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Neumeier iconWenn John Neumeier ein Ballett in Wien einstudiert, dann stehen die Namen Mihail Sosnovschi und Rebecca Horner ganz oben auf der Besetzungsliste.  Auch bei dem Premieren-Doppelabend mit  „Le Pavillion d’Armide“ und „Le Sacre“ bürgten die beiden für den emotionalen Impakt seiner Choreografien. Rebecca Horner wurde dafür nach der Premiere von Ballettchef Manuel Legris zur Solistin des Wiener Staatsballetts ernannt.

Für John Neumeier ist Vaslaw Nijinsky ein „für ihn nie körperlich präsent gewesener Lebensmensch“ (Gunhild Oberzaucher Schüller auf tanz.at). Vielschichtig daher auch die Auseinandersetzung mit dem Tänzergenie in seiner Version von „Le Pavillon d’Armide“. Das ursprünglich von Michail Fokine 1907 choreografierte Werk spielt in der heutigen Repertoirepflege der Werke der Ballets Russes keine Rolle mehr. Und doch war es 1909 in Paris das „Antrittsstück“ für die legendäre Compagnie. Neumeier machte rund hundert Jahre später daraus eine Reflexion über Nijinsky als Patient in einer Nervenheilanstalt, in Form eines Balletts im Ballett. In der Ausstattung  (ebenfalls von Neumeier) verschmelzen Ansichten des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen mit Alexandre Benois’ Bühnenbild für Fokines Choreografie. Durchsichtige Screens erlauben Gleichzeitigkeit und Überblendung mehrere Bewusstseinsebenen des Patienten. Doch Neumeier versucht nicht, die Krankengeschichte Nijinskys neu zu schreiben, vielmehr zeichnet er ein Tänzerschicksal nach. Nikolai Tscherepnins Musik holt Nijinsky in die Vergangenheit zurück, lässt ihn Stationen seiner Tänzerkarriere durchleben. Es erscheinen ihm die Charaktere aus „Les Orientales“ oder „Le Pavillon d’Armide“, in dem er die männlichen Rollen getanzt hat. Neumeier2

Das Ballett beginnt mit der Einweisung Nijinskys in das Sanatorium durch seine Frau Romola. Nina Poláková verkörpert diese als fürsorgende und verzweifelte Gattin, deren Mann ihr zunehmend entgleitet. Später wird sie die Titelrolle der Armide tanzen. Von der ersten Szene an übersetzt Mihail Sosnovschi (die Rolle ist als „Der Mann (Vaslaw Nijinsky)“ betitelt) das prekäre seelische Gleichgewicht des Tänzers in seine Bewegungen. Das ganze Stück hindurch behält er diese Intensität bei, vermittelt glaubwürdig, wie der Tanz einen Tänzer niemals verlässt und dass seine Fantasien auch in Momenten geistiger Umnachtung von seinen früheren Rollen geprägt sind. 70 Minuten lang ist Sosnovschi ununterbrochen auf der Bühne.

Neumeier3In sein Zimmer dringen Gestalten aus der Vergangenheit ein. Nijinsky wird dabei von vier Tänzern  verkörpert. So erscheint ihm seine junge Ausgabe (Richard Szabo). Er tollt mit seinen Klassenkameraden herum, später proben sie mit den jungen Partnerinnen beschwingte Walzer-Pas de deux. 

Das Bild in seinem Zimmer hat eine spezielle Bedeutung. Für den Patienten, der gequält an den Wänden entlangstreift, wird es zur Kulisse für „Le Pavillon d’Armide“. Im ihn umgebenden Park promenieren schwarz gekleidete Paare, und vor Nijinskys Auge entfalten sich Ausschnitte aus  dem Ballett. Davide Dato interpretiert den siamesischen Tanz.  Im Pas de trois daraus übernimmt Denys Cherevychko die Rolle Nijinskys mit Maria Yakovleva (als Tamara Karasawina) und Nina Tonoli (Alexandra Baldina) als seine Partnerinnen. Die Kostüme hat Neumeier der Zeit gemäß entworfen - die Frauen tragen halblange Tütüs, die Männer halblange Hosen über ihren Strumpfhosen. Immer wieder bringt sich der Mann Nijinsky selbst ein, sind die Bewegungen doch in seinem Körper eingeschrieben und jederzeit abrufbar. Immer wieder versuchen die Pfleger ihn zu beruhigen, doch Nijinsky tanzt – und der Schal der Armide wird ihm zum Tuch der Nymphe aus „L’Après-midi d’un faune“.Neumeier4

