lefkowitzWas überhaupt Teile sind, wozu sie gehören und wie man sie zusammenfügt legen die beiden KuratorInnen der insgesamt sechstägigen Veranstaltungsreihe „Together The Parts“ des Tanzquartier Wien weiträumigst aus. Das gestattet, ein riesiges Spektrum von künstlerischen Positionen und performativen und diskursiven Formaten unter diesem Dach zu vereinen. Und es ermöglicht einzigartige Erfahrungen für die auch teilnehmend Zuschauenden.

Katalin Erdödi, eine in Wien und Budapest lebende Kuratorin, Dramaturgin und Autorin, und der Wiener Choreograf, Performer, Tänzer und bildende Künstler Philipp Gehmacher kuratierten gemeinsam die an zwei langen Wochenenden / sechs Tagen stattfindenden Zusammentreffen mit dem Ziel, „kollektiven Austausch zu formen“ und „nicht nur passiver Zuschauer, sondern aktiver Teil der eigenen Erfahrung“ zu sein (Erdödi). Und Gehmacher: „Wahrnehmen, Zuhören, Mit-Tun und Mit-Sein ist Lebenszeit, Zeit der eigenen ästhetischen Erfahrung und Zeit der Körpers.“

Der Tag 2 hat allein das Momentum Zeit schon gehörig beansprucht. Sieben Stunden, die mit der von der in Paris lebenden Performance-Künstlerin Myriam Lefkowitz entwickelten „One-on-One-Session“ „How Can One Know in Such Darkness?“ eröffnet wurden. Mit geschlossenen Augen und ohne meine Schuhe wurde ich von einer der sieben PerformerInnen in das dunkle, von außen nicht einsehbare „sensorial tent“ geführt. Mit den Füßen touchierte ich weiche Dinge auf dem Boden. Hingelegt und weiterhin die Augen zu, aufgefordert, mich dem Spüren hinzugeben, hörte ich die leisen entspannenden Klänge, die aus der Halle G auf die Empore drangen. 

Fast eine Stunde dauerte die „Behandlung“ durch offensichtlich mehrere PerformerInnen. Leiseste Berührungen an den Zehen, Füßen, den Armen und Beinen, auf Brust und Bauch, die sich verstärkten bis hinaus über den Punkt der Gewissheit, dass da etwas stattfindet, die anhielten, sich abschwächten bis hin zur Grenze der Wahrnehmbarkeit, länger, kürzer, großflächig oder etwas konzentrierter, singulär oder mehrere gleichzeitig, ein Windhauch auf dem Gesicht, die die körperliche Aufmerksamkeit und Sensibilität auf das Höchste forderten und gleichzeitig ungeheuer entspannend wirkten. Weiche Knie und eine ganze Weile des wieder Auftauchens nach dem Zurückkehren in die Welt waren die Folge. Eine einzigartige, viel kürzer empfundene Erfahrung von immenser Intensität, die die Teile des Körpers für sich, den Körper als physisch-sensorische Einheit und die ganz individuellen, körperteil-spezifischen physischen Limina erleben ließ. Großartig!

Sabina Holzer,  Performancekünstlerin, Autorin und Bewegungspädagogin, der Bildhauer Hans Schabus und Philipp Gehmacher luden in ihrer Performance „plumbing, levelling, propping that matter“ das auf der Bühne verteilte Publikum ein zu einer „tournée/practice-in-motion“. In englischer und deutscher Sprache und mit getanzten, performten Intermezzi diskutierten sie in einem Setting aus bildnerisch-installativen Elementen (Eisenstangen, ein Gerüst-Fragment, Kisten, Kissen, ein buntes Tuch hängt hinten) Aspekte der Unterstützung, die der Boden oder Dinge dem Körper geben, der Relationen, gegenseitigen Bedingtheiten und (Un-) Abhängigkeiten von Boden, Sockel und Figur darauf, des Raumes „als Kleber für die Beziehung zwischen dem Sehenden und der Skulptur“ und der Verantwortung für diese Beziehung, „dass sie relational ist“. Sabina Holzer, die sich in das Gerüst-Fragment legt, erfährt Mikro-Support durch diverse dann ein- und untergelegte Kissen.

Kunst, Künstler und Publikum kommen auf physisch und gedanklich intime Weise zusammen. Die Sichtweisen und Perspektiven mehrerer künstlerischer Gewerke werden sprachlich-performativ nebeneinander gestellt, auf ihre Allgemeingültigkeit untersucht und letztlich als ein gemeinsames Fundament herausgearbeitet. Kluge mentale und physische Reflexion in einem ungezwungenen, improvisatorischen Ambiente. Nachdem die Zuschauenden auf die Tribüne gebeten wurden, vereinte Hans Schabus die verstreut liegenden Teile zu einer Skulptur. Eisenstangen mit Kissen, Kisten und schwarzem Tuch. Ein Multi-Level Get together the parts.

