Vollmond AlexanderLopezGuerra„Klotzen, nicht kleckern“, ist die Devise, die Impulstanz zum größten zeitgenössischen Tanzfestival gemacht hat. Was sich einerseits in einem schier unüberschaubaren Wildwuchs an Programmen manifestiert, führt andererseits zu solch unvergesslichen Momenten wie die Eröffnungsproduktion mit dem Tanztheater Wuppertal. „Vollmond“ ist eines jener Werke von Pina Bausch, das den Tanz in den Mittelpunkt einer großartigen Inszenierung rückt. 

Hier können die Tänzer*innen des Tanztheater Wuppertal ihren Bewegungsdrang voll entfalten. Die Durchlässigkeit ihrer Körper, mit denen sie ihre Tänze auf die Bühne bringen, hat hier einen ganz eigenen Charakter. Auch diesem weich fließenden und dynamischen zeitgenössischen Bewegungsmodus drückte Pina Bausch ihren Stempel auf, und zieht das Publikum bereits in den ersten Minuten mit einem Männerduett in den Bann. Das wird sich im Laufe des Abends bis hin zu einem ausgelassenen Schlittern und Rutschen im Nassen steigern. Natürlich darf auch das elegante Defilé der Gruppe nicht fehlen, das so vielen ihrer Stücke eine unverwechselbare Note verleiht.Vollmond OliverLook

„Vollmond“ ist eine Produktion, deren Bühnenbild durchwegs staunen lässt und Pina Bausch als jene Gigantin bestätigt, mit dem sie die Theaterkunst revolutioniert hat. Wasser ist das zentrale Element. Peter Pabst hat eine Bühne entworfen, auf der es in Strömen regnet, in der die Tänzer*innen durch das Wasser gehen, schwimmen, in ihm plantschen oder mit ihren Haaren Fontänen in die Luft schleudern. Und dennoch bleibt ein beträchtlicher Teil der Bühne trocken für virtuoses Tanzen. Im Wasser steht ein riesiger Fels, über den sie klettern und abrutschen, der es erlaubt, das Geschehen auf eine weitere räumliche Ebene zu heben. Wenn die Tänzer*innen dann kübelweise Wasser gegen ihn schütten, klingt es wie die Gischt der Flut, die vom Magnetfeld des Mondes gesteuert wird.

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Tanztheater Wuppertal: „Vollmond“. Ein Stück von Pina Bausch. © Yako.one

Schließlich ist es ist ein Stück, in dem Leichtigkeit und Humor die Grundstimmung vorgeben, in dem mit vollmondigen Verrücktheiten kokettiert wird, und in dem doch jede Szene ein messerscharfer Sozialkommentar ist, nicht im politischen, sondern im zwischenmenschlichen Sinn. Einige Tänzerinnen – Silvia Farias Heredia, Ditta Miranda Jasjfi, Azusa Seyama und die Bausch-„Urgesteine“ Héléna Pikon und Julie Anne Stanzak – haben die Uraufführung 2006 noch mitgestaltet. Aber auch die Neuen, Jungen, fügen sich bestens in das zwölfköpfige Ensemble ein und zeigen, dass die Arbeit beim Tanztheater Wuppertal mit unverminderter Qualität und voller Integrität weitergeführt wird. Noch leiten die Tänzerinnen und Tänzer, mit denen die 2009 verstorbene Pina Bausch ihre einzigartige Kunst entwickelt hat, die Proben und Einstudierungen. Wie schwierig es ist, an Bauschs kreative Arbeit anzuknüpfen, belegen hingegen die bisher wenig erfolgreichen Versuche, das Repertoire mit Arbeiten anderer Choreograf*innen zu erweitern.

Vollmond DittaMirandaJasjfiEs ist wohl schwer zu sagen, wie lange die Damen in den eleganten Abendkleidern (Kostüme: Marion Cito) und die Herren, die die gesellschaftliche Etikette der Nachkriegsgeneration verkörpern, noch ihren Appeal entfalten werden. Dramaturgische Eingriffe sind tabu (auch wenn die eine oder andere Kürzung in der zweiten Hälfte der zweieinhalbstündigen Aufführung von „Vollmond“ vorteilhaft wäre). Lediglich eine kleine Veränderung ist bereits zu bemerken: die unvermeidbare Zigarette wird nicht mehr angezündet. (Den Kampf ums Rauchen führt die langjährige Bausch-Tänzerin Mechthild Großmann nun übrigens als Schauspielerin in der Münster-Tatort-Serie fort.) 

Doch noch ist die Wertschätzung glücklicherweise ungebrochen. Als ich das Stück 2007 im Schauspielhaus Wuppertal sah, war die Begeisterung des Publikums für „ihre“ Pina buchstäblich greifbar. Nun konnte ich diese Erfahrung auch in Wien machen, wo die Zuseher*innen die österreichische Erstaufführung im ausverkauften Burgtheater ebenso frenetisch und warmherzig feierten. Pinas Arbeit ist definitiv sehr lebendig!

Tanztheater Wuppertal: „Vollmond“. Ein Stück von Pina Bausch am 10. Juli 2022 beim Festival Impulstanz im Burgtheater 

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