Nijinskys Arzt wird als zwielichtige Figur dargestellt. Nervös versucht er sich auf seinen Patienten vorzubereiten, der ihm dann mit einigem Misstrauen begegnet. Später wird er in diesem Arzt seinen Mentor und Geliebten Serge Diaghilew erkennen, der ihn in einem zärtlichen Duo umwirbt. Roman Lazik zeigt sich in dieser Doppelrolle in Bestform. Neumeier beendet das Ballett mit den Klängen und einer Pose aus Nijinskys revolutionärer Choreografie „Le Sacre du printemps“ und schafft damit quasi eine Überleitung zum zweiten Teil des Abends.

Die Musik zu „Le Pavillon d’Armide“ ist weitgehend unbekannt, es ist davon nicht einmal eine Tonaufnahme vorhanden. Die Wiener Philharmoniker scheuen sich daher auch nicht im Kitsch der Partitur zu schwelgen. Musikalisch steht diese spätromantische Komposition in krassem Gegensatz zu „Le Sacre“ mit Strawinksys moderner, rhythmisch treibender und dissonanter Tonsetzung, die das Orchester unter der musikalischen Leitung von Michael Boder mit Nachdruck intoniert.

Neumeier6Auch choreografisch könnte der Unterschied nicht größer sein. Ist „Le Pavillon d’Armide“ ein Handlungsballett, so entstehen die choreografischen Formationen in „Le Sacre“ als Reaktion auf die Musik. Als Ausgangspunkt hat Neumeier nicht das traditionelle heidnische Menschenopfer im Sinn, sondern die Unsicherheiten jener Zeit, in der die Choreografie entstand (Uraufführung 1972 in Frankfurt/Main). Es ist die Zeit des Vietnam-Krieges, der Studentenrevolten, allgemeiner gesellschaftlicher Verunsicherung und sozialer Unruhen. Insofern könnte die apokalyptische Vision durchaus gegenwärtige Relevanz haben und die Gegenüberstellung von Gruppe und Einzelnem, von Gesellschaft und Individuum auch aus der heutigen Perspektive gelesen werden. Doch formal ist die Choreografie durchwegs ein Kind der 1970er Jahre. Die Tänzer stecken in hautfarbenen Trikots, über die hin und wieder Lichtprojektionen gleiten, die Frauen tragen ihre Haare offen, werfen sie im Rhythmus hin und her. Wenn sie am Anfang als Schattensilhoutte die Bühne betreten, werden Erinnerungen an den Prolog in Stanley Kubriks Film "2001" wach. Wird die Gegenüberstellung von Leben und Tod im ersten Teil durch eine auf dem Boden liegenden Tänzer symbolisiert, wird im letzten Teil daraus ein Totentanz – schonungslos umgesetzt von Rebecca Horner.

Wie in der Gesellschaft manifestierten sich Auflösungstendenzen in dieser Zeit auch im Tanz. Der Postmoderne Tanz war noch am Anfang seiner Experimentierfreudigkeit, doch Neumeier nimmt bereits Motive daraus auf – immer jedoch im Rahmen des repräsentativen Theaters und in Beziehung zur Musik. Wie seinerzeit Nijinsky suchte auch Neumeier für „die Katastrophe“ in dieser Musik eine neue Bewegungssprache. Animalische Haltungen, roboterhafte Konstellationen, mäandernde Gruppenkörper, erdiges Stampfen, Rollen auf dem Boden. Neumeier7

In seiner Kombination gibt der neue Premierenabend des Wiener Staatsballetts also auch Einblicke in die Ballettgeschichte des 20. Jahrhunderts, von der Danse d’école über die Trends der 1970er Jahre bis hin zur heutigen Ästhetik in einer Verbindung zwischen Neoklassik und Moderne, die John Neumeiers in seiner 44-jährigen choreografische Forschungsarbeit in Hamburg relativ ungestört entwickeln konnte. Der Traditionalist unter seinen Zeitgenossen hat damit das klassische Ballett jedenfalls nachhaltig ins 21. Jahrhundert geführt.

Wiener Staatsballett: Premiere von John Neumeiers "Le Pavillon d’Armide | Le Sacre" am 19. Februar 2017 in der Wiener Staatsoper. Weitere Vorstellungen am 20. Februar, 10., 13. und 16. März 2017.

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