OutwittingtheDevil 18Seine aktive Tänzerkarriere hat er beendet. Schade. Denn Akram Khan war ein außergewöhnlicher Tänzer, der die Tradition des indischen Kathak ganz selbsterständlich ins zeitgenössische Idiom integrieren konnte. Nun choreografiert er „nur“ mehr. Welch ein Glücksfall! Denn mit der Distanz vom tänzerischen Geschehen taucht er noch intensiver in die Thematik seiner Werke ein. Das Ergebnis ist Atem beraubend.

Die Spannung zwischen Tradition und Moderne durchzieht die künstlerische Biografie von Akram Khan. Nicht nur tänzerisch. Auch die Auseinandersetzung von Mythen der Weltgeschichte im heutigen Kontext ist zentral in seiner kreativen Arbeit. So verband er In „Xenos“, der letzten solistischen Arbeit, mit der er sein Tänzerlaufbahn beendete, das Soldatenschicksal mit der Prometheus-Sage (tanz.at berichtete). In „Outwitting the Devil“ transkribiert er das 3000 Jahre alte Gilgamesch Epos in die Körper von sechs Tänzer*innen, mit einer physischen Dringlichkeit, die unter die Haut geht.

Die sumerische Erzählung von König Gilgamesch, ein Gott-Mensch, der die Grenzen des Menschseins zu sprengen und die Unsterblichkeit sucht, ist eine der ältesten überlieferten Werke der Weltliteratur und ebenso rätselhaft wie faszinierend. OutwittingtheDevil 06

Khan konzentriert sich auf ein Fragment des Textes: Gilgamesch will sich verewigen und sich ein Denkmal setzten. Mit seinem geliebten Freund Enkidu macht er sich auf die Reise zum Zedernwald, um an dessen Stelle die Stadt Uruk zu erbauen. Sie töten dessen Wächter Humbaba, roden den Wald, die darin lebenden Tiere werden vernichtet. Diese Zerstörung ruft die Götter auf den Plan. Sie rächen den barbarischen Umgang mit der Umwelt und ermorden Enkidu. In Akram Khans Bearbeitung des Stoffes durchlebt der alternde Gilgamesch noch einmal diese Episoden seines Lebens mit der Eindringlichkeit eines Alptraums.

OutwittingtheDevil 05Rätselhaft und faszinierend – das gilt auch für „Outwitting the Devil“. Khan fügt die Geschichte zu einem epischen, kinetischen Gemälde von Liebe, Gewalt, Rache und göttlicher Intervention zusammen. 

Nebel und leise wummernder Sound empfangen das Publikum, ein Prolog, der kaum wahrnehmbar ist. Dann entfalten die Tänzer*innen langsam auf der Bühne das Tableau, das sich im Laufe der nächsten 80 Minuten zu einem Spiegelbild der conditio humana verdichten wird. In dieser kompromisslosen und wuchtigen Umsetzung wird das Gilgamesch-Mythos als zeitloses Sittenbild im Kontext unserer Zeit erfahrbar, und bleibt dabei doch enigmatisch.

Auf der Bühne ein zentraler Tisch (oder Grab), Trümmer liegen herum, symmetrisch angeordnet wie Stümpfe gefällter Bäume (Bühnendesign: Tom Scutt). Es ist ein öder Ort, indem die Geister der Tiere, Menschen und Götter bzw. eine Göttin aufeinandertreffen. Aideen Malone durchbricht die düstere Grundstimmung mit raffinierten Lichtakzenten, oder vernebelt sie zusätzlich mit dezenten Rauchschwaden.OutwittingtheDevil 13

In dem großartigen internationalen Ensemble verkörpert François Testory den alternden Gilgamesch, während Luke Jessop, Louis T. Partidge, Elpida Skourou und Jasper Narvaez zum drängenden Sound von Vincenzo Lamagna das Bühnengeschehen in dynamischen, bodennahen Moves von einer Katharsis zur nächsten treiben. Entspannungsmomente sind in diesem furiosen Treiben selten. Dabei sticht die Performance von Jasper Narvaez mit seiner körperlichen Durchlässigkeit hervor. Im geschmeidigen Fluss seines Tanzes wird er zu einer Art Shape Shifter, der sich übergangslos in einer Allegorie auf die Zerstörung der Biodiversität vom Elefanten, zum Falken, zur Spinne oder zum Reh wandelt. Ihnen gegenüber krönt sich der Mensch mit einer beinahe ironischen Geste selbst. Eleganter Kontrapunkt in dieser gewaltigen Bewegungswelle ist die Bharata-Natyam-Tänzerin Mythili Prakash als Göttin, die mit Handgesten und distanzierter Sicherheit das Geschehen zu lenken sucht. Doch die Katastrophe ist passiert: Humbaba, der Wächter über die Natur wurde in einem tänzerischen Gewaltakt getötet.

OutwittingtheDevil 10In „Outwitting the Devil“ wird jedoch auch der Teufel nicht ausgetrickst. Angesichts des Todes seines Freundes Enkidu ist Gilgamesch nicht nur vor Trauer schmerzgebeugt sondern wird sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Seine Erinnerungen verwandeln sich in eine Schattenlandschaft, in der die Umrisse einer Stadt erscheinen, für die der Wald geopfert wurde. Ein großartiger Abschluss!OutwittingtheDevil 17

Die letzte Szene, in der sich das Tuch, in dem die Göttin eingewickelt ist, zu einem Fluss entfaltet – wohl in Andeutung an die Sintflut, die auch im Gilgamesch-Epos beschrieben ist, eröffnet ein neues Kapitel. Dieser Epilog ist beinahe zuviel in diesem stringenten Tanztheater, das uns 80 Minuten lang in den Bann gezogen hat. 

Akram Khan Company: „Outwitting the Devil” am 14. August im Volkstheater im Rahmen von ImPulsTanz.

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