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1 ListenGrenzen verschieben par excellence: Wo hört hier die Musik auf, wo fängt der Tanz an? Für „Gute Wut“ – ihre erste Zusammenarbeit mit der Münchner Schauburg – wurde Ceren Oran im November mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie „Regie für junges Publikum“ ausgezeichnet. Die 1984 in Istanbul geborene Tänzerin und Choreografin hat die lokale wie internationale freie Tanzszene in den letzten zehn Jahren, die Ceren in der bayerischen Landeshauptstadt lebt, wiederholt mit emotional berührenden Stücken bereichert – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Nun ist ihr erneut ein preisverdächtiger kreativer Coup gelungen.

„Listen!“ lautet der schliche Titel ihrer aktuellen, tollen Uraufführung. Und Zuhören tut man an diesem Abend den beredten Instrumenten und singenden Stimmen zweier Musiker mindestens ebenso gern wie man dem aberwitzig-komplexen und eindrücklich stummen Gesten-Dialog zwischen den Tänzern zusieht – beispielsweise Jihun Choi und Jaro Ondruš, die dabei alles andere als innerlich unbewegt auf Stühlen sitzen. Zu Beginn schälen sich die einzelnen Protagonisten aus dem Bühnendunkel. Spot für Spot werden sie im Raum lokalisiert. Im Hintergrund sind jene Podeste zu erahnen, die später in einige der Choreografien mit eingebunden werden. Dann ragt plötzlich ein Streicherbogen in die Höhe. Sofort denkt man an einen Instrumentalisten oder Dirigenten. Mit einem lauten Sums schnellt er gen Boden. Gleichzeitig saust ebenso laut in der Hand der Tänzerin daneben ein zweiter, dann weiter hinten ein dritter, vierter, fünfter Bogen in die Luft. Das allein hat als Intro schon akustisch und visuell große Wirkung. 2 Listen

Insgesamt ist „Listen!“ ein veritables Tanzkonzert geworden, das man als sinnliches Erlebnis nicht missen möchte. Ceren Oran hat sich dazu mit dem österreichischen Duo BartolomeyBittmann – progressive strings zusammengetan. Vor drei Jahren wurden die beiden mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Wenn man Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (Violine und Mandoline) noch nicht kennt: Die in Wien beheimateten Musiker sind eine Entdeckung!

4 ListenHerrlich lautmalerisch klopfen ihre Bögen die Saiten der Instrumente regelrecht nach menschlichem Befinden, Zuständen und Situationen ab. Was sich zu munterem Treiben aufschaukelt, kann gleich einer alten Holztreppe knarzend enden. Tief Emotionales wird bei der ungewöhnlichen, elektroakustisch noch verstärkten Spielweise hörbar und von den neben Oran choreografisch mitverantwortlichen Interpreten Jaro Ondruš, Jadwiga Mordarska, Sofia Casprini, Jihun Choi, Karolína Hejnová und Jovana Zelenovič immer anders und doch mit sich wunderbar ins Ganze fügenden bewegten Bildern umgesetzt.5 Listen

Dabei verschmelzen Tanz und Tänzer sowie Musik und Musiker nach und nach zu einem rundum überzeugenden Gesamteindruck. Alles wirkt letztlich wie aus einem Guss, obwohl faktisch acht verschiedene Teile zu ausgewählten Lieblings-Albumtracks zusammengebaut wurden. Als Scharnier dazwischen dient ein reines Instrumentalstück von BortholomeyBittmann – progressive strings. Die jeweiligen Szenen vom Solo bis zum Ensemblestück für alle unterscheiden sich in Besetzung, Schrittwahl, Temperament, Machart, Länge oder Stimmung weitgehend. Das Kunststück, die zwei Musiker als auch physisch aktive und wichtige „Gegenparts“ in den Ablauf einzubinden, ist Ceran Oran und ihren Mitstreitern fantastisch geglückt. Ja mehr noch: Das Timing der Übergänge hat sie so fließend und raffiniert gestaltet, dass die Zuschauer diese gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Aufführungen von „Listen!“ zustande kommen – trotz der örtlich weitverstreuten Crew.

Ceren Oran: „Listen“ am 20. November 2025 im Schwere Reiter München

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