Pin It

Nussknacker1Was für ein Auftakt! Das Bayerische Staatsballett startete mit John Neumeiers „Nussknacker“ und der Kritiker-Auszeichnung „Glanzlicht 2025“ in die neue Spielzeit. Nach über dreimonatiger Sommerpause auf die Bühne des Nationaltheaters zurück und setzt sich mit gleich vier „Nussknacker“-Besetzungen aufs Beste in Szene. Sechs Jahre ruhte John Neumeiers Fassung des beliebten Tschaikowsky-Klassikers, die – zum hörbaren Verdruss mancher Kinder – auf märchenhafte Zinnsoldaten oder als Mäuse verkleidete Tänzer ebenso verzichtet wie auf eine Verwandlung des hölzernen Nussknacker-Geschenks in einen Prinzen.

Dem seit 1973 fest im Münchner Repertoire verankerten Werk verpasste der mittlerweile 86-jährige Choreograf in kürzester Zeit obendrein selbst den letzten Feinschliff. Zu Recht soll ein neuer Probensaal im Ballettzentrum am Platzl daher seinen Namen tragen. Nussknacker2

Das Alleinstellungsmerkmal von Neumeiers Umdeutung liegt in der Abkehr vom ursprünglich romantisch verklausulierten Weihnachtsmärchen nach E.T.A. Hoffmann hin zu einer in weiten Teilen geträumten Coming-of-Age-Geschichte mit nostalgischem Touch. Marie (berührend mustergültiges Debüt: Zhanna Gubanova), deren große Schwester Louise (mit gewohnt stupender Akkuratesse: Laurretta Summerscales) Primaballerina eines fiktiven, russisch angehauchten Hofballetts ist, feiert ihren zwölften Geburtstag. Der mit Maries Bruder Fritz (sprungstark und aufgeweckt: Gruppentänzer Frederick Stuckwisch) befreundete Kadettenführer Günther (durch und durch charmant: Julian MacKay in Topform) schenkt dem Mädchen eine Nussknacker-Figur.

Nussknacker4Inhaltlich rückt die Kunstform Ballett in den Mittelpunkt, sobald Drosselmeier die Bühne betritt. Sein Mitbringsel für das Geburtstagskind sind Spitzenschuhe. Die verschrobene Figur ist Neumeiers Reverenz an den legendären Ballettmeister Marius Petipa, den sogenannten „Vater des klassischen Balletts“. Dass man diese kapitale, Marie durch das gesamte Stück führende Partie Soren Sakadales (Gruppenmitglied seit 2023/24, zuvor Bayerisches Junior Ballett München) anvertraut hat, ist ein Glücksfall. Der hochgewachsene gebürtige Kalifornier, der sich in der neben darstellerischem Geschick auch technische Virtuosität einfordernden Rolle mit Halbsolist Severin Brunhuber abwechselt, tritt damit bravourös in die Fußstapfen des ehemaligen Münchner Ersten Solisten und Publikumslieblings Jonah Cook. Sakadales Leistung ist dermaßen eindrücklich, dass er im Anschluss an sein rundum gelungenes Debüt am 2. November von Ballettdirektor Laurent Hilaire mit der längst fälligen Beförderung zum – immerhin schon mal – Demi-Solisten belohnt wird.Nussknacker3

Alles strahlt bei dieser Wiederaufnahme. Weil das Nationaltheater bis weit in den Oktober hinein für Sanierungsarbeiten geschlossen war, konnte sich die Kompanie schon vorab auf einer Gastspielreise in Barcelona mit Peter Wrights „Giselle“ warmtanzen. Die gleichzeitige Asien-Tournee des Bayerischen Staatsorchesters scheint den Musikerinnen und Musikern ebenfalls ausgezeichnet bekommen zu sein. Die aktuelle „Nussknacker“-Serie unter Leitung von Azim Karimov (seit 2023 musikalischer Assistent von GMD Vladimir Jurowski) stellt den Rang dieses Klangkörpers als eines der europaweit subtilsten wie präzisesten Ballettorchester hörbar unter Beweis.

Nussknacker5Dementsprechend zeigt sich das Bayerische Staatsballett bis in die hintersten Reihen perfekt disponiert: Unisono-Passagen werden stets als ideal verzahnte Einheit gemeistert. Einige Interpreten fallen dabei immer wieder positiv ins Auge – aufgrund besonders delikater Fußarbeit oder spielintensivem Einsatz. Gut so, denn eine erstklassige Kompanie kommt nur vom Fleck, wenn ihre personelle Entwicklung intern in Bewegung bleibt. Bereits am Gipfel angekommen darf sich Ballettchef Laurent Hilaire mit seinen Plänen für das Bayerische Staatsballett noch nicht sehen. Nussknacker7

Die Ehrung auf offener Bühne nach dem Schlussapplaus mit der Auszeichnung „Glanzlicht 2025“ für die „technische Brillanz“ und den „künstlerischen Tiefgang“ der Kompanie durch die Redaktionsleiterin der Zeitschrift „tanz“ Dorion Weickmann, nahm Hilaire zum Anlass, um den Tänzerinnen und Tänzern, seinem Team und allen Abteilungen der Staatsoper für die fruchtbare Zusammenarbeit sowie dem Publikum zu danken. Er endete mit dem ihm eigenen ehrgeizigen Enthusiasmus: „Es geht immer noch besser!“. Fortan gilt es nun, diesen Titel zu rechtfertigen und zu verteidigen.

Nur Tage später sind mit den neuen Ersten Solistinnen – Violetta Keller (zuvor Finnisches Nationalballett Helsinki) und Elisabeth Tonev (zuvor Het Nationale Ballet Amsterdam) – nach Ksenia Shevtsova, die wie Tonev an der Seite von Jakob Feyferlik (Günther; nominiert als „Dancer of the year“) als Louise debütierte, zwei in München und Berlin ausgebildete junge, wahrhafte Primaballerinen am Start. Wie reibungslos die Integration der Neuzugänge in das ausdrucksfreudige Ensemble funktionierte, zeigte ein zweiter „Nussknacker“-Besuch am 7. November. Violetta Keller – sie kennt das Theater bereits aus ihrer Ausbildungszeit an der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München – harmoniert in den Pas de deux wunderbar mit ihrem Partner Osiel Gouneo. Für diesen wiederum ist – im Gegensatz zu Julian MacKay – Günthers Rolle fast schon ein alter Hut.

Nussknacker6Als Interpret macht Gouneo keinen Hehl daraus, wie sehr ihn Drosselmeiers wunderliches Getue auf Maries Überraschungsparty nervt oder gar verletzt. Momente der Konfrontation spielt er gestisch drastisch aus, was letztlich dazu führt, dass das gesamte erste Bild dramatischer als am ersten Abend ausfällt. Anders als vor ihr Summerscales legt Keller in Maries Traumbildern der „Probe“ und der „Vorstellung“ alles Schwesterlich-Emphatische ab. Die idealisierte Darstellung einer Primaballerina treibt sie mit federleichter Anmut und Grazilität bewundernswert auf die Spitze. 

Bayerisches Staatsballett: „Nussknacker“ von John Neumeier, Wiederaufnahme am 2. und 7. November in der Staatsoper München. Weitere Vorstellungen am 28., 30. Dezember 2025, 1., 5., 9., 11-, 14. Jänner 2026

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.