Konzerte mit den großartigen Musiker*innen von L’Arpeggiata sind immer besonders. Sie verankern nämlich auf ihre spezielle Weise Alte Musik im Heute, wie aktuell im spanisch-südamerikanischen Programm. Und dann spielen sie bravourös mit festgefahrenen Erwartungshaltungen und Wahrnehmungsgewohnheiten des Publikums. Barockmusik und Gesangsstimmen müssen nämlich keineswegs immer nach Lehrbuch klingen. Im Gegenteil, Crossover und Groove bereichern das Erlebnis. Und wieso sollte Bossa Nova da nicht dazu passen?
Pluhars musikalische Reise von der Alten in die Neue Welt beginnt doppelt: Einmal real in den Kulissen der Oper „Alessandro nell Indie“, die zuletzt im Theater an der Wien gegeben wurde. Und andererseits ideell im Sevilla des 16. Jahrhunderts, wo die Galonen beim Wahrzeichen der Stadt, dem 1220 errichteten Torre del Oro, in See stachen. Die Route ging nach Südamerika, und bei ihrer Heimkehr nach Andalusien waren sie beladen mit großen Mengen geraubten Goldes.
In Sevilla lebte auch Alonso Mudarra (1510-1580), Vihuelist und einer der innovativsten Komponisten der spanischen Renaissance. Er veröffentlichte 1546 die Sammlung „Tres libros de música en cifra para vihuela“ mit Variationen über Folías, Tientos, Pavanen, Galliarden, Romanescen, Kanzonen, Villancicos sowie Sonette, mit Texten in Latein, Spanisch und Italienisch. Diese Lieder gehören zu den ältesten überlieferten mit Instrumentalbegleitung in neuer Struktur und gelangten natürlich auch nach Südamerika. Spanische Kunstmusik und traditionelle südamerikanische Musik beeinflussten einander gegenseitig auf fruchtbare Weise.
Als Beispiel dafür integrierte die unermüdliche Forscherin Pluhar auch Werke aus dem „Codice Saldivar“, einer Sammlung musikalischer Handschriften von Santiago de Murcia (1673-1739), einem der wesentlichen spanischen Barockgitarristen. Er verband spanische Tänze wie den Fandango oder Canarios mit südamerikanischen Formen der kolonialisierten Bevölkerung.
Die neun Musiker und drei Sänger*innen spielten und sangen unter der Leitung der Theorbe spielenden Pluhar farbenfrohe Lieder der beiden genannten Komponisten, sowie weitere Stücke aus Venezuela und Mexico. Abwechselnd oder auch gemeinsam, sangen die chilenische Mezzosopranistin Luciana Mancini, die belgische Sopranistin Céline Scheen und der italienische Countertenor Vincenzo Capezzuto, in der Tanzwelt auch als erstklassiger Balletttänzer bekannt. Er hat eine sehr spezielle Stimme, auch im Brustregister sehr hoch klingend, und würde man die Augen schließen, wüßte man nicht fix, wer hier singt. Mancini dagegen klingt für eine Mezzosopranistin wiederum sehr tief, eher wie eine Altistin. Im Duett harmonieren die beiden sehr und boten ein besonderes Klangerlebnis.
Wunderbar auch der starke körperliche Einsatz aller, was wieder bewies, dass man mit dem ganzen Körper singt und musiziert. Im Grunde tanzt ja der Körper inklusive Stimme, in diesem Konzert zu einer melodisch komplexen, rhythmischen Musik mit interessanten Texten. Zum Glück sind diese in Übersetzung im Programmheft nachzulesen. Apropos Tanz – eine echte Tanzeinlage wäre in so einem Konzert ein Gewinn und eine tolle Aufgabe für Tanzhistoriker*innen.
L’Arpeggiata bricht auch gern einmal mit Konventionen. Das kann für Purist*innen der historisch informierten Musikszene mitunter seltsam wirken, doch gerade auch jazzige oder sogar an Hiphop angelehnte Klänge bringen die Struktur der Musik besonders gut zutage. Und wie in einer Band von heute bekam jedes Instrument sein Solospiel, vom herrlichen Zinkisten Doron Sherwin über Manuel Barreto mit der Arpa Ilanera bis zum Cuatrospieler Manuel A. Sanchez, der auch bezaubernd sang.
Die Konzertreise endet gewissermaßen so, wie sie ihren Ausgang genommen hat. Als die letzte Zugabe beginnt, betritt ein unerwarteter Gast die Szene des „Alessandro nell Indie“ – es ist der wunderbare Sopranist Bruno de Sá, der aber keine Arie Leonardo Vincis zum Besten gab sondern „Girl from Ipanema“ in seiner spezifischen Tonlage gesungen hat. Köstlich!
Christina Pluhar & L’Arpeggiata: „La Torre del Oro“ am 20. April im Theater an der Wien.
