Maurice Béjart war einer der wichtigsten Theatermacher des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Bezeichnung Choreograph wäre fast zu wenig, denn sein kreativer Ansatz war eher, ein thematisch basiertes spectacle total mit den Mitteln des Tanzes zu schaffen. Das ist auch im ikonischen „Ballet for Life“ nachvollziehbar, das Béjart 1996 als Hommage an den Queen-Frontman Freddy Mercury sowie den Company-Tänzer und Lebenspartner Jorge Donn schuf, die beide knapp hintereinander an AIDS verstorben waren. Das formidable Béjart Ballet Lausanne gastierte damit in der Wiener Stadthalle und beschenkte das Publikum mit einer großartigen und berührenden Performance.
Es war an der Zeit, wieder ein Béjart-Werk in Wien zu sehen. Zuletzt gab es hier 2011 „Le Concours“ unter Manuel Legris an der Wiener Volksoper zu erleben, eines der typischen Béjart-Arbeiten, dynamisch, erotisch, eklektisch in den Stilen, witzig, revuehaft. Tatsächlich ist oft nicht bewußt, wie theatral der südfranzösische Choreograph orientiert war. Doch schon in den 1960er Jahren setzte er sich mit zeitgenössischen Strömungen auseinander, wie etwa Jerzy Grotowski oder Judith Malinas Living Theatre. Und immer blieb er thematisch gesellschaftlich und sozial orientiert, ob in Brüssel mit dem Ballet du XXe siècle oder später in Lausanne.
„It’s a beautiful day”, singt Freddy Mercury zu Beginn, als das Ensemble noch verborgen unter weißen Decken am Boden liegt. Damit ist die Richtung des Abends vorgegeben zwischen Eros und Thanatos, Freude und Wehmütigkeit. Schon in diesen ersten Szenen sieht man die Meisterschaft Béjarts, Gruppen im Raum zu choreografieren. Der Fokus liegt weniger auf den tänzerischen Phrasen der sich auf klassischer Basis bewegenden Tänzer*innen, sondern in einer harmonischen Dynamik, wie in einer Partitur. Er hat nie groß Aufhebens gemacht um Tanzstile, sondern hat sie eingesetzt, wie es dem Großen und Ganzen gedient hat.
Angelo Perfido verkörpert Freddy Mercury, das langjährige Ensemblemitglied Oscar Eduardo Chacón tanzt Jorge Donn. Es gibt Szenen mit Engeln, dem Hochzeitspaar, weitere Figuren, alle in wunderbare Kostüme gekleidet, die Gianni Versace vor seiner Ermordung 1997 für das Ensemble entworfen hatte. Zwischen die Queen-Hits ”Bohemian Rhapsody“, „Radio Gaga“ oder „Love of my life” setzte Béjart Mozarts Klavierkonzert KV 467. Dann wird eine Leinwand herabgelassen und zu „I want to break free“ sieht man ein Video mit Jorge Donn. Zum Finale schlüpft das Ensemble zu “The Show must go on” wieder unter Decken.
Und als große Geste bringen die Tänzer*innen schließlich ein riesiges Schwarzweiß-Foto des Schöpfers Béjart auf die Bühne. Eine nach der anderen erweist die Reverenz, einerseits zum Dank und andererseits als Zitat, da zu Lebzeiten der Maestro selbst auf der Bühne stand an dieser Stelle und Bedankungen annahm.
Béjart Ballet Lausanne: „Ballet for Life“ am 31. Jänner in der Wiener Stadthalle
