Hoffmann1Als unvollendetes Werk bietet diese Oper eigentlich viel inszenatorische Freiheit. Bekanntlich existiert sie in verschiedenen Versionen aufgrund einer verschlungenen Entstehungsgeschichte. Lotte de Beer entschied sich in ihrer Fassung für einen feministisch- psychoanalytischen Dialog zwischen Hoffmann und seiner Muse. Das kann man zwar so interpretieren, aber es nimmt auch viel vom spielerischen Charme. 

Das Libretto von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ geht zurück auf ein erfolgreiches Stück von Jules Barbier und Michel Carré von 1851. Auch Offenbach war davon angetan und wollte eine Oper aus diesem Stoff komponieren, doch dauerte es über zwanzig Jahre, bis er dazu kam. Die Werkgeschichte ist ziemlich komplex und voller Wendungen. 

Eigentlich war der Plan, eine durchkomponierte Grand opéra zu schreiben, doch nach dem Konkurs des für die Uraufführung vorgesehenen Théâtre de la Gaîté-Lyrique musste Offenbach ein neues Theater suchen. 1879 veranstaltete er daher für Interessierte ein Hauskonzert mit Einzelnummern, sozusagen als Querschnitt der unfertigen „Hoffmanns Erzählungen“. Es gab zahlreiche musikalische Varianten, aber keie fertige Partitur.Hoffmann2

Die Pariser Operá-Comique sagte schließlich zu, aber verlangte gesprochene Dialoge statt der Rezitative. Offenbach musste neben den zahlreiche Änderungen noch andere Aufträge fertigstellen, und außerdem plagte ihn die fortschreitende Gicht. Er schaffte es nicht mehr und starb 1880. Die Uraufführung fand 1881 in einer Fassung von Ernest Guiraud statt, die seinen Absichten nicht wirklich entsprochen hatte. Heute existiert eine kritische Ausgabe der Partitur des Verlags Boosey & Hawkes (Michael Kaye und Jean-Christophe Keck) mit sämtlichen Fassungen, die Regisseuren zur Verfügung steht

Der Held dieser Oper ist E.T.A. Hoffmann, der in Lutters Weinstube auf seine Geliebte Stella wartet. Dabei betrinkt er sich und erzählt seiner Muse in Gestalt seines Freundes Niklausse über seine drei unglücklichen Lieben. Dabei ist er  allerdings gefangen zwischen Phantasie und Wirklichkeit und hält diese Geschöpfe und Protagonistinnen seiner eigenen Erzählungen für real - Olympia aus „Der Sandmann“, Antonia aus „Rat Krespel“ und Giulietta aus „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“.

Hoffmann3Lotte de Beer deutet in ihrer Koproduktion mit der Opéra National du Rhin, dem Théâtre National de l’Opéra-Comique und der Opéra de Reims, diese romantische Opéra fantastique eher veristisch und auf feministisch-psychoanalytischen Theorien basierend. Das Bühnenbild (Christoph Hetzer) ist relativ schlicht gehalten als variabler perspektivischer Guckkasten. Eine witzige Idee ist das Spiel mit Größenveränderungen, denn Lutters Weinstube erhält einmal winzige Kinderstühle als Mobiliar, dann wieder zu große Sesseln. Ebenso verhält es sich mit der Automaten-Puppe Olympia, die zuerst als Handpuppe auftritt und dann als riesige Skulptur mit eindrucksvollen Kulleraugen. Die Kostüme (Jorine van Beek) sind leider recht form- und farblos. Auch das pinke Kurtisanen-Outfit Giuliettas ändert das nicht. Das ist schade, denn so eine per definitionem phantastische Oper würde mehr Look vertragen.Hoffmann4

Der Versuch, das gewählte Narrativ vom Schriftsteller mit Schreibblockade aufgrund eines gestörten Frauenbildes durch neue Dialoge (Peter de Nuyl) zwischen Muse/Niklaus und Hoffmann zu etablieren, ist einerseits dramaturgisch nachvollziehbar. Zum Anderen aber entstehen derart zu viele Zwischenszenen, in denen der Vorhang heruntergeht und es zu ständigen Unterbrechungen kommt. Der Fokus dieser Inszenierung liegt auf dem quasi erotischen Verhältnis zwischen Hoffmann und seiner Muse, aber gleichzeitig wird dieses zu rationalistisch abgehandelt. Irgendwie passt auch das Finale mit dem Triumph der Selbstliebe nicht so ganz zu der vorangegangenen Diagnose von Hoffmanns Beziehungsunfähigkeit.

Hoffmann5Musikalisch gesehen besteht Luft nach oben, doch Atillio Glaser als Hoffmann macht seine Sache nach Anfangshürden recht probat. Wallis Giunta als Muse/Niklaus ist darstellerisch überzeugender als sängerisch. Anna Simińska als Olympia und Axelle Fanyo als Antonia agieren solide, Josef Wagner in der Rolle diverser Schurken ebenso. Problematisch für alle ist das recht unnuancierte Spiel des Volksopern-Orchesters unter der Leitung des überdynamisch motivierten Emmanuel Villaume. In solch einer permanent maximalen Lautstärke ist es schwer, sängerisches Profil zu zeigen.

Volksoper Wien: „Hoffmanns Erzählungen“, Premiere am 7. Juni 2026. Weitere Vorstellungen am 22., 27. und 29. Juni

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