BeethovenProjekt1Eine fulminante Eröffnung der Wiener Theatersaison lieferte das Theater an der Wien mit dem „Beethoven-Projekt II“ von John Neumeier und seinem Hamburg Ballett. Es ist ein musikalisch wie tänzerisches Glanzlicht im Schaffen des 82-jährigen Choreografen. Vielleicht bedarf es dieser Lebenserfahrung um in Zeiten wie diesen ein derart hell und positiv strahlendes Meisterwerk schaffen zu können.

Inmitten der kulturellen Dystopie, in die sich das zeitgenössische Tanzschaffen zur Zeit bevorzugt verstrickt, ist Neumeiers „Beethoven Projekt II“ ein dynamisches Statement zur Musik des Komponisten, das Tänzer*innen und Publikum gleichermaßen erfasst. BeethovenProjekt2

Bereits die erste Gruppenszene gibt den Ton an, legt das Tempo vor: Zum Allegro der Sonate für Violine und Klavier rennen die Tänzer*innen ungestüm auf die Bühne, werden von ihren Partnern hochgehoben und strampeln in der Luft. Es soll weiter, höher, schneller gehen! Doch bevor es so temperamentvoll weitergehen soll, widmet sich Neumeier der Person Beethoven. 

BeethovenProjekt6a„Meine Seele ist erschüttert“

Ähnlich wie bei seinem ersten „Beethoven-Projekt“ im Jahr 2018 (tanz.at berichtete) verbindet John Neumeier auch hier ein narratives und ein sinfonisches Ballett. Die beiden Teile sind choreografisch nur sehr lose miteinander verbunden. Im ersten Teil unter dem Titel „Hausmusik“ wird die Geschichte von Ludwig van Beethoven weitergeschrieben, erneut von Aleix Martínez verkörpert,. Die Verzweiflung, die der Komponist angesichts seines Hörverlustes erlebt hat, ist in dem als „Heiligenstädter Testament“ bekannten Brief an seine Brüder überliefert. Kompositionen aus dieser Zeit liefern die Vorlage, großartig musiziert von Anton Barakhovsky und Hanni Lang, die bei der Waldsteinsonate ihre Virtuosität voll entfalten kann, sowie „Christus am Ölberge“ bzw. die Arie „Meine Seele ist erschüttert, gesungen von Klaus Florian Vogt. BeethovenProjekt7

Im aufgekratzen Habitus der Gruppe erzählen die wunderbaren Pas de deux von Aleix Martínez mit Helène Bouchet als eine Geliebte, die einmal ganz nah ist, doch immer wieder entschwindet und mit Jacopo Bellussi als Beethovens Alter Ego die Geschichte. Am Ende bleibt Beethoven mit seinem Double auf dem oberen Teil der geteilten Bühne zurück und lässt die Noten auf eine weißgekleidete Tänzerin fallen, die sie in den Orchestergraben reicht. 

BeethovenProjekt2aDamit beginnt der Höhepunkt des Abends und der heißt ganz einfach:

„Tanz!“

Seine 7. Sinfonie stellte Beethoven 1814 auf dem „Wiener Kongress“ vor, bei dem das politisch-diplomatische Gefeilsche bekanntlich tanzend stattgefunden haben soll. „Der Kongress tanzt“ ist als geflügeltes Wort in die Geschichte eingegangen.

Unwahrscheinlich, dass man bei dieser Aufführung getanzt hat, beruht das Werk doch auf keinem der damals trendigen Tänze. Und doch überrascht es nicht, dass Richard Wagner darin die „Apotheose des Tanzes“ sah, denn diese Sinfonie groovt.BeethovenProjekt3

Das nutzte John Neumeier genüsslich aus. Mit choreografischer Meisterschaft und außergewöhnlicher Musikalität übertägt er die Essenz der Musik in die Körper, verwandelt sie in einen Fluss von Bewegung ohne sie dabei zu verdoppeln. Musik und Tanz begegnen sich hier auf Augenhöhe, wie es der Choreograf beabsichtigt: „Ich hole sie vom Sockel herunter – die Musik wird intim.“ 

BeethovenProjekt5Komplizen in diesem Unterfangen waren ihm dabei das Wiener KammerOrchester unter der empathischen und animierten Leitung von Constantin Trinks sowie der Kostümbildner Albert Kriemler, der selbstbewusste Farbakzente in seine eleganten Designs setzt. Saß bei der Hamburger Uraufführung im Mai dieses Jahres das Orchester mit kleiner Besetzung auf der Bühne, so kam man in Wien in den Genuss des vollen Orchesterklanges. BeethovenProjekt6

In den ersten drei Sätzen stellt Neumeier jeweils ein Paar der Gruppe gegenüber: Ida Stempelmann und Atte Kilpinen, Anna Laudere und Evin Revazov sowie Madoko Sugai und Alexandr Trusch wirken wie Anker- oder Kontrapunkte zur Gruppe, die mit ungeheuerlicher Verve über die Bühne fegt – ganz der Dynamik der Musik verpflichtet. Spektakuläre Momente, wenn ein Paar sich aus dem Off tanzend perfekt synchronisiert in das Ensemble auf der Bühne einzufügt. 

BeethovenProjekt8Es pulsiert, vibriert, lebt! In rapiden Kostümwechseln schlüpfen die Tänzer*innen in immer wieder neue Rollen, am Ende mischen sich die Solist*innen wieder in ihren ursprünglichen Outfits ins Ensemble. Ein durchaus wirksamer dramaturgischer Effekt, für die Wiedererkennung der Tänzer*innen aber keineswegs notwendig. Diese Tänzerpersönlichkeiten sind durch den Bewegungscharakter, den der Choreograf jedem und jeder von ihnen verliehen hat, unverwechselbar. BeethovenProjekt9a

Sich vom rhythmischen Drive der Hochklassik anfeuern zu lassen, machte nicht nur den Tänzer*innen offenbar viel Spaß, auch das Publikum hat wohl mental mitgetanzt. Denn sobald die Coda verklang, brach tosender Applaus aus, entlud sich die Spannung der Sitzenden. Das Schlussbild, in dem Beethoven noch einmal auftaucht geht dabei völlig unter. Schon stehen die Zuseher und jubeln Tänzer*innen, Musiker*innen und einem sichtlich gerührten John Neumeier zu. 

Was für eine Intrada!

Hamburg Ballett John Neumeier: „Beethoven-Projekt II” am 28. August im Theater an der Wien.

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