frequenz. Wieder so ein leicht übersehbares Bild für Diversität, geboren aus dem einen großen, mit allen Frequenzen Schwingenden …

Sprache, hier gibberisch, eine Fantasie-Sprache, spielt eine große Rolle. Wenn Bob Ross auf einer Säule stehend eine Brandrede hält auf -, oder gegen -? Was? Ist egal. Der Habitus passt. Es ist köstlich anzuhören und zu sehen. Und irgendwie versteht man ihn. Leider muss er sterben. Erschlagen von einer Frau, vor seiner Sarg-Staffelei. Ihr Unverständnis für seine Malerei machte sie wütend. Und wozu noch? Pech gehabt? Oder nur Symptom für tiefer liegende Ursachen? Auch der Mann mit der Penis-Nase, den riesigen Brüsten unter seinem Kleid und den langen blonden Kunsthaaren hat Einiges zu sagen, dann zu singen. 

Sie dekonstruieren alles und setzen es anders wieder zusammen. Neues entsteht. Sie stellen der ewigen Reproduktion des immer Gleichen die gegenseitige Befruchtung von unterschiedlichsten Einflüssen gegenüber. Die Sprachen, mit denen diese kommunizieren, existieren (Musik, Malerei, Kunst) oder werden neu entwickelt. Jede Programmiersprache, ihr gibberisch, jede Kultursprache zeugt von der Notwendigkeit von Entwicklung, Fortschreiten. Sie weisen auch damit auf die Lebendigkeit von Kulturen als nicht-statische, sich sehr dynamisch entwickelnde Systeme. Den abgrenzenden Vorwurf von „kultureller Aneignung“ führen sie ad absurdum.

An den Nahtstellen von Kunstgattungen und Kulturen entstehende Interferenzen als Tool für die Schaffung anspruchsvoller Inhalte. Das Profane, aus dem Profundes wächst. Aus dem Absurden entsteht unerwartet Bedeutung, überraschend in Kontext und Sinn, Aktualität und Vision. Die Vielfalt wird zum Credo und und zur Basis für Neues, das Schöpferische wird zum Element, das Bestehendes hinterfragt und transzendiert, aus dem Realität wächst.

Orientierung finden in bröckelnden Wertesystemen, Selbstoptimierung hinein in hochdynamische Strukturen, Halt suchen auf von politischen und gesellschaftlichen Sturmwinden umtostem Terrain, Identität kreieren in den Fluten von Diversität, Austausch ermöglichen in einem Meer von abgegrenzten Entitäten, und letztlich Harmonie erleben in der Vereinigung mit dem Andersartigen.

„Hello World“ ist Vollgepackt mit Bedeutung, die sich durch die brachial präsentierte performative Oberfläche hindurch kämpfen muss. Und über allem scheint die Botschaft zu schweben, dass jeglicher Sprache, ob künstlerischer, lingualer oder physischer Natur, etwas allgemein Verständliches und Verbindendes innewohnt. Sich auf die Suche nach diesen Gemeinsamkeiten zu begeben ist der erste, wichtigste Schritt hin zu einer das heutig Menschliche überwindenden, wahrlich menschlichen Gesellschaft. Eine bitter-süße Utopie für unser krisengebeuteltes Jetzt.

Roland Rauschmeier und Pasi Mäkelä mit „Hello World“ am 19.10.2022 im WUK Wien.

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