Helfen Sie mir, wo geht’s hier zum nächsten Superlativ? Wenn einen nach so vielen Lebensjahrzehnten noch Theater vom Hocker reißt, dann muss es schon ganz schön spektakulär gewesen sein. Shakespeare? Ionesco? Brecht? Jedenfalls ein Schuss Dario Fo? Nein, passt alles nicht zu dem Furioso, das ich am 10. Januar in der öffentlichen Generalprobe vom aktionstheater Ensemble im Theater am Werk im Kabelwerk erleben durfte.
„Speed kills“ war eine der vielen Gescheitheiten des Möchtegern-Philosophen Andreas Khol, der vom schnellen Durchziehen von Gesetzen und Maßnahmen schwadronierte und so auch als Politiker zu den prominenten Abrissbirnen zivilisierter demokratischer Diskurse zählte.
Nun wird dieses „Speed kills“ vom frei schwebenden und ebenso finanzierten aktionstheater ensemble zum Gegenwartsbefund: stetes Vor- und Zurücktänzeln, stetes Berichten und Räsonieren, steter Tratsch, der Alltag als immerwährender Anlass für Schimpf, Schande, Hysterie, Selbst- und Fremdzweifel.
Da gibt es die Verzweifelte, die ihre jö-Karte verschusselt hat, die stets Wohnungssuchende, die mit dem Makler „fxckte, bis der Vertrag unterschrieben war“, ein altes Mädchen, das in Pokémon-Zeiten zurückfällt, und zwei Männer, die schon gar nicht wissen, wohin (und wem) sie gehören.
Eigentlich. Eigentlich müsste ja die Musik mit an den Rezensions-Anfang. Andreas Dauböck, schon lange (auch) für Gruber tätig, schuf dem Stück ein Klangwerk, so raffiniert, einmal begleitend, einmal sich vordrängend, immer aber: atemberaubend. Genial umgesetzt von Daubeck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol.
Ist es Tanz. Es ist.
Pina Bauschs „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ fällt mir ein, ohne diesen ginge gar nichts mehr. Sagt mir das Stück.
Zwei Schritte vor, Taktwechsel, drei Schritte zurück. Das Ensemble zählt Schritte und Takt, dazwischen – mitunter auch gleichzeitig – wird gesprochen.
„Was uns allen bleibt, ist die Hoffnung auf einen Schritt zur Seite“, so Theatermacher Martin Gruber über die neue Produktion. Gruber rief das freie aktionstheater vor 37 (!) Jahren ins Leben. Heute changieren die Leute zwischen der Schaubühne Dornbirn und dem theater am werk. Im Ländle fand im Dezember des Vorjahres auch die umjubelte West-Premiere statt.
aktionstheater ensemble: Speed (kills content) am 13. Jänner 2026 im Theater am Werk. Weitere Vorstellungen am 16., 17., 18. Jänner
