Doppelt hält besser, da dies ganz wunderbar festhalten und damit zeigen kann, wie groß die Bandbreite innerhalb einer Kunstsparte ist; in diesem Fall innerhalb der Kunstform des neuen, des zeitgenössischen Zirkus. Es handelt sich geradezu um eine emotionelle Achterbahnfahrt, die bei dieser Programmzusammenstellung zu erleben ist; eine, die durchaus ein wenig den Atem raubt – und auch ein gutes Training ist, für Offenheit (künstlerischen) Realitäten gegenüber.
„amœba, me myself & eye“
Christiane Hapt, die gemeinsam mit Sebastian Berger 2003 den Kulturverein Fenfire gründete und ihn seither mit ihm leitet und Projekte entwickelt, ist mit ihrem Partner weltweit in Sache zirzensischer Kunst unterwegs und gefragt. In „amœba, me myself & eye“ skizziert sie in künstlerisch dokumentarischer Weise eine sehr persönliche Erfahrung, die sie seit 2021 macht und allumfassend beschäftigt, ihre sie seit damals begleitende Augenerkrankung.
Ihr unter einer grauen Decke verhüllter Kopf, ihr in Dunkelheit still ergebenes Verharren prägt als Eingangsbild tief die folgenden 45 Minuten ihres Solos. Eines, das in seiner Sensibilität für Kleines, das riesengroß ist, von ihr in jedem Augenblick uneingeschränkte Aufmerksamkeit erfordert so wie vom Publikum bekommt, bekommen müsste. Mit kleinen Bewegungen stellt sie sich ihrer Herausforderung ebenso wie sie dieser zu entkommen sucht, in Rückzug flieht.
Ihr poetischer, gleichermaßen zarter, langsamer wie kraftvoll und kurzzeitig dynamisch geführter Bewegungsfluss durch- und überströmt die große, schwarze, nahezu leere Bühne. Ein dreiseitig offener, ansonsten durchscheinender, überlebensgroßer Würfel bietet ihr Schutz auf der Flucht vor dem Licht und vor dem sprudelnden Leben. Ist ihr, der vielseitigen Jonglierkünstlerin, aber auch mit der Zeit Verbindung zu diesem, zum „normalen“ Leben. Noch markanter ist dafür und für ihr Leben mit nur einem vollständig sehenden Auge die Rolle des Stabes, dem sie sich mit berührender Vorsicht (wieder) nähert. Den sie sich mit zartesten Arm und Handbewegungen in wenigen (statisch notwendigen) Berührungspunkten aneignet, den sie in kleine, feine Bewegungen bringt, ihn langsam zärtlich tanzen lässt. So wie sie in aller Zärtlichkeit auch ihr Leben wieder mit Lebendigkeit erfüllt. Es sind tief berührende Bilder wesentlicher kleiner Augenblicke; solche einer schwer zu ertragenden Wirklichkeit sowie einer hart erkämpften Entwicklung in Form kleinschrittweiser Verbesserungen.
Eine außergewöhnliche, künstlerisch hochprofessionell Auseinandersetzung damit, wie einer Herausforderung begegnet werden kann.
„Good Boy“
Wenn Stefanie Skrein und Malin Brandl als Duo Skandl in zahlreichen Varianten sowohl thematischer wie formaler Art über die Bühne fegen, ihre Show funkeln lassen, sind es zu Obigem nahezu konträre Zirkus-Kompetenzen, immer wieder überraschend verzahnt mit Drag und Buffon, die da - professionell sehr wohl auch sie – ausgespielt werden: Ja, das ist eine ebenso sehr berechtigte und auch wichtige Form des Bühnenspiels; gekonnt in hoher Dynamik dargeboten mit unbändiger Lust und Freude, mit Spaß und Augenzwinkern, aber auch mit hintergründigem Witz und unterschwelliger oder aber auch offensichtlicher (Gesellschafts-) Kritik.
Gut gelingt es dem Duo, die zahlreichen Szenenwechsel charmant und einfallsreich- unterhaltsam zu überspielen. Geschmeidig wechseln Jonglage, darstellendes Spiel, Bodenakrobatik, Luftartistik, Puppenspiel, Tänzerisches und Interaktionen mit dem Publikum; eine Szene ist auch kurzzeitig originell unterlegt mit einem Telefongespräch aus dem Hintergrund, das nicht unbedingt für die Öffentlichkeit Gedachtes (aber umso alltäglich authentischer) über den Vorstellungsverlauf, die Partnerin und das Publikum zu Gehör bringt; Parallelen zu gegenwärtigen Geschehnissen sind selbstverständlich unbeabsichtigt.
Zwar könnte die für „Good Boy“ angekündigte Erzählung von „Machtwahn, Tyrannei und Gender(de-)Konstruktionen“ etwas schärfer ausgearbeitet sein, um nachhaltig zur Wirkung zu kommen. Aber ein erheiterndes Vergnügen durch diese Show bleibt allemal im Gedächtnis; und nicht zuletzt die hochakrobatische Abschluss-Nummer am Trapez.
Circus Double Bill: “amoeba / Good Boy”, Graz-Premiere am 28. März 2025 im Kristallwerk Graz