Sein Österreich-Debüt gab das Hessische Staatsballett im Festspielhaus St. Pölten mit einem dreiteiligen Abend, der zwei in diesen Breiten nahezu unbekannte Choreografenduos vorstellte: David Raymond und Tiffany Tregarthen aus Kanada sowie Imre und Marne van Opstal aus den Niederlanden. Dazwischen stand ein Duo von Marco Goecke, das erneut die außergewöhnliche Einzigartigkeit dieses Choreografen ins Rampenlicht rückte.
Goeckes „Midnight Saga“ ist dem Titel entsprechend eine dunkle Angelegenheit. Der Tanz entfaltet sich im mitternachtsblauen Ambiente. Die beiden Tänzer – großartig: Ramon John und Marcos Novais – beginnen mit je einem Solo zur Musik von Ravi Shankar. Zu einem Song von Etta James bewegen sie sich im Duo, wenn sie hintereinanderstehend zu einem gemeinsamen Körper verschmelzen. Was an Goecke so fasziniert, ist nicht nur seine einzigartige Bewegungssprache – die den Körper in Zuckungen, nervöses Flattern und extrem schnelle Stakkato-Gesten versetzt –, sondern auch, wie sich dieser Stil auf unterschiedlichste Musikrichtungen übertragen lässt. In diesem Fall könnte der musikalische Kontrast innerhalb des kurzen Stücks nicht größer sein.
Eröffnet wurde der Abend mit einem Ausschnitt aus „Force Majeur“ von David Raymond und Tiffany Tregarthen. Gezeigt wurde ein lyrisch-poetisches Stück mit weichen Bewegungen zu den sanft neoklassischen Klavierklängen von Angèle David-Guillou. Eine Verbindung zur titelgebenden „höheren Gewalt“ war dabei nicht auszumachen. Etwas irritierend wirkte hier, wie so oft, die düstere Lichtstimmung, in der die großteils schwarzen Kostüme mit dem schwarzen Hintergrund verschwammen.
Auch der Titel „I’m afraid to forget your smile“ erschließt sich nicht aus den Aktionen des Schlussstücks, erfreulicherweise ist die Helligkeit der Bühnenbeleuchtung (von Tom Visser)hier jedoch angenehm konträr zum allgemeinen Trend. Rund um den Tanzboden sitzen die Sängerinnen und Sänger des Konzertchors Niederösterreich; in der Mitte prallen die Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Körpern auf den Boden und erzeugen rhythmische Akzente alsKontrast zu den sakral-erhabenen Klängen des Chorgesangs. Soli, Duos und Ensembleszenen entfalten sich zu den Stücken von sechs verschiedenen Komponisten. Die Präsenz des Chores ist in diesem Stück ebenso wichtig wie die tänzerischen Aktionen. Das deutet darauf hin, dass das Choreografenduo Imre und Marne van Opstal in ihrer Arbeit den Fokus auf Live-Musik legen. Auch in deren Stück „Atlas Song“, das beim Gastspiel der Göteborgsoperans Danskompani am 21. und 22. Mai im Festspielhaus St. Pölten zu sehen ist, steht die Live-Musik von Anna von Hauswolff im Mittelpunkt.
Das 2014 gegründete Hessische Staatsballett bespielt die Bühnen in Wiesbaden und Darmstandt. Unter der Leitung von Bruno Heynderickx legte es an diesem Abend seine Visitenkarte als eine Repertoirecompagnie mit zeitgenössischer Ausrichtung vor, bei der auch junge Tanzschöpfer*innen ihr Profil schärfen können. Damit knüpft es an eine Tradition an, in der sich im letzten Jahrhundert Tanzgiganten wie Pina Bausch oder William Forsythe entwickeln konnten.
Hessisches Staatsballett: David Raymond & Tiffany Tregarthen. Marco Goecke. Imre & Marne van Opstal am 10. April 2026 im Festspielhaus St. Pölten
