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Was in den 90ern in Paris auf eine ganz spezielle Weise aus dem bis dahin dominierenden Hip-Hop destilliert wurde, war durch Spiele zwischen den TänzerInnen und dem Boden, durch einen ganz besonderen Umgang mit ihm gekennzeichnet. Es entwickelte sich eine Sensibilität, die die Tänzer für das 2018 entstandene Stück „Wild Cat“des jungen französischen Choreografen Saïdo Lehlouh mitbringen mussten. Sie haben sie gebraucht.

Wie aus kuscheliger Nähe zum Menschen, direkt vor dem Publikum liegt ein Tänzer auf der Bühne, schleicht er im Dämmerlicht auf die Bühne, hinein in die große Welt da draußen. Straßengeräusche und zwei Gleichgesinnte empfangen ihn. Sehr langsam, ganz weich und fließend, bewegen sie sich synchron zum Klang gezupfter Saiten und dem einer Frauenstimme. Immer mehr „Katzen“ erscheinen aus dem Dunkel.

Der Sound, die Musik von Awir Léon, Roy Vision und Floyd Shakim changieren zwischen Geräusch- und Klangkulisse, naturinstrumental begleitetem Gesang und rhythmischen, langsamen Beats. Bemerkenswert ist die Entkopplung zwischen Musik und Tanz. Nicht der Rhythmus der dem Rap unterlegten laut dröhnenden Bass-Drums steuert die Bewegung, sondern der Fluss der Choreografie wird zum dominierenden Faktor für das Bühnengeschehen. Die Loslösung von musikalischen Genres und jedem Rhythmus führt in eine gewisse Abstraktion, die, „Wild Cat“ ist beeindruckender Beweis dafür, nicht zwangsläufig in die Kälte führen muss.Lehlou2

Die Geschmeidigkeit der Tänzer und die ihres Tanzes sind überraschend. Saïdo Lehlouh nimmt dem Hip-Hop seine Kantigkeit und Spröde. Er lässt den Performern einerseits viel Raum für die Präsentation ihres ganz individuellen Könnens und Bewegungsmaterials. Andererseits arrangiert er ein Setting, in dem die Wahrnehmung des Anderen zu einem zentralen Merkmal wird. Die Aufmerksamkeit, die die Tänzer einander schenken und mit der sie, in ständigem Fluss, aufeinander reagieren, ist geradezu herzerwärmend. 

Manchmal begleiten die Tänzer stehend und gehend einen der ihren bei seinem Solo, umringen ihn auf seinem Weg über die Bühne. Wie bei einem Streifzug durch den Wald, durch die Gärten oder über die Dächer der Nachbarschaft. Einzelaktionen, die die individuelle Meisterschaft der Tänzer, jeder von ihnen hat sich autodidaktisch sein Material erarbeitet, zeigen, werden auch wie in einem Battle, der wichtigsten Form der Präsentation einerseits und der Kreation neuer Moves wie im Probenraum andererseits präsentiert. Die Aufrichtigkeit der Tänzer-Persönlichkeiten, die Ehrlichkeit der Moves und die Fragilität, die dem Fluss der Choreografie seine Selbstverständlichkeit nimmt, strahlen aus dem Halbdunkel der Bühne.

Lehlou4Aus der Verschmelzung von Akrobatik, Kraft, Breaking (Break-Dance ist eine Bezeichnung aus der Community-fernen Welt, wie wir auf der „bewegten Einführung“ vor der Vorstellung lernen durften) auf Weltniveau, hohem ästhetischen Anspruch und der ganz eigenen Raffinesse der Bewegungen entsteht faszinierender Tanz. Sie freezen perfekt synchron Gruppen-Skulpturen, zeigen Kraft-Elemente, Leichtigkeit und physische Flexibilität, ungemein kreativ entwickelte Moves und weiches Gleiten durch die Bewegungselemente und den Raum.

Das Licht von Judith Leray schafft mit variantenreichem indirektem Licht von oben, den Seiten und mit sanften Spots Atmosphären, die eines gemeinsam haben: Nie wird es wirklich hell auf der Bühne. In permanenter Abend- oder Nacht-Stimmung scheinen die Katzen durch die Nebel der Stadt oder im Dickicht der Wiesen umherzuschleichen.

Dass „Wild Cat“ hier von sieben Männern getanzt wird, hat weniger konzeptuelle als besetzungstechnische Gründe. In anderen Aufführungen tanzt auch eine Frau, Mitglied der Kompanie „Black Sheep“, die Saïdo Lehlouh 2015 gemeinsam mit Johanna Faye gründete. Trotzdem scheint das Aufbrechen männlicher Stereotype ein willkommener Nebeneffekt dieser Arbeit zu sein. Lehlou3

Die Community, von der Lehlouh in einem Interview erzählt, die den Hip-Hop als ihren kulturellen Background, besser noch als die Basis ihres Zusammenlebens betrachtet, wird in dieser Arbeit als eine Wertegemeinschaft beschrieben. Das Einbringen der eigenen Fähigkeiten, sich angstfrei zärtlich und verletzlich so wie kraftvoll und leidenschaftlich zu zeigen und sich damit versichert zu wissen als ein in seinem So-Sein geachtetes Mitglied der Gemeinschaft transportieren sie wie eine träumerische Utopie ganz nebenbei mit diesem Stück in die Welt.

Die aufgehende Sonne, ein gelbes Licht blendet von hinten durch die Gruppe strahlend das Publikum, beendet die nächtlichen Streifzüge. Und diese viel zu schnell vergangene Dreiviertelstunde. Es bleibt ein Gefühl von Aufgehoben-Sein, eines vom warmherzigen und respektvollen Miteinander trotz vieler individueller Unterschiede. Eines von Frieden.

Saïdo Lehlouh mit „Wild Cat“ am 29.10.2022 im Festspielhaus St. Pölten.

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