Dreiseitig umrundet das Publikum das Bühnentanz-Geschehen. Dieses fußt auf der sehr ursprünglichen Tanzform des Kreistanzes. Und der ihm innwohnenden Emotionen und Ideen widmen sich in dieser ersten Tanzproduktion des Grazer Opernhauses in dieser Saison drei Choreografen in – wie nicht anders zu erwarten ist – sehr unterschiedlichen Interpretationen. Wie setzt sich diese Tanzform in zeitgenössischem Bewegen, in aktuellen Kommunikationsbedürfnissen um? Dieser "Ring" handelt von etwas anderen Kreisen ohne sich im Kreis zu drehen.
Der in Italien geborene und ausgebildete Tänzer-Choreograf Brian Scalini greift in „re:Mind“ inhaltlich auf den immerwährenden Kreislauf alles Lebens zu. Er lässt seinen Protagonisten in die Welt der Erinnerungen eintauchen, lässt ihn nach Bruchstücken seiner Vergangenheit suchen. Die mit der Phase des Kleinkindes beginnenden Szenen sind immer wieder mit Gestik und Mimik unterlegt und auch im tänzerischen Zusammenspiel der sechs ‚erinnernden‘ Tänzer (unter ihnen ein Gaststudent aus Frankfurt) und dem Nach-Denkenden dominiert deutlich Gezeichnetes. Zu simpel, immer wieder erwartbar im Inhaltlichen und auch in der Sprache des Tanzes nicht so kreativ oder überraschend, um dem komplexen Feld einer erinnerten Vergangenheit in all seiner verwobenen Verschwommenheit Raum zu geben für tiefergreifendes Suchen, Überdenken und Erkennen und damit für nachhaltiges Berühren. 
Zu den einprägsamsten Szenen des aus Rumänien stammenden Tänzer- Choreografen Etay Axelroads zählt in seinem Werk „Pitfall“ die allererste: Wenn die Harmonie des Kreises bereits zu einer Linie des Angriffs geworden ist und diese sich in zeitlupiger Langsamkeit Schritt um Schritt unaufhaltsam vorwärtsbewegt. Die Griffigkeit der hier gezeigten Minimalbewegungen jedes Einzelnen, die Anspannung der Tänzer bis in die Zehen mündet in ein haltloses Zittern und Zucken; in das mit absterbender Kraft immer noch anhaltende Kämpfen gezeichneter (siehe auch Fetzen an ihrer Kleidung) Kreaturen. Solche, die sich wie in der Endlosschleife eines Kreises allein und zu zweit, zu dritt, gemeinsam aufzulehnen versuchen. Gegen Gegebenheiten, die nicht mehr zu ändern sind. In engstem Abstand zum Publikum bewegen sich einzelne am Publikum vorbei: Ja, dieses ist durchaus auch Teil von diesen Bedauerlichen, Getriebenen, Verzweifelten. Von denen, die mit aufkeimender Kraft immer wieder sich zu wehren, zu kämpfen versuchen. Im Miteinander Halt suchen, wie in einer der letzten Szenen zwischen zwei Tänzerinnen mit zarter, wohlgeführter tänzerischer Kraft skizziert wird. Die sich wiederholenden Bewegungsmuster sind stimmig, verlieren aber doch durch die insgesamt etwas fehlenden, markanten Strukturierungen, durch das Vermissen von Entwicklungen oder deutlicheren Variationen mit der Zeit an Kraft. Das Potential der Tänzer und Tänzerinnen scheint hier nicht vollkommen erkannt und damit nicht vollständig genutzt worden zu sein.
Dass ein Kreis immer nur von mehreren, idealerweise von einer Gemeinschaft gebildet wird, und wie er durchbrochen werden kann - aus sich heraus oder von außen, das manifestiert sich am eindrucksvollsten in „Eidolons“, einer Choreografie des in Sydney geborenen und nun in Helsinki als freischaffender Tänzer und Choreograf lebenden Jack Traylen.
Das Mit-, Gegen- und Voneinander, das zwischen dem Einzelnen oder Mehreren und einer geschlossenen, abgerundeten Gruppe das Spiel, ja das Leben am Laufen hält, ist es, das einen anhaltenden, faszinierenden Spannungsbogen in dieser ungewöhnlichen Arbeit bewirkt. Die Interpretation der immer wieder anders aufpoppenden Aktionen, der hochkommenden, normalerweise verdeckten Emotionen ist eine sehr offene, zweifelsfrei sehr persönliche. Und zusätzlich wird man Zeuge eines abwechslungsreichen, tänzerisch anspruchsvollen, kreativ-mutigen Erkundens der Möglichkeiten eines Miteinander in unterschiedlichen Konstellationen. Und, oder der eines ‚Einzelkampfes‘ und seiner individuellen, mehrschichtigen Suche im eigenen Ich nach eben diesem. All dies immer wieder inspiriert oder zumindest im Wechselspiel mit geschauter oder auch erlebter Perfektion in der Harmonie eines (von Menschen gebildeten) Kreises, eines lückenlosen Zusammenspiels. Aber auch dieser, der Kreis/die Gruppe selbst (zum Teil nur angedeutet durch einzelne Positionen im ‚Rundherum‘) scheint letztlich offen für die Erfahrungen der nicht Eingebundenen, der anderen. Ein überaus anregendes Tanz-Geschehen, das bei allen offenen Fragen an das Konkrete der Inhalte in seiner feinsinnigen Formen- und außergewöhnlichen Bewegungsvielfalt bezaubert.
Ballett Graz: „Ring“, Premiere am 21. November 2025, Studiobühne, Opernhaus Graz. Weitere Vorstellungen: 26., 28., 29. November, 4., 5., 6. Dezember 2025
