Unsichtbaren HP1 36Ein Ereignis! „Die Unsichtbaren“, eine Melange aus Schauspiel und Tanz, behandelt ein vernachlässigtes Kapitel unserer Tanzgeschichte. Es klagt dazu Mary Wigman an, eine für alle, die „dageblieben“ sind. War sie Opfer des Nationalsozialismus? Nutznießerin? Hat sie sich schuldig gemacht? Wenn Ja: wessen? Der politischen Naivität nur, oder auch anderer Dinge, gar an anderen? Was verbindet Wigmans mit den Lebensläufen derer, die durch Unterdrückung, Flucht, Ermordung zu „Unsichtbaren“ wurden? Und was geht das uns an?

Wie alle Geschichtsschreibung ist Tanzgeschichtsschreibung vor allem die Geschichte derer, die durch schieres Leben und Wirken sichtbar waren und bleiben. Doch was, wenn die Umstände einer schrecklichen Zeit Lebenswege bestimmen, sie „krumm“ biegen, privat wie künstlerisch, sie abbrechen lassen, auf Wege zwingen, die in die Emigration oder in den Rückzug ins Private führen oder gar in Kerker, Folterkammern, Konzentrationslager und Tod? Darf Geschichtsschreibung aus solcher Zeit allein das Hellfeld der „sichtbaren“ Biografien betrachten, unbefangen nur das Wirken jener werten, die sichtbar waren, sichtbar bleiben durften? Gehört das Dunkelfeld der unfreiwillig „unsichtbaren“ Lebensläufe nicht unauflöslich zum Feld der Sichtbaren dazu, in einer Weise, die beide auf tragische und paradoxe Art miteinander verbindet?Unsichtbaren 10

Der Nazi-Faschismus und seine Folgen waren, sind selten Thema auf der Tanzbühne. Hierzulande befasste sich bislang niemand so intensiv damit wie Johann Kresnik, der sich in seinen Inszenierungen über Ernst Jünger, Gustav Gründgens oder Leni Riefenstahl freilich ebenfalls mit „sichtbaren“ Künstlerinnen und Künstlern (aber, bemerkenswert genug, nicht mit „sichtbaren“ Tanzschaffenden) der Zeit befasste. International betrachtet, können Anna Sokolows abstrakte „Dreams“ von 1961, ihre anfangs noch unbewusste Annäherung an das Thema, und Nadia Timofejewas Handlungsballett „Memento – Franceska Mann’s Last Dance at Auschwitz“ von 2019 immerhin illustrieren, wie sich in der künstlerischen Auseinandersetzung über die Jahrzehnte hinweg formale, stilistische und inhaltliche Ansätze erweitert haben: von der Abstraktion zur konkreten Erzählung.

Unsichtbaren 11Auch in der Tanzforschung scheint sich mit der historischen Distanz der Blick zu weiten. Bedeutende Arbeiten zu den Protagonisten und Protagonistinnen des Tanzschaffens, vor allem des Ausdruckstanzes im Deutschland der zehner bis dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen seit den 1980er Jahren und erscheinen bis heute – in deutscher Sprache etwa von Andrea Amort, Liliana Karina und Marion Kant, Hedwig Müller, Gunhild Oberzaucher-Schüller (nicht zuletzt hier in den „Wiener Tanzgeschichten“ auf www.tanz.at), Frank-Manuel Peter, Ralf Stabel und Patricia Stöckemann. Darin waren und sind die Geschichte und die Geschichten derer, die mit der Machtergreifung der Nazis aus dem Scheinwerferlicht buchstäblich ins Dunkelfeld der Tanzgeschichte gedrängt wurden, nicht immer nur eine Fußnote, aber doch oft ein Seitenaspekt. Sie rücken nun in den Fokus tanzforschender Arbeiten, und „Die Unsichtbaren“ will diese Entwicklung erklärtermaßen befördern: Ein Anspruch, den eine Begleitausstellung und eine dem Thema gewidmete Internetseite unterstreichen.Unsichtbaren 2

Allein dieser Kontext macht „Die Unsichtbaren“ zu einem Ereignis, zu einem Anstoß, dem zu wünschen ist, dass er weite, nachhaltige Wellen zu schlagen vermag. Ein Ereignis ist das Stück aber auch, weil es seine Erzählung in bewegende Theater- und Tanzbilder fasst und mit weisem Feingefühl ins Heute erweitert. Gemeinsam machen Thema und Umsetzung „Die Unsichtbaren“ zu dem herausragenden Ereignis der zu Ende gehenden Tanzspielzeit in Deutschland, mit Gehalt und Bedeutung über beides, Spielzeit und Ort, weit hinaus. 

