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Winterreise1Tanzchef Wagner Moreira setzt sich im Theater Regensburg mit Schuberts „Winterreise“ auseinander, liefert in Hans Zenders Orchesterfassung eine packende Interpretation mit choreografischer Sogwirkung und zeigt die grausige Schönheit von Liebe, Hoffnung, Frustration und Tod.

Ein leises, wie zufälliges Schaben und Kratzen ist zu hören. Dann öffnet sich langsam der Vorhang im Theater am Bismarckplatz. Die Klänge aus dem Orchestergraben intensivieren sich. Auf der Bühne wird eine Baracke aus rotem Gestänge sichtbar – eine nach hinten abgeschlossene Holzkonstruktion, die in ihrer beengten Unterteilung an Kabinen oder voneinander abgetrennte Zellen erinnert. Im ersten Bild „Gute Nacht“ bietet Wagner Moreira – seit drei Jahren Ballettchef in Regensburg und Schöpfer des neuen Tanzabends „Eine Winterreise“ – bereits sein gesamtes elfköpfiges Ensemble auf. Es wirkt wie eine Gruppe Fremder, die einem an diesem eher düster-tristen Uraufführungsabend mit wenigen hoffnungsfrohen Ausbrüchen mehr und mehr ans Herz wachsen.Winterreise2

Erste Nebelschwaden sinken hinab in den Graben zu den Musikern des Philharmonischen Orchesters Regensburg und ihrem Dirigenten Tom Woods. Die Geräuschkulisse der Instrumente wird melodischer, wird Klang. Ruckartig fährt Leben in die Glieder der Tänzerinnen und Tänzer. Noch in Unterwäsche, als seien sie eben erwacht, beginnen sie sich anzukleiden. Zögerlich, aber entschlossen. Aus den anfänglich abrupten Positionswechseln entwickelt sich allmählich ein motorischer Fluss, der jeden erfasst. Ein kollektiver Aufbruch ins Ungewisse steht bevor – eine Reise voller Zweifel und Hürden, durch frostig-karge Landschaften, in die nur selten warmes Licht dringt. Das Ziel – womöglich die Suche nach einer neuen Heimat oder sich selbst – bleibt offen. Ob Hosen, Röcke oder Hemden: Alle Kleidungsstücke sind weiß beziehungsweise schwarz wie die vorne ordentlich nebeneinander abgestellten knöchelhohen Treter.

Winterreise3Solche trägt bereits der mittig auf einem der Balken sitzende Tenor Richard Resch. Im Herbst 2023 hat der gebürtige Regensburger zusammen mit Diego Caetano am Klavier Schuberts „Winterreise bei „Da Vinci Classics“ auf CD veröffentlicht. Eine Erfahrung, auf die er in den zarten und lyrischen Passagen gewiss gut zurückgreifen konnte. Moreira hat seiner abstrakt-reduzierten Tanzadaption als musikalisch treibende Kraft und Inspirationsquelle allerdings die an orchestralen Klangnuancierungen, Farben, Verzerrungen und Dynamiken reichere Komposition von Hans Zender zugrunde gelegt – wie schon die meisten seiner Choreografen-Kollegen mit Ausnahme von Daniela Kurz (Nürnberg 2000, mit Schubert pur). Winterreise4

Resch, der sehr feinfühlig von einem zum anderen gefühlsintensiven Moment zu wechseln vermag, füllt sowohl darstellerisch als auch gesanglich die zentrale Rolle des umherirrenden Wanderers bestens aus. Der zu Beginn noch klar gewahrte Abstand zwischen dem seine „Seins-Zustände“ beschreibenden Tenor und der Gruppe Herumtanzender verringert sich Szene für Szene. Zunehmend wird Resch – mal singt er sogar in die Luft gestemmt und von vielen Händen getragen – in eine Choreografie voller Hebungen eingebunden, die sich insgesamt durch ein extrem körperliches, oft über den Boden rollendes, pantherhaft geschmeidiges und athletisches Bewegungsvokabular auszeichnet.

Winterreise5Doch damit nicht genug: Kristopher Kempf hat ein enorm mobiles Bühnenbild aus vier fahrbaren Elementen entworfen. Je nachdem wie die Tänzer diese auf der Bühne platzieren, drehen und zusammenschieben werden begehbare Räume, Brücken, Berge und Schluchten oder eine breite, frontal zum Publikum hin ausgerichtete „Halfpipe“ daraus. Deren Vorderseite ist mit einzelnen Worten und Liedtextpassagen der „Winterreise“ bedruckt und lädt das Ensemble wiederholt zum Hinaufrennen und Hinabrutschen ein.

