Toukabri1Nach zwei Jahren pandemiebedingter online-Präsentation wird diese nunmehr fünfte Ausgabe des TQW-Festivals „Rakete“, das sich jüngeren ChoreogafInnen und PerformerInnen mit ihren sehr unterschiedlichen Erzählungen und Erzählweisen widmet, eröffnet von Mohamed Toukabri und Julia Müllner. Der Eine zeigt ein zärtliches Duett mit seiner Mutter, die Andere untersucht Staub auf seine sinnbildlichen Qualitäten.

Mohamed Toukabri: „The Power (of) The Fragile“

Der in Tunesien geborene und in Brüssel lebende Tänzer, Performer und Choreograf Mohamed Toukabri tanzte nach seiner Ausbildung am Brüsseler P.A.R.T.S. bereits in vielen renommierten Kompanien, so bei Sidi Larbi Cherkaoui, Damien Jalet, Jan Lauwers, Anne Teresa De Keersmaker, oder der Needcompany. Bereits 2019 war er zu Gast bei „Rakete“ mit seinem Stück „The Upside Down Man“, in dem er seine Geschichte einer Entwurzelung als eine von vielen erzählte. (tanz.at berichtete.)

Hier, in „The Power (of) The Fragile“, sprechen er und seine Mutter von ihren individuellen und gemeinsamen Geschichten. Er ging nach Brüssel, um zu tanzen. Sie, die eigentlich auch einmal Tänzerin werden wollte, kehrte nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Italien zurück in ihr Heimatland Tunesien, sicher, es jederzeit wieder verlassen zu können. Doch verschärfte, restriktive Bestimmungen verhinderten es, erlaubten ihr sogar für zehn Jahre nicht, ihren Sohn in Europa zu besuchen und ihn bei seiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung zu beobachten.Toukabri2

Die Beiden erzählen von Grenzen. Von Ländergrenzen, eingrenzenden Ideologien, auch von denen, die das Selbstbild definieren, von politischen und gesellschaftlichen Konditionen und Konditionierungen. Und davon, welch heilsame Prozesse es in Gang setzen kann, sich dem Einfluss von Ideologien zu entziehen. 

Die Trennung ist (k)eine Grenze zwischen ihnen. Durch sie hat ihre Beziehung an Substanz gewonnen. Sie lassen diese konsolidierte Tiefe ins Körperliche fallen, begegnen und erfahren sich selbst und den Anderen so als unglaublich respektvolle, fürsorgliche, emphatische und liebevolle Menschen. Und das Lieben und Geliebt-werden, also das Annehmen des Anderen, wie er/sie ist und das Unterstützen dieses Menschen bei der Erfüllung all seiner Wünsche sowie das sich Angenommen-fühlen, so wie man ist, überstrahlt die ganze, etwa 70-minütige Performance.

Diese beginnt irgendwie im Vorbeigehen. Er erklärt seiner Mutter die Struktur der Theater-Bühne, führt sie in erste - europäische - tänzerischen Bewegungen ein und tanzt schließlich mit ihr kleine Duette. In diese eingebettet erzählt sie die Geschichte ihres Lebens. Die englische Übersetzung aus dem Arabischen wird auf einen Screen projiziert. 

Von Kraft erzählt dieses Stück wie von Fragilität. Die Stärke, mit der beide ihren Weg gehen, mit der sie Phasen langer Trennung überstehen, die es braucht, Restriktionen hinzunehmen und die insbesondere der Mutter abverlangt wurde, um Diskriminierung und Unterdrückung als Frau, als Mutter und Tunesierin psychisch zu überleben, wird nie selbstgefällig zu Schau gestellt. Die respektvolle Vorsicht, mit der Mutter und Sohn einander begegnen, spricht von einer einzigartigen Bewusstheit beider. Wie nah an der Grenze zur Resignation Latifa, die Mutter, leben musste, kann man nur erahnen.

Toukabri3Das Stück redet auch von einer Frau, die sich in ihre traditionellen Rollen als Ehefrau und Mutter, als Bewahrerin und Hüterin der Familie in ein scheinbar evolutionäres, mithin gesellschaftlich-religiös definiertes Schicksal fügt. Und von einem Mann, der hinauszieht in die Fremde, um dort Neues, Großes zu (er)schaffen und sich endlich transzendiert. Die Frau gibt ihre Träume auf. Der Mann lebt die seinen.

