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Jewels EmeraldsEineinhalb Jahre Durststrecke, wenige Vorstellungen, kaum Publikum und Vorstöße ins Digitale. Noch ist die pandemische Krise keineswegs völlig überwunden, doch der für Künstler und Kompanien desolate Zustand des verordneten Inne- und personellen wie kreativen Maßhaltens scheint fürs Erste gebannt. Mit Beginn dieser Spielzeit stehen bislang alle Zeichen auf „grün“. Damit gilt es, sich neu zu erfinden bzw. endlich auf die Bühne zu bringen, was zuvor schon mal angekündigt war.

Den Probenplan des Bayerischen Staatsballetts bestimmt momentan die verschobene Neueinstudierung von Christopher Wheeldons „Cinderella“. Erste Einblicke in die Produktion bietet der World Ballet Day (zwei Proben, zu sehen auf staatsballett.de am 19. Oktober). Die getanzte Märchenadaption des Engländers mit Faible für großes Ausstattungsballett soll ab 19. November ganze Familien in ihren Bann ziehen – mit Hilfe von rund 40 Tänzerinnen und Tänzern. Auf ein solches Ensembleaufgebot hat man lange verzichten müssen.

Dmitrii VyskubenkoOsiel Gouneo und Jinhao Zhang bereiten sich derzeit auf die Rolle des Prinzen vor. Letzterer wurde unterdessen in den Rang eines Ersten Solisten erhoben. Aus deren Münchner Riege hat sich Alexey Popov mit seinem Wechsel nach Wien verabschiedet. Die Titelpartie studieren neben der exquisiten Ersten Solistin Maria Baranova noch Madison Young – herausragende neue Solistin in München seit Spielzeitbeginn 2020/21 aus Wien übersiedelt – sowie die gebürtige St. Petersburgerin Sofia Ivanova-Skoblikova ein. Vom Ungarischen Nationalballett kommend, verstärkt auch sie fortan die Kompanie als neue Solistin. Ihr Debüt beim Bayerischen Staatsballett gab sie am 9. Oktober in „Rubies“, dem zweiten Teil von „Jewels“ an der Seite von Yonah Acosta.

Auch der gebürtige Kanadier Shale Wagman – seit Frühjahr 2021 in Bayern und jetzt einen Halbsolistenvertrag in der Tasche – durfte im Pas de Trois des „Jewels“- Auftaktstücks „Emeralds“ seine Affinität fürs Klassische beweisen. Bislang sprang einem vor allem seine zeitgenössische Verve ins Auge: zuletzt in Sharon Eyals „Bedroom Folk“ und „Tag Zwei“ von Özkan Ayik.

Bereits gut eingeführt hat sich der gerade mal 18-jährige António Casalinho – Prix de Lausanne-Gewinner 2021 – mit zwei ersten Auftritten in „Jewels“, Balanchines neoklassischem Ballett-Schmuckstück. Der Dreiteiler, der das Publikum mit purer Eleganz trunken macht, – alle Interpreten ließen ihn im vollbesetzten Haus aufs Neue nahezu brillant funkeln – konnte am 3. Oktober nach dreijähriger Pause auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters zurückkehren.

Wie schon zur Premiere im Oktober 2018 musste jede Besetzung von den die Proben leitenden Ballettmeistern des Balanchine-Trusts abgenommen werden. Die pandemiebedingt verzögerte Wiederaufnahmeserie verspricht zahlreiche Rollendebüts. Perfekte Möglichkeiten, um die Neuen im Staatsballett ohne mögliche Ablenkung durch das Verfolgen eines Handlungsfadens kennenzulernen.

Casalinho erarbeitet mit der erst 16-jährigen, ebenfalls beim Prix de Lausanne ausgezeichneten und aus Portugal stammenden Margarita Fernandes den Solopart in „Rubies“ zu Strawinskys jazzigem Capriccio für Klavier und Orchester. Sein Karrieretraumziel soll zwar das Royal Ballet London sein, nun starten beide aber als ehrgeiziges Shootingpaar erst mal in München durch. Und das gleich im Rang von Halbsolisten.

In „Emeralds“, dem Eröffnungsteil von „Jewels“, gab Madison Young an der Seite von Emilio Pavan ihr Rollendebüt. Mit unzerbrechlich-romantischer Akkuratesse. Seit sie Wien für München verlassen hat, wusste sie in „Schwanensee“ (Charlotte), Emil Faskis kompakter „Othello“-Version (Emilia), als Myrtha und Giselle zu überzeugen. Dann, zum Saisonstart im Cuvillés- und Prinzregententheater, übernahm sie von Ksenia Ryzhkova, die sich erneut im Mutterschutz befindet und in der laufenden Spielzeit freigestellt bleibt, deren Part in Liam Scarletts „With a Chance of Rain“. 

Ein Stück, das fortan daran erinnert, wie schnell die Welt einen Künstler durch moralische Vorverurteilung komplett zu vernichten vermag. Hatte man vielerorts doch geglaubt, die Werke dieses Choreografen kurzerhand absetzen oder deren Neueinstudierungen ersatzlos streichen zu müssen. Die fatale Konsequenz: Ein Riesentalent verstummte trotz in der Zukunft möglicherweise vermeidbaren Fehlverhaltens. Gut, dass zumindest Scarletts Rachmaninow-Oktett in bester neoklassischer Machart aufgrund Igor Zelenskys ausschließlich auf tänzerische Qualitäten gerichteten Blicks im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts verblieben ist. Denn es kann sich mit Balanchine messen.

„Jewels“ am 9. Oktober 2021 im Münchner Nationaltheater. Nächste Vorstellungen am 22. Oktober., 7., 27., 28. November