Für das Finale kommen oben alle auf der Kante zum Stillstand. Sie lassen ihre Beine baumeln. Power, Musik, Licht – all die Eineinhalbstunden ohne Pause eng miteinander verschränkten Antriebsmotoren für das Stück verpuffen allmählich im Raum, während die Köpfe und Oberkörper der Interpreten langsam nach hinten ins Nichts wegsinken. Vor dem Applaus ist das ein höchst ergreifender, zurecht Sekunden absoluter Stille einfordernder Moment.Winterreise6

Je weiter sich diese „Winterreise“ ihrem Ende nähert, desto größer und mächtiger ins Geschehen eingreifender wird der technische Einsatz. Zum Schluss tanzt die gesamte Bühne regelrecht mit. Da steigen hintereinander versetzt drei Hubpodien treppenartig in die Höhe und senken sich mitsamt den darauf befindlichen Protagonisten wieder in die Tiefe ab. Hohlräume entstehen, in denen plötzlich ein Tänzer liegend begraben zu werden scheint. Andere laufen auf den sich unter ihren Füßen eigenständig bewegenden Segmenten hin und her. Bei jeder Wiederholung verändert sich etwas und nach und nach legen die sporadisch betroffen ins Publikum blickenden Tänzerinnen und Tänzer ihre Kleidungsstücke ab. Sie könnten Flüchtlinge, Überlebende einer Katastrophe oder psychisch Gebrochene sein. Die Beklemmung beim Zuschauer wächst allein dadurch, dass er ihnen und ihrem Verlorensein auf unstabilem Bühnengelände zusieht.

Winterreise7Die Todessymbolik in Schuberts „Winterreise“ ist tief im menschlichen Inneren verankert. Das macht seinen romantischen Zyklus aus 24 Liedern für Singstimme und Klavier auf Gedichte von Wilhelm Müller so unwiderstehlich traurig-schön. Wie in einem Kaleidoskop wird momenthaft die Stimmungslage eines vereinsamten, in der Welt sich fremd fühlenden Charakters aufgefächert. Unheimlicher noch mit allerlei akustischen Zusatzeffekten und in seiner Radikalität zeitloser ist Hans Zenders 1993 unter dem Titel „Schuberts Winterreise – eine komponierte Interpretation“ uraufgeführte Fassung des Werks für Tenor und kleines Orchester. Für die emotionale Erschütterung und Verstörtheit lassen sich hier ganz unterschiedliche Aspekte und individuelle Motivationen herausarbeiten – von sehr persönlichen bis hin zu global existenziellen. Das macht eine Auseinandersetzung mit der „Winterreise“ immer wieder aufs Neue für Kompanien fast jeder Größenordnung interessant.Winterreise8

Nach John Neumeier 2001 in Hamburg, Tim Plegge 2017 in Wiesbaden, Christian Spuck 2018 in Zürich (seine Version ist diese Spielzeit in Berlin zu sehen) und Ricardo Fernando unter pandemieerschwerten Bedingungen 2020 in Augsburg gelingt es nun auch Wagner Moreira in Regensburg eindrucksvoll ein Szenario zu kreieren, dass inhaltlich wenig Genaues vorgibt und dennoch (oder gerade deswegen) ungemein viele gegenwartsrelevante Assoziationen zulässt. Häufig schließen sich einige der Interpreten oder gar alle zu einer Gemeinschaft zusammen. Der Wandersmann wird Teil einer Menge dahinziehender Menschen. Doch nichts verbleibt wie es ist.

Irgendwann taucht ein Paar in roten Kostümen auf. Ob sie in ihrem eng aufeinander abgestimmten Pas de deux die Liebe symbolisieren? Vor Richard Resch hebt sich eine weiße Leinwand empor. Er küsst die als Schattenvision dahinter aufscheinende Frau. Das flüchtige Bild löst sich auf. An dessen Stelle schwebt dann einige Augenblicke lang wie gegen die Wand geklatscht der Tänzer im roten Gewand.

Winterreise9Die bildstarken Interpretationsakzente in Moreiras „Winterreise“ beginnen erst mit der Zeit ihre Sogwirkung zu entfalten. Nebst Akkordeon, Gitarre und Melodica mischen akustisch immer wieder großes Schlagwerk, Windmaschinen und Donnerbretter mit. Das Barocktheater lässt grüßen! Mit Hilfe der beiden letztgenannten Perkussionsinstrumente lässt Moreira die Tänzer selbst auf der Bühne das Tosen eines gewaltigen Sturms entfachen. Aus Nebelmaschinen strömen Wolkenmassen. Resch seinerseits muss ab und an zur Flüstertüte greifen, um dem Publikum das, was ihn innerlich bewegt, quasi noch eindringlicher über das bisweilen verstörend laute Orchester hinweg zu vermitteln.

Der Einsatz des Sprechrohrs, durch das Resch singt wie spricht, mag zuerst irritieren. Wenn Moreira dann aber zum Lied „Im Dorfe“ gleich fünf Tänzer mit je zwei Flüstertüten in den Händen hinter dem Sänger zu einer Art fuchtelndem Gebilde formt, bekommt deren Verwendung neuen Sinn. Während Resch von bellenden Hunden und rasselnden Ketten erzählt, werden die Röhren zu spitzen Ohren, Stielaugen und verlängerten Armen. Gewaltig toll ist das alles, weil stets die Tänzer durch ihre Körper sprechen – ohne jemals bloß plakativ zu illustrieren.

Tanzcompany am Theater Regensburg: „Eine Winterreise“, Ch: Wagner Moreira, Uraufführung am 13. März im Theater am Bismarckplatz. Weitere Aufführungen am 30. März, 6., 11., 22., 29. April, 3., 11., 13., 15., 16., 17., 22., 24. Mai, 8. Juni

 

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