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                               Bettina Masuchs feines Händchen für das Tanzprogramm im Festspielhaus St. Pölten hat sich mit dem Gastspiel des Zürcher Balletts wieder einmal als goldrichtig erwiesen. Mit “Clara” wurde die Arbeit von Cathy Marston vorgestellt, die einen eigenwilligen Ansatz zwischen Tradition und Moderne vertritt und dabei – wie beiläufig – in emotionale Tiefen der handelnden Personen vordringt. In diesem Fall sind das Clara und Robert Schumann sowie Johannes Brahms.

Clara Schumann (1819–1896) zählt zu den bedeutendsten Pianistinnen des 19. Jahrhunderts. Vom Vater zum Wunderkind ausgebildet, war sie bereits in jungen Jahren eine europaweit gefeierte Konzertpianistin. Sie heiratete 1840 gegen den Willen des Vaters den Komponisten Robert Schumann, mit dem sie acht Kinder hatte. Nach seinem Tod führte sie ihre eigene Karriere unermüdlich fort, um die Familie zu ernähren, und setzte sich zeitlebens für das Werk ihres Mannes ein. Ihre tiefe, lebenslange Freundschaft mit Johannes Brahms ist legendär. Clare Schumanns Kompositionen gerieten lange in Vergessenheit, erst seit den 1970er Jahren werden sie wieder vermehrt aufgeführt.

Die Welt der Schumanns ist die Musik und so ist auch die Bühne mit Versatzstücken eines Klaviers ausgestattet, der Korpus eines Grand Piano als zweite Spielebene, die Tasten als Fenster zum Reinschauen und Rausgehen (Bühnenbild: Hildegard Bechtler). Claras Kostüme in schwarz-weiß (von Bregje van Balen) und die Bewegungen, die in unnachahmlicher und origineller Weise Musik verkörpern. Ein Höhepunkt ist die Orchesterszene: Unter Robert Schumanns Dirigat mutieren die Tänzer*innen zu bewegten Instrumenten, zu einem Orchester, das Musik in seinen Bewegungen umsetzt.

Clara6Cathy Marstons choreografische Kunst verbindet eine stringente Dramaturgie mit choreografischer Freiheit, musikalisches Feingefühl mit einer klugen Inszenierung. Drei Akte hat die Geschichte von Clara Schumann, geborene Wieck, deren Person in diesem Ballett von sieben Tänzerinnen verkörpert wird. Denn die Rollen der Pianistin sind vielfältig: Als Protegée ihres Vaters, bei dem sie Klavier lernte, brillierte das Wunderkind bereits sehr früh auf ausgedehnten Konzertreisen und war bereits als Komponistin aktiv. In ihrer Ehe mit Robert Schumann, den sie gegen den Willen ihres Vaters heiratete, war sie darüber hinaus Ehefrau, Mutter (sie brachte 8 Kinder zur Welt), Muse, Managerin und Pflegerin.Clara6

Aus dem Clara-Septett treten im Laufe des Balletts einzelne Facetten in den Vordergrund. Im ersten Akt steht das Wunderkind und die Beziehung zum Vater im Mittelpunkt, der zweite Akt behandelt die Ehe mit Robert Schumann, in der die Freundschaft mit Johannes Brahms eine zentrale Stellung einnimmt, bis zu Schumanns Einlieferung in die Nervenheilanstalt. Der dritte Akt konzentriert sich auf die Beziehung Claras zu Johannes Brahms, die bis heute Anlass zu Spekulationen gibt. Bei Marston lässt Brahms Clara zurück, da er der Kraft der siebenfachen Kraft der Künstlerin nicht gewachsen ist.

Clara7Diese Geschichte wird in das hervorragende musikalische Arrangement von Philip Feeney mit Originalkompositionen von Clara Schumann, Robert Schumann und Johannes Brahms eingebettet. Feeney macht aus dieser Collage einen durchgängigen Soundtrack, der die emotionalen Handlungen auf der Bühne kongenial begleitet.

Marston führt das Publikum mit ruhiger, empathischer, sicherer Hand durch das Leben dieser Pianistin und Komponistin, die nach dem Tod ihres Mannes noch eine fulminante Karriere erlebt hat. Doch das ist nicht mehr Teil des Balletts, das 2 Stunden 40 Minuten dauert und zwei Pausen hat. Nichts davon ist zuviel, auch wenn es für Gastspiel-Produktionen ungewöhnlich erscheint. Marston und ihre Dramaturgen Edward Kemp und Michael Küster haben für das Opernhaus in Zürich produziert und sich ganz auf die Wirkung ihres Werkes konzentriert. Und diese erreicht es freilich in erster Linie durch die Tänzer\*innen des Ballett Zürich. Unter den Claras stach die charismatische Nancy Osbaldeston als Ehefrau hervor, die diese Figur in einzigartiger Weise zu vermitteln verstand. An ihrer Seite glänzten Karen Azatyan als Robert Schumann und Chandler Dalton als Johannes Brahms.

Da bleibt nur zu hoffen, dass die Arbeit der britisch-schweizerischen Choreografin und des fabelhaften Ballett Zürich auch hierzulande noch öfter zu sehen ist.

Ballett Zürich: “Clara” am 23. November 2025 im Festspielhaus St. Pölten.

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