„Promenade“ von Elizabeth Ward, gemeinsam mit Samuel Feldhandler und Yoh Morishita getanzt, führte zum elektronischen Sound von Özgür Sevinç durch Stile und Zeitalter des Tanzes. Mehrere halbkreisförmige, schaumstoffumwickelte, gebogene Stahlrohre auf Holzblöcken, die den ganzen Abend Requisiten oder Sitzgelegenheiten abgeben, strukturieren die ansonsten leere Bühne. Durch sie hindurch und über sie hinweg gleiten sie langsam, fließend weich, binden barockes, klassisches, postmodernes und zeitgenössisches Material mit unmerklichen Übergängen. Hüpfen, Drehungen, winkelnde Bein- und viel ausladende Armarbeit. Jeder für sich. Als der Sound vom Wummern ins Kratzen und Ächzen sich wandelt, drängen sich sich hinten zusammen und von der Bühne. Wie ein Spaziertanz durch Stile und Zeiten. Die Sujets der anderen Beiträge wohl am stärksten kontrastierend und doch organisch sich einfügend in das Konzept des Abends, der Veranstaltung.

Drei Teile oder Momente, die ZuschauerInnen, der Raum und die künstlerische Arbeit, beschreibt Philipp Gehmacher in der kurzen Ansprache der beiden KuratorInnen als maßgebliche, sich hier begegnende Elemente von „Together The Parts“. Und Katalin Erdödi weist hin auf die bewohnbare Landschaft, die hierfür geschaffen wurde. Neben den variierenden Bühnen-Settings wird als Konstante die Tribüne geteilt von Seilen, in die ein aus vielen kurzen Stricken geflochtenes Netz gespannt wurde, groß genug, um einen Menschen aufzunehmen. Skulptur gewordene Intention. Ein Monitor in den entstuhlten Sitzreihen, in Schleifen werden die Beiträge abgespielt, berichtet zum Beispiel von den Deutungs- und Bedeutungs-Ebenen der Kastration von Eunuchen. Neben der Entfernung ihrer Hoden wurde/wird ihnen auch der Penis abgeschnitten. Auf der anderen Seite des Flechtwerkes tront weiter oben das Bildnis einer Frau, die rechte Hand zum Victory-Zeichen erhoben. Darunter „Solidarnosc“ und „HARDA“.

Sicher auch ein Bezug zur Lecture-Performance „Queer Archives Institute: Shifting Narratives“ des polnischen Malers und Visual Artist Karol Radziszewski, Gründer des „Queer Archive Institute“ (2015) und Herausgeber des „DIK Fagazine“ (seit 2005), der seine Forschungsarbeit zur Geschichte der Queerness in Osteuropa vorstellte. Sehr viele Fotos schickte er auf die Reise durch den ZuschauerInnen-Kreis, garniert mit Anekdoten und Erzählungen seiner inzwischen weltweit geschätzten und präsentierten Dokumenten-Sammlungen, die inzwischen das Zentrum seiner äußerst breitbasig angelegten, die kulturellen, geschichtlichen, sozialen und Gender-Aspekte betrachtenden künstlerisch-archivierenden Arbeit darstellen.

Das Publikum war eingeladen, in „When we speak I feel myself“ auf der Bühne zum elektronischen Sound von Jamila Johnson-Small, aka Serafine1369, spontan und vor Allem den eigenen Impulsen nachgebend in Stille zu verharren oder sich zu bewegen. Nach Belieben, Wohlbefinden und nur auf den Takt der minütlich erfolgenden Zeitansagen der in London lebenden Tänzerin, Performerin, Mixed Media-Künstlerin, Autorin und Forscherin hörend, die eine Veränderung von Positionen, Bewegungen oder Skulpturen gleichen Körperhaltungen initiieren sollten.

Atomisierte, nur selten bewusst miteinander kommunizierende Körper im Raum, in der Positionierung untereinander und als Stellung der Körperteile zueinander. Die philosophisch-spirituelle Dimension dieses im wahrsten Wortsinne Happenings entwickelt sich aus den Aktionen der Einzelnen. Raum für sich beanspruchen, anderen Raum geben und lassen, als Gruppe von Individuen im begrenzten Raum koexistieren und kommunizieren, kollaborative Möglichkeiten erforschen und entwickeln. Das Sichtbarwerden von gruppendynamischen Prozessen und der sie beeinflussenden individualpsychologischen Konditionierungen überrascht wie auch die Kraft, die dabei entsteht. Vollkommen ungeplant und ungeprobt. Das Energie-Niveau steigt während der eingesprochenen Minuten spürbar. Von außen wirkt das Ganze fast wie eine dynamische Aufstellung (nach Bert Hellinger), in der die Teilnehmer ihre Beziehungen untereinander in wechselnden Konstellationen untersuchen. Vermutlich aber spüren die wohl Allermeisten davon wenig ... 

Sehr unterschiedliche performative Präsentations- und Partizipationsformate verschmelzen unter dem Dach von „Together The Parts“ zu einem beeindruckenden Ganzen, das seinerseits offen bleibt für weitere künstlerische Interventionen. Und das neugierig macht auf all die anderen für diese sechs Tage programmierten Beiträge. Das Konzept von „Together The Parts“ geht auf. Voll und ganz.

„Together The Parts“ Tag 2 am 12.11.2022 im Tanzquartier Wien.

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