BW allSo viel Glück muss man erst einmal haben! Fünfmal hat es im Laufe des 18. Juli in Graz geregnet, zuletzt zwischen halb fünf und fünf am Nachmittag. Aber pünktlich zur Performance-Eröffnung „poetic islands“ des Internationalen Tanztheaterfestivals Graz klarte der Himmel auf und 30 Minuten geballte Tanz- und Performance-Power fanden open air statt.

Die künstlerische Leiterin Ursula Gigler-Gausterer durfte sich über das Wohlwollen des Wettergottes freuen und damit auch über die Möglichkeit, eine bisher einmalige Performance unter freiem Himmel zu zeigen. Mit dem diesjährigen Festival besteht die Internationale Bühnenwerkstatt mit dem angeschlossenen Festival 30 Jahre. Und so wurde dieses Jubiläum mit 30 Tänzerinnen und Tänzern zu feiern. 

Die Grazer Institution gilt nicht nur in der österreichischen Tanzszene, sondern darüber hinaus als etabliert und holt alljährlich zeitgenössische Tanzprofis aus der ganzen Welt in die steirische Landeshauptstadt. BW OperGrat

Gab es bisher neben den Workshops immer eine Reihe von Performances an aufeinanderfolgenden Tagen, erhielt man dieses Mal gleich bei der Eröffnung eine geballte Ladung. Insgesamt 17 Produktionen wurden dem Publikum zeitgleich innerhalb von 30 Minuten präsentiert. Möglich wurde dies durch die Anordnung von dance-spaces auf dem Areal zwischen dem Palais Meran und dem Theater im Palais der KUG. Einen großen Anteil am Gelingen des Konzeptes hatte Sasha Pushkin. Er gab dem Geschehen, live von einem Flügel aus und begleitet von elektronischen Klängen, die musikalische Klammer. Die spannte einen großen Bogen von Bach-Klängen hin zu mitreißenden Tango-Rhythmen, aber auch einigen ruhigen, kontemplativen Momenten.

„Niemand der Tänzerinnen und Tänzer wusste, was tatsächlich auf sie zukommen würde. Jeder und jede war aufgerufen, seine ganz eigene Persönlichkeit in diesen Act einzubringen“ – O-Ton Gigler-Gausterer. Und so erlebte man, wie 30 Tanzende ein und dieselbe Sound-Kulisse eigenständig interpretierten. Dazu verwendeten die meisten eine komprimierte Fassung von schon bestehenden Arbeiten, zum Teil wurden aber auch neue Improvisationen vor Ort umgesetzt.

BW DoTheatrePoetic Islands

Das Publikum konnte sich zwischen den einzelnen „Tanz-Inseln“ frei bewegen und je nach Interesse verweilen. Sowohl Mitglieder des Do-Theaters aus St. Petersburg als auch die Performer Valentin Tszin und Phil Von verließen ihre ihnen zugeteilten Plätze und mischten sich während der Aufführung performend unter das Publikum. Tszin beeindruckte mit seiner körperlich ausdrucksstarken, am Butoh-Tanz orientierten Bewegungsstudie, in der er auch vor schmerzvollen Momenten nicht zurückschreckte. Phil Von eröffnete seine Performance in der Rolle eines eleganten Flamenco-Tänzers, verwandelte sich aber bald darauf in einen homeless-man, der sein Hab und Gut durch die Menschenmenge schob. Berührend dabei die Illustration, wie schmal die Grenze zwischen Sein und Haben ist. Atemberaubend sein Balance-Akt auf dem filigranen Einkaufswagen, bei dem man mit seinem sekündlichen Absturz rechnete.

Igor Sviderski ließ das Publikum an seiner Arbeit „Mr. Nightingale goes to the lake“ teilhaben. Dabei agierte er als kunstvolles Ballett-Geschöpf, umhüllt von rotem Wallrock, in dem er sich unablässig wie ein in sich versunkener Derwische drehte. In seinem zweiten Kostüm, einem federbesetzten Beinkleid, rief er trotz humorvollster Attitüde ad hoc Schwanensee-Konnotationen aus. Unweit von ihm entfernt tanzten Solisten des Kosovo-Balletts eine emotionale Erinnerung an den Exodus vieler Albaner in den 90-er Jahren und boten damit ein schönes Beispiel der Verschmelzung von klassischem und zeitgenössischem Tanz. Während die beiden Tänzerinnen des Do Theaters St. Petersburg in puppenhaftem Gebaren an mechanisches Spielzeug erinnerten, mischten sich die Männer, ausstaffiert mit wilden Mozart-Perücken und Frack, unter das Publikum und „dirigierten“ dabei höchst amüsant ihre Kolleginnen und Kollegen. Die Ausdrucksstärke sowohl der Damen als auch der Herren rief sichtbare Publikumsreaktionen hervor – Freude am Miteingebunden-Werden war ebenso dabei wie Angst, unerwartet zum Mitmachen aufgefordert zu werden.BW FaustDanielis

