VIOLET01Wenn sich jemand vorsätzlich herausbewegt aus Vertrautem, Sicherem, Gewohntem, provoziert er/sie damit die Konfrontation mit der eigenen Angst, mit schlummernden Dämonen in sich selbst, mit dem Ungewissen im Innen und Außen. Auch mit Kontrollverlust. Meg Stuart schickt in ihrer bereits 2011 uraufgeführten und heuer als ImPulsTanz Classic präsentierten Arbeit „Violet“ fünf Tänzer*innen auf eine solche Reise. 

Der Titel „Violet“ deutet auf die Farbe am Rande des sichtbaren Spektrums hin. Kurzwellig und auf dem höchsten Energieniveau aller für uns Menschen wahrnehmbaren Farben, bildet Violett eine Grenze, hinter der das Unsichtbare, ein mit noch höherer Energie aufgeladenes Unbekanntes beginnt. Ein lauernder Tornado.

In einen solchen begab sich der Kameramann in einem Kurzfilm von Francis Alÿs. Vorsätzlich. Wahrlich todesmutig. Aber: Neuen Horizonten entgegen. Und inspirierend für die seit 30 Jahren als Tänzerin und Choreografin wegweisend tätige Meg Stuart, die 1994 ihre Kompanie Damaged Goods gründete. In über 30 Produktionen stellte sich Stuart, vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2018 auf der Biennale di Venezia mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, immer wieder neu dem zentralen Thema ihres künstlerischen Schaffens. Stuart geht es nicht um den Körper als Objekt. Er ist immer Zelt für eine Seele, inkorporierte Psyche. Sensor für Impression und Werkzeug für Expression, für Erfahrung und materiellen Ausdruck immaterieller Zustände und Prozesse.VIOLET02

So auch, natürlich, in „Violet“. Ein Blitz stellt die fünf Performer*innen hinten auf die vordem dunkle Bühne. Sie haben keine Geschichte. Eine große, leicht gewellte Folie an der Rückwand wird Zerrbilder reflektieren. Kaum merkliche Bewegung beginnt. Eine Schulter kreist. Ein Arm hebt sich. Die Finger entdecken ihre Lebendigkeit. Oberkörper, Köpfe drehen sich zur Seite. Dazu gibt der Musiker Brendan Dougherty, mit dem Meg Stuart für diese Performance erstmalig zusammenarbeitete, leises Meeresrauschen. Nach und nach, mit dem Erwachen der fünf, legt er Schicht um Schicht darüber. Die Brandung überlagert anderes Rauschen, auf- und abschwellend. Und so fort. Bis zu einem Tosen entwickelt er den Sound, zu einem Gemisch von fünf unterschiedlichen Metriken, in dem sich die Tänzer*innen auf stetig wachsende Energieniveaus begeben. String-Theorie auf einer Theaterbühne.

Das Bewegungsmaterial der individualisiert agierenden Performer*innen erschließt sich mit einer Anmerkung Meg Stuarts in einem Interview anlässlich der Premiere von „Violet“ im August 2011. „... energetische Muster in der Natur und alchimistische Symbolik durch Bewegung auf den Körper zu übertragen und sie mit menschlicher Intensität aufzuladen.“ Und „spüren, was Abstraktion bewirken kann.“

Die abstrakte Anmutung dieser Performance basiert einerseits auf jenen in Bewegung geratenen Symbolen einer uns weitgehend nicht vertrauten archaischen Vorwissenschaft, die emotionale Rezeptoren zum Andocken weder suchen noch finden. Andererseits mag die nicht vorhandene Situationsbezogenheit der Emotionen, des auf der Bühne so präsenten, jeglicher Kausalität enthobenen Leidens abstrahiert erscheinen. Es ist „eh da“, das Leid. Wie auf ewig in die menschliche Existenz gegossen.

Gold haben die Alchimisten nie erzeugen können. Aber „Nebenprodukte“, wie das Meißner Porzellan, das „weiße Gold“ des Alchimisten Johann Friedrich Böttger. Sinnbild für den Prozess und unerwartete Ergebnisse der „Reise ins Ultraviolette“, auf die sich die fünf Tänzer*innen begeben. Vorauszusagen, was einen hinter seinem eigenen Horizont erwartet, ist ebenso wenig möglich wie das, was in einem wie darauf reagiert. Sicher ist jedoch, dass man sich einer intensiven emotionalen Erfahrung, einem „seelischen Tornado“ aussetzen wird. Wie „Violet“ einer ist. So gar nicht abstrakt. Das Stück zählt zu Meg Stuarts komplexesten, verschlüsseltsten Werken. Vielleicht ihr Opus Magnum.

Kurz vor dem Ende rollen vier in warmem Licht aus den Primärfarben rot, grün und blau, die gemischt die Nicht-Farbe weiß ergeben, als Bündel über die Bühne. Auf die Fünfte, hinten noch allein Liegende zu. In diesem Bild von der Auflösung allen ego-zentristischen Seins im Alles und also Nichts formuliert Meg Stuart ungemein poetisch das Ziel der Reise. 

Das Licht wird heller, die Fünf kopieren ihre Gestiken, irgend Einer schafft es immer nicht. Ein Techno-Rhythmus treibt. Und ein Blitz gibt die fünf zurück an den Ewigen Moment. 

Meg Stuart / Damaged Goods: „Violet“ am 26. Juli 2021 im Wiener Volkstheater im Rahmen von Impulstanz

Bei dem Text handelt es sich um eine überarbeitete Version vom 30. Juli 2021.

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