Doch die Basis für alles, was auf der Bühne geschieht und im Leben geschah, ist eine liebevolle Beziehung zwischen den Beiden. Nicht für das Theater gespielt. Echt, tief und unzerstörbar füllt sie den Raum. Sie bewegen sich aufeinander zu und miteinander. Er sitz auf ihrem Schoß, während sie ihn hält in ihren Armen. Er trägt sie, setzt sie ab mit zärtlicher Fürsorge. Mohamed tanzt in Einwürfen allein, emanzipiert und dennoch nicht entwurzelt, und zeigt dabei seine tänzerischen Fähigkeiten ansatzweise. Latifa, ermutigt von ihrem Sohn, wird schließlich selbst zur Solistin. Nur kurz, sie finden bald schon wieder zueinander.Toukabri4

Das Schlussbild – die Mutter kleidet sich als „The Statue of Integration“ mit Fackel a la Freiheits-Statue in der einen und einem silbrig glänzenden Toten-Schädel in der anderen Hand, mit langstachliger Krone und überlanger, barocker Schleppe und bekommt vom Sohn die blaue EU-Fahne umgehängt, – beißt ironisch in die Fundamente westlicher Demokratie und der Europäischen Union mit ihren Errungenschaften, errichtet auf der Ausbeutung großer Teile der Welt und lebendig gehalten durch Neokolonialismus und Abschottung.

Mit „The Power (of) The Fragile“ legt Mohamed Toukabri viele Finger in als solche ignorierte Wunden europäischer Geschichte und Gegenwart. Der Brutalität, mit der politische und gesellschaftliche Machtstrukturen auf individuelles Schicksal einwirken, stülpt er die so zärtliche Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn über. 

denerakMuellerJulia Müllner: „how, on floors“

Fast wie Zwillinge präsentieren sich Julia Müllner und Crystal Wall anfangs mit ihren Kappen. Doch die Tänzerin separiert sich bald, entwickelt Eigenleben im nebligen Raum. Sie tanzt wie Staubkörner durch den Raum, fällt hier einmal nieder und ruht in verschränkter Pose, dann einmal dort. Zufällig scheinen die Orte zu sein, beliebig der Zeitpunkt. Zwei Plissee-Rohre winden sich wie Sand-Würmer. Nur an den großen Röhren hinten macht sie sich's ein wenig bequem. Wie der Lurch, der an den Kanten, in den Ecken sich versammelt und zusammenrottet.

Der Sound von Crystal Wall wirbelt seinerseits verschiedenartigste Flöckchen akustischen Materials durch die Luft. Es knirscht und knistert, knackt und kracht, wummert und hämmert, dröhnt, rauscht und hallt. Die Vielfalt der Geräusche und Klänge ist die der Formen des Schmutzes und der Orte, an denen er sich zeigt. So auch ihre elektronisch verfremdete Sprache, die Dopplung auch mit Delay noch belegt. Dadurch zwar nicht eben verständlicher, aber Teile des Textes kann man nachlesen.Mueller

Das auf den Stühlen der Besucher ausgelegte, kunstvoll gefaltete und ebenso beschriebene Handout (Texte auf dem Faltblatt und dem Programmzettel von Benedict Steiner) erhellt und verleiht dieser halben Stunde, die vom reinen Ansehen und -hören doch eher als Bewegungs- und Klang-Kollage daherkommt, ihre eigentliche Dimension.

Wirklich grandios geben die vielen philosophisch-poetischen Gedanken-Fetzen, diese Sammlung von Assoziationen dem Staub und dieser sich ihm widmenden Arbeit eine ungeahnte metaphorische Kraft. „... während anderswo ein Körnchen von Freude schimmert durch die Schichten von Jahren und Tagen“, und „ein Staubkorn bleibt unabhängig von seiner Herkunft, seiner früheren Ordnung; es schließt sich zusammen, um einen neuen Kontext zu formen“, oder „... und versuchen, das Verweilen dennoch nicht zu verlernen“, und „Staub ist das, was Grenzen überschreitet, den Anstand herausfordert, gegen Normen verstößt“. „Seiendes neu zu erzählen, zu überschreiben“, „geformt zu sein von täglichen Gesten und in Posen zu verharren, bis sie eine neue finden.“

Mueller2Mit „how, on floors“ liefern Julia Müllner, Benedikt Steiner, Crystal Wall und Marcus Fisch (Licht, Set) bereits sehr viel Material. Und laden dennoch ein zur freien Assiziation, so wie sie Freud einst erfand. Lässt man die mitgelieferten Texte beiseite und nimmt nur das Bühnen-Geschehen, öffnen sich weite(re) Räume. Julia Müllner tanzt das dem Entstehen innewohnende Vergehen, schickt den Impuls in die Sickergrube des Unbestimmten, stellt Systeme in die Sonne, wo sie zerfließen. So wird das Stück, das mit seinem überraschenden Reichtum an Metaphoriken immer noch zu wachsen scheint im Geiste der NachbetrachterInnen, selbst zum Sinnbild für die Kosmologie des Tanzes. Im Kleinen wie im Großen. Das Teil für das Ganze.

Mohamed Toukabri mit „The Power (of) The Fragile“ und Julia Müllner mit „how, on floors“ am 6. und 7. Mai 2022 im Tanzquartier Wien.

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