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Dual2Ein undefinierbares Wesen betritt langsam die Bühne, versucht kurz die Welt rundum zu erkunden, um alsbald vordringlich sich selbst, dieses formlose Gebilde in Grau, zu bemerken und es Schritt um Schritt zu begreifen. Ein Wesen, das sich überraschend als Zweiheit entpuppt und sich als solche im Laufe des Plots in all seinen Gegensätzlichkeiten als ebenso bereichernde wie bedrohliche Buntheit entdeckt. 

Die Akrobaten Cloé Matter und Josh Golaszewsk, beide in Basel aufgewachsen, arbeiten seit 2017 zusammen. Nach langjährigen Trainingserfahrungen von Cloé in Bodenabkrobatik, Ballett, Modern Dance, Pole Dance und Luftring sowie einem Bachelor of Science in Sport, Bewegung und Gesundheit machte sie mit Josh, der auf eine zehnjährige, breitgefächerte Kampfkunsterfahrung verweisen kann und erst dann zur Sportakrobatik fand, 2022. den Abschluss der professionellen Zirkusschule INAC in Portugal. Seither sind sie als Duo in ihrer Compagnie Bajasska wie auch in internationalen Gruppen europaweit unterwegs. Dual1

In ihrem zeitgenössischen Zirkusstück DUAL spielen sie wohldurchdacht zahlreiche Facetten ihres breiten darstellerisch-akrobatischen Könnens aus; fein aufbereitet und vermischt mit Mimisch-Gestischem, mit Humor und charmant eingestreuten gesellschaftskritischen Notizen. Das besonders Wertvolle daran in unserer Zeit des Überbordenden: ihre Präsentation ist von feinsinniger Zurückhaltung, geradezu von Bescheidenheit geprägt. Dem Einfachen und Kleinen muss hier der Zuschauer – vor allem in den Anfangsszenen – gebührend Beachtung schenken. Er muss ein wenig zum aufnahmebereiten, neugierigen Kind werden, um in den folgenden Szenen offen genug zu sein für all das, was in phantasiereich gestalteten Bildern, metaphorischen Szenen und vieldeutigen Bewegungssequenzen hinter- und tiefgründig in unaufgeregter Dichte zu erleben ist: das Bemühen aus dem Neben- oder gar Gegeneinander ein Miteinander zu kreieren. So manches Mal leuchten im Fluss der Buntheit kommunikativer Kommunikationsversuche poetische Momente auf. So manches Mal ist es aber auch die Härte der Realität, die aufblitzt, wenn erkämpfte Harmonie in Aggression zerbröselt. 

Das umkreiste Thema ist das hochaktuelle der Selbstfindung, die gleichzeitig die Verbindung zum anderen sucht. Dass Gegensätze faszinieren, wird gleichermaßen deutlich wie das Scheitern daran. Dass Individualität seinen Raum braucht, ist genauso ersichtlich wie der Mehrwert von Gemeinsamkeit. All dies in einer sehr eigenständig verhaltenen Mischung aus tänzerisch Akrobatischem und darstellerisch Erzählendem - ein Kleinod in seiner Art.

Dual. Akrobatisches Theater. Josh & Cloé – Compagnie Bajasska, 12. April 2026, Kristallwerk Graz