Vor 35 Jahren hat Michèle Anne de Mey mit ihrer “Sinfonia Eroïca” das symphonische Ballett auf die zeitgenössische Tanzbühne gebracht und revolutioniert. Vorbei der strenge Formenkanon, der bis dahin die tänzerische Interpretationen von Instrumentalwerken der Klassik charakterisierte. Hier entstand ein Fest der Freiheit, der Freude und der Liebe, das die damalige Generation verkörperte. Auch heute hat dieses Werk nichts von seinem bezaubernden Charme verloren.
Das 1990 kreierte, 2006 und 2022 erneut wieder aufgegriffene Werk ist nicht nur eine Synthese von 35 Jahren Tanzgeschichte, sondern auch ein eindrucksvolles Beispiel für die zeitlose Kraft klassischer Musik im heutigen Kontext. Bei der dritten Wiederaufnahme umfasst das Tanzensemble 9 statt der ursprünglichen 7 Tänzer*innen und die Musik kommt nun nicht mehr vom Band, sondern aus dem Orchestergraben. In St. Pölten erfüllte das Tonkünstler-Orchester-Niederösterreich unter der Leitung von Ayrton Desimpelaere souverän die ungewöhnliche Interpretation.
Denn das Tanzkonzert beginnt erst einmal ungewöhnlich: Zu Mozarts Ouvertüre von „Bastien und Bastienne“ – ein Thema, das auch in Beethovens Symphonie auftaucht – schaffen die Tänzer*innen einen informellen Raum für ihr Spiel. Ungezwungen und mit Leichtigkeit entwickeln sich in den nächsten 90 Minuten zu Beethovens Symphonie Nr. 3 Begegnungen und Beziehungen mit emotionaler Tiefe. Die Choreografie setzt der stringenten musikalischen Komposition spielerisch-heitere sowie nachdenkliche Momente entgegen.
Eine Hängerutsche symbolisiert die Mutprobe, wobei einige Tänzer*nnen erst nach mehreren Versuchen den Abschwung wagen. Dazwischen erklingen die Eroica-Klaviervariationen, zu denen sich sie sich mit ihren Spezialitäten, sei es als Ballerina oder Breakdancer, in Szene setzen; oder zu einem Paso Doble als gut gelaunte Gruppe zur Parade schreiten. Oder sich zu Jimmy Hendrix’ “Foxy Lady” für das Finale bereitmachen.
Der Höhepunkt des Stücks ist die Wasserschlacht, bei der die Tänzer*innen sich gegenseitig mit Wasser aus Eimern überschütten und auf dem rutschigen Boden zum vierten Satz der Symphonie eine ausgelassene Rutschpartie veranstalten.
Beethovens „Sinfonia Eroica“ und Michèle Anne de Meys Choreografie sind gleichermaßen eine Hommage an das Leben. Während der Komponist zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seiner Symphonie Napoleon und seinen Ideen von Freiheit ehrte, feiert die belgische Choreografin auf der Bühne die „alltäglichen Held*innen“.
Die Szenen sind lose aneinandergereiht. Man erkennt den geplanten Aufbau nicht, da die Begegnungen und Situationen so natürlich wirken, als wären sie improvisierte Zufälle und nicht das Resultat einer strikt festgelegten Choreografie. Die Gruppe aus fünf Frauen und vier Männern bilden eine komplizenhafte Gruppe, deren Mitglieder vertraut und liebevoll miteinander umgehen.
Aus diesem asymmetrischen Spannungsfeld schöpft die Choreografie ihre emotionale Kraft – beiläufig entfalten sich alltägliche Liebesdramen mit einer Erotik der Leichtigkeit. In den Paarkonstellationen bleibt jedoch stets eine außen vor. Doch die Gruppe findet auch hier versöhnliche Lösungen.
„Sinfonia Eroïca“ ist nach wie vor ein inspirierendes, hinreißendes und sympathisch-frisches Werk. Das liegt vor allem an dem Team perfekt aufeinander eingespielter Tänzer*innen, die die „magische Unschuld“ (Michèle Anne de Mey) als eine Liebeserklärung an die Jungend so fabelhaft verkörpern.
Michèle Anne de Mey. Tonkünstler-Orchester-Niederösterreich. Ayrton Desimpelaere: “Sinfonia Eroïca” am 29. März 2025 im Festpielhaus St. Pölten.