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Gardenia3„Gardenia“ von Frank van Laecke, Alain Platel, Steven Prengels – NTGent & Les Ballets C de la B, 2010 in seiner Original-Version bei ImPulsTanz gezeigt (tanz.at berichtete), erlebte jetzt die Uraufführung seiner „10 Years Later“-Reprise. Weitgehend in der ursprünglichen Besetzung gespielt stehen neun Stühle und acht Menschen auf der Bühne. Deren Verwandlung in schillernde Travestie-Königinnen der Nacht ist nur der Rahmen für Geschichten von einzigartigen Menschen.

Gebrechlich, ja verfallen geben sich die in ihren Anzügen auf der Bühne verteilten acht Menschen, nur einer von ihnen ist deutlich jünger. Eine(r) tippelt zum Micro und singt mit tiefer, rauchiger Stimme „Somewhere over the rainbow“. Träume. Die da singt ist die 1948 geborene Schauspielerin und Theatermacherin Vanessa Van Durme, von der das Konzept für „Gardenia“ stammt. Ein dem Song unterlegter dunkler Akkord klingt fast drohend. „Das war's! Ein letzter Vorhang. Danke.“ Womit der inspirierende Impuls für „Gardenia“, die Dokumentation „Yo soy así“ von Sonia Herman Dolz aus dem Jahr 2000, die dem vor der Schließung stehenden Transgender-Club „La Bodega Bohemia“ in Barcelona einen filmischen Gedenkstein setzte, eine Andeutung erfährt.Gardenia1

In einer Gedenkminute wird der in der Original-Version die Tina Turner spielenden, inzwischen verstorbenen Kollegin Andrea De Laet gedacht. Doch „weil Engel nichts zwischen den Beinen haben, langweilt sie sich da oben tödlich.“

Die Vorstellung der Travestie-Künstlerinnen mit ihren Fantasie-Namen und speziellen Fertigkeiten ist ein Amüsement für sich. „Juanita de Buenos Aires, die Königin der Blow Jobs“. Und dazu treten die gebrechlichen Alten in ihren Anzügen nach vorn. Wie sie sich dann alle langsam zu romantischer Musik bewegen, erzählt auf rührende Weise so viel von den immer noch in ihnen pochenden Sehnsüchten und Hoffnungen.

Unter ihren Anzügen tragen sie Kleider, freigelegt mal kurz für „Forever young“ und Posen in Gruppe. Auch das letzte Abendmahl vermeint man zu sehen. Da ist noch Leben. Das aber muss noch warten. Bei „Rio de Janeiro“ rüsten rüsten sie auf wie für eine Show. Die erste im Rampenlicht singt „Cucurrucucú Paloma“. Gefühlvoll, Und richtig gut! Sie reicht ihre blonde Perücke weiter. Am Schminktisch hinten wird’s geschäftig. Zu Ravels „Bolero“ zelebrieren sie ihre Verwandlung in Rampensäue. „Ich bin groß. Es sind die Bilder, die klein sind!“ Immer schöner werden sie, die geschminkten Gesichter strahlen, sie erblühen als Travestie-Diven, versprühen Lebenslust und Freude wie viele Teenies nicht.

Gardenia2Nur der Junge bleibt am Rand, im Sakko. Der 1980 geborene Belgier Hendrik Lebon ist der einzige junge Mensch auf der Bühne. Mit ihm verweist Choreograf Alain Platel auf eine Realität, in der Queerness angefeindet und diskriminiert wird. Die am Beispiel Russlands vorgeführte politisch und gesellschaftlich amnestierte Homophobie und ihre Auswirkungen auf die Psyche der Verdammten waren schon Teil der Ur-Version, sie sind, so muss der Welt attestiert werden, leider auch zehn Jahre später um nichts weniger aktuell. Der exzellente Tänzer Lebon besticht in einem Solo zu einem französischen Chanson, mit viel Unterleib und oben ohne. Die Trost spendende, ihn aufrichtende Frau begehrt er. Sie kämpfen miteinander, beide im Anzug. Seine Verzweiflung mündet in mehrdeutige Wut und Aggression, gegen sich selbst als einem nonkonformen Bi- oder Gay-Mann gerichtet wie gegen eine ihn ächtende Gesellschaft. Er bleibt mit hängendem Kopf allein zurück.

In prächtigen Roben und mit zauberhaftem Kopfschmuck erscheinen die sieben Diven hinten, präsentieren sich einzeln auf dem roten Teppich, der für sie ausgerollt die schräge Bühne hinab führt. Musik in Fetzen dazu. Und die Diven nehmen den jungen Russen auf in ihre Gemeinschaft. Während eine singt „Sag' mir, wo die Blumen steh'n“, tanzt er seinen Gay hinaus. „Wann wird man je versteh'n?“ Und eine der Schönen zieht dem Jungen sein Sakko über.Gardenia4

Ihre Geschichten bestehen aus gestorbenen und lebendigen Träumen, aus verpassten Chancen und Enttäuschungen. Eine über allem liegende Wehmut wird nur manchmal von einem dann schäumenden Lebenswillen durchbrochen. Die Wärme, mit der Platel seine Figuren zeichnet, die Würde dieser einzigartigen Menschen, ihr Stolz, ihr Wille zu leben, und zwar ihr Leben, berühren. Die Offenbarung einer unter Konventionen verdeckten Wirklichkeit. Sind diese wunderbaren Travestiekünstler nur schräge, liebenswerte Vögel oder metaphorische Gestalten für letztlich einen jeden von uns in seiner Verkleidung?

Diese Aufführung von Gardenia – 10 years later ist dem Gedenken an Ismael Ivo gewidmet.

Frank van Laecke, Alain Platel, Steven Prengels – NTgent & Les Ballets C de la B: „Gardenia – 10 Years later“ am 7. August 2021 im Wiener Volkstheater im Rahmen von ImPulsTanz.