Unsichtbaren 15Das Ereignis kommt freilich bescheiden daher. Prominent terminiert zwar zur Eröffnung der Hamburger Ballett-Tage, jedoch nicht im repräsentativen Rahmen der Staatsoper, sondern in der intimen Atmosphäre des privaten Ernst-Deutsch-Theaters. Es tanzt nicht das Ensemble John Neumeiers, sondern das institutionell unabhängige, freilich ebenfalls unter Neumeiers Leitung stehende Bundesjugendballett, vier Tänzerinnen und vier Tänzer, ergänzt um eine Tänzerin des Hamburg(er) Balletts, einen Schüler seiner Schule und um den markanten Raymond Hilbert, ehemals Tänzer der Komischen Oper Berlin und der Semperoper Dresden, heute Ballettmeister des Bundesjugendballetts. Dazu zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler des Ernst-Deutsch-Theaters und zwei Musiker an dem auf der Bühne platzierten Klavier.

Konzipiert ist das Stück als eine „Tanz-Collage“. Die Grundlage bilden historische Texte und Dokumente. Spiel- und Tanzszenen wechseln sich ab, durchdringen und ergänzen einander. „Die Unsichtbaren“, von John Neumeier inszeniert, choreographiert und ausgestattet (und mit zusätzlichen Choreographien von Raymond Hilbert), von Ralf Stabel wissenschaftlich und dramaturgisch begleitet, gibt indes keine Antworten: Das Stück lässt offen, ob Wigman und andere „Dagebliebene“ schuldig wurden, und, wenn ja, wie sehr, indem sie sich den politischen Gegebenheiten anpassten oder sich mit ihnen arrangierten. Stattdessen stellt das Stück Fragen – Fragen an die Künstlerinnen und Künstler jener Zeit und Fragen an die Nachgeborenen. Es fragt nach unserer Verantwortung den „Unsichtbaren“ gegenüber und nach den Lehren aus der Geschichte für das Heute und Morgen.Unsichtbaren 3

Dabei stellt sich John Neumeier an die Spitze derer, die sein Stück befragt – und macht es sich nicht etwa leicht damit: Geradezu einer Lebensbeichte gleich, gibt er in einem bemerkenswerten Programmheft-Interview Auskunft über sein offenbar tiefes Bedauern, Chancen zur Begegnung mit „Unsichtbaren“ nicht genutzt zu haben, die noch lebten, als seine Laufbahn in Deutschland begann, und über vertane Gelegenheiten, mit „Unsichtbaren“, die er traf, auch über deren Leben und Erlebtes zu sprechen statt allein über Dinge des Moments. „Im Rückblick“, sagt er, „muss ich feststellen: Seit dem Moment, als ich am 1. Dezember 1969 Ballettdirektor in Frankfurt wurde – und auch später in Hamburg -, war ich so beschäftigt (…), dass ich wenig nach rechts und links geschaut habe.“

Unsichtbaren 7In „Die Unsichtbaren“ nun sieht John Neumeier hin - und tut es in vielschichtiger, tief berührender Weise. Das Stück spielt in der Nachbildung eines Studios des Hamburger Ballettzentrums, das einst der Gymnastiksaal einer Oberrealschule für Mädchen war. Ihn zierte damals (und heute wieder) ein Wandgemälde von Anita Rée. Rée nahm sich noch im Jahr der Machtergreifung Hitlers das Leben, ihr Bild, das Werk einer Jüdin, wurde 1937 übermalt - unsichtbar gemacht. Das Schicksal des Bildes illustriert indes mehr als das Unmenschentum der zwölf Jahre des „tausendjährigen Reiches“, nämlich auch dessen Nachleben und das schmerzhaft lang ausbleibende Nachbeben in der Generation der „Stunde Null“: Das Bild wurde in den Fünfzigern, erst in den Fünfzigern, von der Übermalung befreit, wurde durch den Schulsport beschädigt und restauriert, um in den Siebzigern hinter Holz versteckt zu werden – erneut unsichtbar gemacht, wenn auch zum Zweck es zu schützen. In den Achtzigern wiedergefunden und konserviert, ist es seit über drei Jahrzehnten Teil des Alltags im Hamburger Ballettzentrum – und jetzt, erst jetzt, auch ein Sinn-Bild für das Thema der „Unsichtbaren“: Es gilt, hinzusehen auf alles dessen, was war, wer war, um zu verstehen, was ist und wer wir sind – und zu erkennen, wer wir sein wollen.