Bei Frey Faust und Tomas Danielis wurde man Zeuge eines eleganten Dinners, bei dem sich die beiden Tänzer angeregt unterhielten, um vom Tisch weg ins Tanzen zu gleiten. Wer hier wen leitete, der Lehrer den Schüler oder umgekehrt, blieb dabei offen – die Freude an den gleitenden und fließenden Bewegungen war den beiden aber anzusehen. Die Oper Graz entsandte vier Tänzerinnen in hautfarbigen Kostümen – die sich zwischen verhüllenden, elastischen Sackformen bis zu eleganten Abendroben in wenigen Augenblicken verändern konnten. Ausgegrenztsein und der Zwang, sich gegen eine feindliche Mehrheit behaupten zu müssen, war eines der erkennbaren Themen ihrer Vorstellung. 

BW TzsinDie Oper Maribor, das österreich-chinesische Trio Melisha, Claudia Fürnholzer und Alberto Cissello, sowie vier Absolventinnen der Anton Bruckner Privatuniversität machten besonders deutlich, wie unterschiedlich sie sich auf den Soundlayer von Sasha Pushkin einlassen konnten. Fürnholzer und Cissello widmeten sich über lange Strecken einem conctact-dance, an dem man sich gar nicht satt sehen konnte. Das Trio Melisha lotete die Zerreißfähigkeit ihrer Trainingsjacken aus und veranschaulichte dabei einen hoch emotionalen Zustand, der sich leicht als Lebensmetapher interpretieren ließ. 

Erstaunlich war auch die Verschmelzung von vier unterschiedlichen Arbeiten des Linzer Tanznachwuchses Marlene Aigner, Maja Mireks, Bianca Bauer und Anna Jurek. Dass ihre Performance aus lauter Einzelchoreographien bestand, fiel höchstens wegen der unterschiedlichen, tänzerischen Herangehensweisen auf. Jurek erstaunte das Publikum immer wieder durch ihr tierisches Gegacker und ihre dominante Haltung, durch die sich ihre Kolleginnen aber nicht beugen ließen. Die Tänzerinnen boten ein herausragendes Beispiel, wie sich persönlicher Ausdruck durch Können mit anderen zu einem neuen Ganzen formen kann, dass auch neu interpretiert werden darf.

Während sich das vierköpfige Tanzkollektiv Substanz mit der Bedeutung vom Verrücktsein in unserer Gesellschaft beschäftigte und neben ihrem tänzerischen Einsatz auch Buchstaben auf weißes Papier zeichneten, zeigte der junge Lukas Flint, wie wenig Raum es eigentlich braucht, um sich intensiv mit der eigenen Schwerkraft auseinanderzusetzen.BW Flint

Anders als bei abendfüllenden Vorstellungen blieb vieles von einzelnen Produktionen nur erahn- oder erfühlbar – wohl gewollt. Hervorgerufen wurde das fragmentarische Erleben durch das persönlichen Switchen zwischen den unterschiedlichen Tanzwelten, aber auch der Komprimierung der Arbeiten auf eine halbe Stunde. Auch die räumliche Begrenztheit auf jeweils wenige Quadratmeter trug dazu bei. Es war interessant zu beobachten, dass sich sowohl auf der rationalen als auch der Gefühlsebene zu den einzelnen Produktionen Impulse und Interpretationen ergaben, die sich mit der intendierten Aussagekraft tatsächlich deckten.

Dieser kollektive und zugleich dennoch sehr individuelle Tanzrausch wurde dem Grazer Publikum insgesamt drei Mal geboten.

Die zahlreichen Workshops der Internationalen Bühnenwerkstatt finden bis 23. Juli 2021 statt. 

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