Mit einer absurden Groteske feiert das Odeon den 200. Geburtstag von Johann Strauß. In "Fleder.Strauss" treffen das internationale, multikulturelle Serapions Theater auf das wienerische beinhard.ensemble – und ergänzen sich blendend. Grenzen verschwinden, Dialekte setzen sich durch, Klangfarben bleiben, der Schmäh rennt. In der gemeinsamen Inszenierung schicken Max Kaufmann und Ernst Kurt Weigel Johann Strauß auf Weltreise und machen daraus eine bissige Persiflage auf das Wien von einst und jetzt.
Das Theater ist ein Flughafen mit Duty-Free-Shop und Bar. Beim Boarding wird jeder Passagier, aka das Publikum, von einer Flugbegleiterin freundlich empfangen. Außer man hat eine schwarze Hautfarbe, dann wird der Boarding-Pass (die Eintrittskarte) akribisch genau untersucht. Dieser gehört freilich zum Orchester von Johann Strauß, das gerade seine Welttournee antritt.
Nach einer Bruchlandung werden er und seine Ko-Passagiere aus dem Flieger geworfen, purzeln aus den Zuschauerreihen auf die Bühne und finden sich verstreut in einer hochalpinen Umgebung wieder. Der Donauwalzer erklingt in einer Verschränkung mit Ennio Morricones "Spiel mir das Lied vom Tod". Damit ist die Szene für das Geschehen in den folgenden 100 Minuten gesetzt, das sich zwischen (fiktiven, historischen und aktuellen) Referenzen entfaltet und in seiner Absurdität ein Abbild unserer heutigen Realität sein könnte.
Das Flugzeug ist in mehrere Teile zerbrochen. Die Mitglieder des Strauß-Orchesters sind von der unsanften Landung arg malträtiert worden. Waren sie vorher noch grantige, aber unversehrte Passagiere, irren sie nun wie Zombies an der Grenze zwischen Leben und Tod herum.
Der Geburtstag von "Schani" Johann Strauß wird trotzdem gefeiert. Von seinem Frack ist nur noch das Futter und die Hälfte des Schwanzes übrig geblieben, aber man erkennt ihn am Schnurrbart. Zu Beginn bekommt er von einem Orchestermitglied die Torte gleich einmal ins Gesicht gedrückt, doch die Party entfaltet sich in einem netten Gruppentänzchen. Davon gibt es ein paar zu Beginn des Stücks, doch die Bemühungen um ordentliche Inszenierungsmomente machen bald der Anarchie Platz. Die Aktionen werden immer abstruser, verrückter. Chapeau an die Choreografin Leonie Wahl, die hier den Überblick behalten hat.
Schani steht hier mit seinen Brüdern in Konkurrenz. Josef, der ausgebildete Ingenieur, hat einfach alles erfunden, einschließlich des Kettenrauchens – es qualmt aus allen Seitenlöchern aus ihm heraus. Eduard hält von Musik seines älteren Bruders sowieso gar nichts und verbrennt dessen Noten. Die Mutter verteilt Ohrfeigen nach Belieben. Auch die Schwestern Anna und Theresa sind da und liefern den einen oder anderen skurrilen
Beitrag.
Richard Strauß' "Also sprach Zarathustra" erklingt. Die Eröffnungsszene von "2001 – A Space Odyssey" wird nachgespielt, doch wo im Film ein Monolith vor den Hominiden erscheint, tritt nun Johann Strauß’ Vater gottgleich auf – verkörpert von Erwin Piplits, dem Gründer des Serapions Theaters.
Irgendwann beginnen die Gestrandeten mit sichtlichem Heißhunger ihre Kameraden zu essen. Sie knabbern sie an, beißen Stücke aus ihnen heraus, der eine oder andere unter ihnen hat dabei aber seine Tischmanieren nicht vergessen und isst artig mit Messer und Gabel. Am Ende sitzen alle erschöpft in ihren Sitzen, leise rieselt der Schnee ...
Diese Szene mag hier als Beispiel dafür stehen, dass die bissige Revue "Fleder.Strauss" unter der Oberfläche kratzt, erinnert sie doch an den Flugzeugabsturz 1972 in den Anden, bei dem die Überlebenden die Leichen ihrer Mitreisenden aßen, um nicht zu verhungern. Das moralische Dilemma, das sie bei dem Akt des Kannibalismus erlebten, wurde in dem Buch "Die Schneegesellschaft" beschrieben.
Weitaus weniger dramatisch ist freilich der Konflikt, mit dem die Wiener Johann Strauß und seiner Musik begegnen. Als Teil unserer DNA können wir ihr nicht entkommen, wollen aber mit den Auswüchsen und Manipulationen, denen sie im Laufe der Geschichte ausgesetzt war, durchaus auf Distanz gehen. Kaufmann und Weigel haben diesen Drahtseilakt bravourös und humorvoll gelöst. Für sie ist Johann Strauß der Komponist "mit einem Huscher".
Während man auf der Bühne ziemlich deftig, sarkastisch und respektlos mit dem Andenken an den Jubilar umgeht, sind die musikalischen Adaptionen der Strauß-Musik von Mario Bergamasco sehr behutsam und eindringlich gelungen. Für Bergamasco ist Strauß’ Musik wie ein roter Teppich, der sich "über die Geschichte der Stadt Wien legt, auf dem fröhlich getanzt wird und fleißig ignoriert wird, was sich darunter befindet".
Seine Kompositionen sind Teil der großartigen Musikdramaturgie von Bernhard Fleischmann, die das Bühnengeschehen durchgehend akustisch begleitet. Bis zum Schluss ist er der unversehrte Pilot im Cockpit.
Serapions Theater und beinhard.ensemble: "Fleder.Strauss", Premiere am 25. November im Odeon, weitere Vorstellungen am 29. November, 3. bis 6., 9. bis 12., 20. und 27. Dezember 2025, 6. bis 10., 13. bis 17. Jänner 2026