In diesen geschichts- und beziehungsreichen Raum hinein treten die Tänzerinnen und Tänzer auf. Eine nach dem anderen gehen sie zur Stange – und werden noch im Gang dorthin verwandelt. Umfangen von den unsichtbaren Geistern des Ortes, werden sie zu Wiedergängern der Künstlergeneration des Ausdruckstanzes. Sie tanzen choreographische Annäherungen an ikonische Arbeiten der Zeit – von Wigman, Laban, Palucca, Alexander von Swaine und Harald Kreutzberg – und zitieren aus Erinnerungen und Briefen dieser und weiterer Protagonisten des Ausdruckstanzes, aber auch aus Bescheiden, Briefen und Gesetzen, aus denen Hass und Unmenschlichkeit der Nazis sprechen.

Unsichtbaren 4Im Fokus steht Mary Wigman (beeindruckend dargestellt von Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters) mit einem Vortrag, den sie 1941 in Hamburg hielt – und während Neumeier und Stabel weder urteilen noch verurteilen, geizen sie zugleich doch nicht mit unausgesprochenen, dennoch deutlichen Kommentaren zu Person und Werk: Sowohl die Zitate aus dem Vortrag als auch die Tanz- und Spielszenen, die um Wigman kreisen, zeigen die Ikone des deutschen Ausdruckstanzes selbstbezogen und berauscht von ihrer eigenen Bedeutung, ihr Werk der ideologischen Vereinnahmung dienlich – oder gar zu Diensten? - und seine Schöpferin verbittert mehr über die Zerstörung ihres Gelben Saals als über die Zerstörungen durch Regime und Krieg an den Leibern und Seelen der Menschen um sie herum.

Dazu erklingt eine Musik-Collage, die vielfältige Bezüge zu Zeit und Thema des Stücks herstellt. Darin bildet Strawinskys „Sacre“ (am Klavier) den musikalischen roten Faden und das bittersüße Leitmotiv der Musik zu dem Film „Der Duft von Lavendel“ das emotionale Zentrum. Und von Komponisten, die ihrerseits zu Emigranten werden sollten, erklingen Orchestermusiken und populäre, freilich tief melancholisch gestimmte Schlager der Weimarer Republik.

Doch was hat das alles mit dem Heute zu tun? Was mit denen, die jetzt im Alter der Tänzerinnen und Tänzer des Bundesjugendballetts sind? Die womöglich wie viele vor ihnen „nur tanzen“ wollen und vielleicht erst zu ahnen beginnen, dass nur zu tanzen nicht genug sein wird in der Welt, die sie geerbt und zu gestalten haben?Unsichtbaren 14

Dass all „das“ mit Heute zu tun hat, wird gleich zu Beginn klar, wenn die Tänzerinnen und Tänzer sich dem Publikum vorstellen und in Aussagen über sich selbst eine offene, bunte, in vielfältiger Weise diverse Gesellschaft skizzieren, wie sie den Nazis zuwider war. So sind es in der Inszenierung zunächst auch die Mitglieder des Bundesjugendballetts, die Mary Wigman und ihrem historischen Vortrag lauschen, dann in Rollen der Zeit schlüpfen und diese später wieder ablegen – in eben jenem Moment, in dem Wigmans um sich und ihr Werk kreisende Selbstdarstellung unerträglich wird angesichts der Grausamkeiten um sie herum.

Unsichtbaren 16Im Lauf des Stücks vermischen sich die Zeitebenen auf immer komplexere Weise, erweitern sich die Bezüge über die Zeit des Faschismus und Europa hinaus. John Neumeier inszeniert und choreographiert das in einer Weise, der man seine Theater-, aber auch seine Lebenserfahrung und die Klarsichtigkeit des Alters anzusehen meint – eindeutig und geradezu bekenntnishaft, aber auch mit bewegender Sensibilität. So überblendet er die Erzählung von Marianne Vogelsangs „Wiegenlied für einen Gehenkten“, das sie 1943 in der damals am Horst-Wessel-Platz gelegenen Berliner Volksbühne tanzte, szenisch mit Assoziationen zum Rassismus in den USA, inszeniert zu Billie Holidays „Strange Fruit“.

Neumeier leitet dann über zu Bob Dylans bitterbösem Antikriegslied „With God on our Side“, das bigotter Selbstgerechtigkeit aller Zeiten, Kontinente und Religionen den Spiegel vorhält, bevor er das Stück in eine das bunte Leben und Miteinander des Jetzt feiernden Choreographie zu Queens „Bohemian Rhapsody“ auflöst, die wohl auch als Mahnung und Verpflichtung auf die Zukunft gedacht ist – bevor dieser tief berührende Abend in einer in den dunklen Saal hinein gesprochenen Apotheose aus den Namen all jener „Unsichtbaren“ endet, denen er gewidmet ist.

Bundesjugendballett und Ernst-Deutsch-Theater, Hamburg: „Die Unsichtbaren“ von John Neumeier. Uraufführung am 16. Juni 2022. Weitere Vorstellungen täglich bis zum 18. Juli 2022.

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