VandekeybusHands1Einer der ganz Großen der europäischen Tanz- und Performencekunst zeigt mit seiner Arbeit „Hands do not touch our precious Me“, wozu diese Kunst in der Lage ist. Wim Vandekeybus erzählt die 4000 Jahre alte Geschichte der sumerischen Göttin Inanna, die, mächtig und reich, aus ihrer Welt hinabstieg in die Unterwelt. Und er dringt mit machtvollen Bildern tief ein in die menschliche Seele.

Inanna war die Königin des Himmels und der Erde, begehrte aber auch die Macht über die Unterwelt von deren Herrscherin Ereškigal, ihrer Schwester. All ihrer Machtsymbole beraubt, nackt und machtlos angekommen, kannte Inanna keinerlei Demut. Doch die sieben Unterweltrichter verwehrten ihr den Thron. Stattdessen wurde sie durch einen Blick ihrer Schwester getötet. Wiederbelebt kehrte sie auf die Erde zurück. Doch ihr Thron war bereits anderweitig besetzt. Und: Die „Me“ sind nach sumerischem Glauben „eine Sammlung unumstößlicher Regeln und Gesetze für die Weltordnung, die aus der göttlichen Weisheit heraus entstanden.“

Heute liest sich diese rekonstruierte, weil nur unvollständig erhaltene Geschichte für diejenigen, die die Wissenschaft vom Unbewussten akzeptieren, wie die metaphorisch formulierte Anamnese eines Durchschnitts-Mitteleuropäers. Um diese in ein Bühnenwerk zu übersetzen, lud Wim Wandekeybus den kongolesisch-französischen bildenden Künstler und Performer Olivier de Sagazan und die spanische Komponistin, Sounddesignerin und Wissenschaftlerin Charo Calvo zu einem „Treffen dreier Universen“ ein. Wim Vandekeybus, belgischer Choreograf, Tänzer, Filmemacher und Fotograf, ist seit der Gründung seiner Kompanie „Ultima Vez“ 1986 tonangebend für die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes. Seinem Interesse an Extremsituationen, an Instinkt und Impuls kommt der Mythos der Inanna trefflich entgegen.VandekeybusHands5

In weißem Kleid schwebt Inanna auf die Bühne. Bald schon ringt sie mit sich selbst. Von hinter der Wand erscheinen kurz TänzerInnen, wie auf die Bühne gespien und wieder verschluckt. Wie kurz aufkommende Gefühle, die bald wieder verschwinden. Sie erzählt uns davon, stellt die TänzerInnen mit kleinen Soli wie Aspekte ihrer selbst dem Publikum vor. Nebenbei, links vorn, beginnt de Sagazan damit, sich viel feuchten Lehm in sein Gesicht zu schmieren, zu drücken, Schicht um Schicht aufzutragen und daraus furchteinflößende Zerrbilder von Gesichtern zu formen. Auch ein Schwein mit roter Rüsselnase ist darunter. 

VandekeybusHands4Die anfänglichen Parallelwelten der TänzerInnen und des bildenden Künstlers verschränken sich zunehmend. Am Ende sind sie alle lehmverschmiert und waren Teile einköpfiger Doppel-Wesen, verhirnte Riesenschädel, gesichtslose, ihrer Wahrnehmung beraubte Köpfe oder wie von den fremden Welten in uns geborene, blutverschmierte Aliens. Unendliches Leid schreit von der Bühne. Und es dröhnt. Der Sound von Charo Calvo drückt das Apokalyptische, das dem absolut ehrlichen, schonungslosen Anschauen seiner selbst zugeschrieben wird, mit Gewalt in unsere Gehörgänge. 

Die Geschichte wird erzählt. Da gibt es keine Vorsicht, keine Rücksichten, nichts Geschmäcklerisches. Alle drei bohren sich mit vereinten, potenzierten Kräften durch die zivilisatorischen Schilde und jede mentale Verteidigungslinie hinein in die emotionalen Urgründe des braven Zeitgenossen. Es gibt kein Entrinnen. Man muss es aushalten. Man muss sich aushalten. Bis auf ein paar, die es nicht konnten und den Saal verließen. Weil, zum Beispiel, die Musik unerträglich war.

Ein Bild von de Sagazan, als er das sein Haupt bedeckende üppige Kunsthaar entzündet, spricht beredt von der notwendigen und aus der Konfrontation mit seinem Unbewussten folgenden Erkenntnis der lebenslenkenden Kräfte in uns. Heißgedacht im Kampf gegen die unterdrückte Übermacht des Emotio, geht das Primat des Ratio in Flammen auf. Die Weisen jedoch üben sich als Brandstifter.

Olivier de Sagazan taucht mit seinen Verformungen menschlicher Gesichter und Körper mit Lehm und - vor allem blutroter - Farbe tief ein in die Abgründe unserer Selbstbilder. Einerseits gibt er der Angst um die Existenz unserer so mühsam konstruierten, entstellten und entstellenden Plastik-Identitäten ihr fratzenhaftes Gesicht, andererseits zeigt er uns die gefürchteten inneren Dämonen. Niemals das ganze, ehrliche, wahre Gesicht. Oder doch immer?VandekeybusHands3

Der Stuhlkreis der Richter in der Unterwelt, die sich zum Rat zusammensetzen, die schnell entstehenden Zwiste und kämpferischen Auseinandersetzungen und die Gewalt, mit der gegeneinander vorgegangen wird, spiegeln uns, ganz nebenbei und etwas augenzwinkernd, unsere Gesellschaft und deren Demokratieverständnis. Alles aber ist nur Abbild des Umgangs mit uns selbst. Die Angst davor, Ungeliebtes, Abgelehntes und daher Verdrängtes zu entdecken und das mehrfach in beeindruckende Bilder gegossene Gefühl des Getrenntseins prägen das individuelle, soziale, gesellschaftliche und politische Leben. Die Angst und das Getrenntsein zu überwinden sind die ersten (und wichtigsten) Schritte zu Heilung der Welt. Wandekeybus, de Sagazan und Calvo wissen das. Und zwingen uns hier in massive, teils noch unbekannte Emotionen und den Kunst-Schmerz auf der Bühne als den eigenen zu erkennen.

VandekeybusHands2Tanz der Spitzenklasse, markerschütternder Sound, der Einsatz von Live-Video und -Foto, das höllisch gute Lichtdesign (Wim Vandekeybus und Thomas Glorieux) und natürlich die lebenden und toten Lehm-Skulpturen des begnadeten Olivier de Sagazan ergeben ein Werk von ungeheurer Dichte und durchdringender Intensität. Und von einer seltenen Weisheit. Kunst soll Fragen stellen, keine Antworten geben. So heißt es zuweilen. Vandekeybus aber löst die größte, schwierigste und schönste Aufgabe des Menschen. 

Am Ende lädt die nun im Morgenmantel erschienene Inanna all ihre einst verdammten Aspekte ihrer selbst ein an den Tisch, um mit ihr zu speisen. Integriert. Zu Hause. Bei sich angekommen.

„Hands do not touch our precious Me“ von Wim Vandekeybus am 22. Juli 2022 im Wiener Volkstheater im Rahmen von ImPulsTanz.

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