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Wilde1Wie Gefäße, deren Inneres an ihrer Außenhülle sichtbar wird: So wirken Marco Goeckes Bühnengeschöpfe. Wenn sie rasend rucken und zucken, im Stakkato gestikulieren und grimassieren, stellen sie nicht „Handlung“ dar, sondern Befindlichkeiten: Emotionale Zustände, psychische Zurichtungen. Aus diesem expressionistischen Prinzip der Gestaltung rührt das Singuläre des Goeckeschen Bewegungstheaters. Zugleich rühren daraus seine Begrenzungen, ästhetisch wie funktional. An diesen Grenzen scheitert Goeckes jüngstes, bejubeltes Werk.

Das Libretto von „A Wilde Story“ ist die eines Handlungsballetts. Elf Szenen, abwechselnd biographischen Stationen des Autors und Figuren seiner Prosa gewidmet: In Oscar Wilde entsteht der Wunsch, literarisch zu schreiben; der glückliche Prinz, die Schwalbe und ihre guten Taten; Oscar Wilde und seine Frau Constance; Dorian Gray und der Maler seines Bildnisses; das Liebespaar Oscar Wilde und Alfred Douglas; die Nachtigall, der Verliebte und die Rose; Oscar Wilde und die gesellschaftlichen Zwänge des viktorianischen England; das (möglicherweise) von Oscar Wilde erfundene schwule Paar Teleny und Camille; die grausame Infantin; schließlich Oscar Wildes Verurteilung wegen „Unzucht“ mit Männern und seine „in Gefangenschaft und Fesseln“ geschriebene Rechtfertigung seines Lebens und Schaffens.Wilde2

Wilde375 Minuten, keine Pause, und die Collage aus Massenets Klavierkonzert (das zeitliche Nähe zu Wildes Lebenszeit und durch seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte auch zu Wildes Werk herstellt), aus mehr Spätromantischem von Korngold und Ethel Smyth, Modernem von den Smashing Pumpkins und Debbie Wiseman schwelgt in Drama und Gefühl. Alles gut gemacht, wunderbar musiziert (das Niedersächsische Staatsorchester unter Leitung von James Hendry), in Goecke-üblicher Manier sparsam, Grau in Schwarz, düster und symbolträchtig ausgestattet (Marvin Ott, Licht: Udo Haberland).Wilde4

Der Kern des Werkes ist freilich „Handlung“. Und nichts liegt näher! Nutzt „A Wilde Story“ doch sowohl Stationen aus Oscar Wildes Biographie als auch – mit den für das Libretto gewählten Kunstmärchen - Werke, deren Gefühlswirkung nicht durch die innere Befindlichkeit der Figuren, sondern durch deren Taten entsteht, durch die guten des Prinzen und der Schwalbe und der Nachtigall so sehr wie durch die schlechten der Krämer, des Verliebten und der Infantin. Folglich schreiben die (mit Verlaub: gschlampert verfassten und redigierten) Programmhefttexte der Dramaturginnen Leira Marie Leese und Esther Dreesen-Schaback nahezu allen Szenen nicht nur Inhalt zu, sondern konkrete Handlungsabläufe – die aber durchweg Behauptung bleiben. Dargestellt werden sie nicht. Allenfalls angedeutet: In Arrangements der Figuren zueinander, die Film-Stills gleich Momente spiegeln, die Ausgangs- oder Endpunkt – oder irgendein Punkt dazwischen – der Handlung sein können, aber nicht selbst Handlung sind.

Wilde5Wo das Missverständnis dieses Abends seinen Ursprung haben mag? Wollte Marco Goecke für einmal tatsächlich Geschichten erzählen? Wollte er in „A Wilde Story“ seine Mittel diesmal in den Dienst des gewählten Themas stellen, ihnen verwehren, sich, wie sonst, des Themas bis zu dessen Unkenntlichkeit zu bemächtigen? Diese Herausforderung hätte der Entwicklung seines Stils, der sich immer und immer wieder selbst genügt und zitiert, womöglich faszinierende Perspektiven eröffnet – nicht nur für ihn selbst. Oder hat hier einfach nur die Dramaturgie die „falschen“ Texte zum „richtigen“ Stück geliefert? Denn fraglos ist der Stil Marco Goeckes – der, den man kennt – prädestiniert zur theatralischen Anverwandlung jenes anderen Teils des Werkes von Oscar Wilde, der in Epigrammen und Aphorismen scharf und gnadenlos ins Herz der Dinge sticht.Wilde6

So aber bleibt von „A Wilde Story“ der schale Nachgeschmack eines neuen Eintrags auf der langen Liste jener Hervorbringungen des Theaters, die „Handlung“ postulieren, jedoch nur auf dem Papier und in der Vorstellung der Beteiligten liefern. Dass das Publikum dennoch fasziniert ist: Wer mag es ihm verdenken! Die hochleistungsgeforderten Mitglieder des Staatsballetts agieren, zumal und Goecke-typisch von den Haarspitzen bis zur Taille, grandios wie Präzisionsmaschinen ganz eigener Art, aus dem Orchestergraben strömt pure Emotion, und die Bilder auf der Bühne sind mit Zeichen und Symbolen gespickt, die gekonnt ein Parfüm des Bedeutungsvollen verströmen, das sich dort vorne wohl gerade ereignet.

Wilde7Ereignen muss: Der jüngste Deutsche Tanzpreis, immerhin, adelt Marco Goecke, und die Theater allerorten reißen sich um ein Stück von ihm. Insofern, zugestanden, mag das Missverständnis dieses Abends in Hannover beim Autor dieser Zeilen liegen.

Staatsballett Hannover: „A Wilde Story“ von Marco Goecke. Uraufführung am 21. Oktober 2022, gesehene Vorstellung: 29. Oktober 2022. Weitere Vorstellungen bis zum 26. November 2022. www.staatsoper-hannover.de

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