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Argh1Die Wut sitzt in der Leber. Nicht in der Lunge, die hängt als leuchtende Tuba von der Decke. Die Leber als eingegrenztes aufgeklebtes Dreieck liegt auf dem Bühnenboden, und was es mit ihr auf sich hat, wird von zwei Wissenschafterinnen erklärt. Aber erst, nachdem sie ihre Mission darlegen: die wissenschaftliche Definition von „Prinzessin“. 

Diese, ein Säugetier, das gerne in Schlössern und Türmen lebt und dessen natürliche Umgebung Gärten und Parks, gerne aus dem Barock oder Rokoko, sind, wird untersucht. Was ist ihr Habitus? Kann das durch die Untersuchung von Konsistenz, Farbe und Geruch von Urin (himmlischer Himbeersaft), Stuhl (pastellfarben, flauschig) und Nasenschleim (ganz schön grausig) gelingen? Was essen Prinzessinnen? (Ja klar, Schokolade und Schlagobers) Wie verhalten sie sich? (Immer freundlich) Was ist ihre Aufgabe? (glücklich bis ans Lebensende …) Kann hier eine Untersuchung der Leber helfen? Denn die Leber ist der Sitz der Wut, hier wird alles verarbeitet, was sich an Ekel und Ärger zusammenbraut.Argh2

Prinzessinnen kennen keine Wut? Zu Wort und Tanz kommt dann die Prinzessin selbst, die meint, es sei alles ganz anders, und sie erzählt von der goldenen Kugel und dem Frosch, der dann auch selbst wissen möchte, warum er denn an die Wand geschmissen wird, voller Wut, von der Prinzessin. Der Frosch hätte gerne zu Besuch kommen können, ist denn auch die Antwort, wenn er sein eigenes Tellerlein verwendet hätte, wenn er aus seinem eigenen Becherlein getrunken und auch in seinem eigenen Bettlein geschlafen hätte. Diese Einvernahme ihres Eigentums, ihres Lebens macht die Prinzessin so wütend, dass sie laut „Nein“ schreit, den Frosch an die Wand knallt und singt: „Nein, heute, Leber, nicht!“ Der Frosch wird währenddessen via Overhead an die Wand projiziert. 

Elina Lautamäki und Agnes Schneidewind referieren, singen, tanzen, musizieren, schweben, toben durch das karge, funktionale Bühnenbild, in fein austariertem Zusammenspiel von Musik, Rhythmus, Geräusch und Bewegung. Sie halten die Geschichte konsequent zusammen und lehren dem Publikum das „Nein“-Singen. Überraschende Wendungen wechseln ab mit starken Songs, dem Spiel mit Tuba und Stimme und Live-Projektionen. 

Dann aber kommt ein anderes Märchen, aus Finnland, ins Spiel, in dem der Frosch im Brunnen sitzt, den ganzen Winter lang, und die ganze Welt auf seinen Schultern trägt. Die Prinzessin übernimmt diese Idee, verwandelt sich in einen Frosch, zu einer Froschprinzessin, und trägt und hält die ganze Welt: ein beruhigendes, hoffnungsfrohes Ende. Die Wut darf in der Leber bleiben.

Elina Lautamäki und Agnes Schneidewind: „Argh“, 10. April 2026 im Dschungel Wien