Zwei der angesagtesten Choreografen unserer Tage waren beim Gastspiel des Nederlands Dans Theater – NDT 2 – im Festspielhaus St. Pölten zu sehen. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer choreografischen Handschrift und Aussage haben die Marco Goecke und Marcos Morau doch etwas gemeinsam: Ihre Arbeiten erfordern eine außergewöhnliche Präzision in der Ausführung, um ihre Wirkung entfalten zu können.
Ebenso eindringlich geht es im zweiten Stück des Abends weiter. Für Marcos Morau liegt in der Folklore der Schlüssel zu den Widersprüchen unseres sozialen Gefüges: die Sehnsucht nach Gemeinschaft, deren Zwang zur Konformität den oder die Einzelne ausschließt oder dem er bzw. sie zu entfliehen sucht. Schwarz vermummte Gestalten kniend vorn übergebeugt evozieren islamische Gebetsrituale, doch wenn sie die Röcke, die ihren Kopf bedeckten, nach hintern werfen, kommt ein traditionelles, europäisches Folklore-Outfit zum Vorschein. Immer wieder bricht jemand aus dem Kollektiv aus, wird von der Gruppe überrannt oder von der Gemeinschaft emporgehoben und erhöht. Sowohl in den Kostümen (Silvia Delagneau) als auch in der Musik, gesungen vom London Bulgarian Choir, ist dieses Werk unmittelbar in traditionellen Riten und Bräuchen – und nach dem Anfangsbild Kulturen übergreifend – verortet.
Nirgendwo in der Tanzwelt ist der Konflikt zwischen Gemeinschaft und Individuum in Anlehnung an Volkstum und Glaubensrituale stärker zutage getreten als bei den Ballets Russes im frühen 20. Jahrhundert – in Strawinskys Zusammenarbeit mit Vaslav Nijinsky bei „Sacre du printemps" oder in Bronislava Nijinskas Inszenierung einer russischen Hochzeit in „Les Noces". An beide Werke gibt es auch im intensiven Drive von Marcos Moraus „Folkå" aus dem Jahr 2021 Anklänge bis hin zu Zitaten.
Getanzt wurden diese beiden Werke an diesem Abend von einer hinreißenden und profilierten Juniorcompagnie, dem NDT 2. Das Ensemble wurde 1978 als Brücke zwischen der abgeschlossenen Ausbildung junger Tänzerinnen und der professionellen Tanzwelt gegründet. Wie sich heute der Unterschied zwischen diesen Nachwuchstalenten und den Tänzerinnen der Hauptcompagnie wahrnehmen lässt, kann das St. Pöltner Publikum überprüfen, wenn das NDT 1 in einem Jahr ins Festspielhaus kommt. Am 2. und 3. April 2027 sind dann Arbeiten des Compagnie-Gründers Jiří Kylián, der Kanadierin Crystal Pite und des israelisch-britischen Choreografen Hofesh Shechter zu sehen. Eines lässt sich schon heute sagen: Man darf sich darauf freuen.
Nederlands Dans Theater – NDT 2; "Wir sagen uns Dunkles", "Folkå" am 9. Mai im Festspielhaus St. Pölten
