Caboni3Ein leerer, hoher Bühnenraum, ein schwarz ausgelegter Boden: Tanz-Solos sollen ihn füllen, beleben. Und sie tun es. Sie erfüllen diesen außergewöhnlichen Aufführungsort im denkmalgeschützten Theaterhaus mit wesentlichen Merkmalen und Erfahrungen ihres Lebens. Krankheitshalber können nur zwei der geplanten drei Programmpunkte gezeigt werden; aber auch diese beiden allein bieten knapp 60 Minuten tänzerischer Dichte, weitgehend Gegensätzliches.

Ann-Kathrin Adam erhielt ihre Ballettausbildung in Stuttgart an der John Cranko Schule und tanzte viele Jahre an großen Häusern und dort auch in Solopartien. Sie verlässt sich in der von ihr gestalteten, knapp fünfzehnminütigen Choreografie „Entfaltende Ruh‘ “ auf ihre klassisch fundierte, feinsinnige Bewegungs-Technik. All die zu ahnende, tiefgründige Emotionalität, die sie als „einen stillen inneren Kampf … und Ringen mit sich selbst“ beschreibt, versucht sie in etwas freiere, zeitimmanente Bewegungssequenzen zu transformieren. Sie sind von viel Ästhetik, von immer wieder berührendem Fluss des körperlichen Ausdrucks geprägt, und sie sind inhaltlich nachvollziehbar. Dennoch aber greifen sie in ihrer wiederkehrenden, sich wiederholenden Theatralik doch nicht ganz so tief, wie sie zweifellos gemeint sind. Wenn sich zu Franz Schuberts “Du bist die Ruh“ Entspannung einstellt, kommt Adam, entsprechend ihrer zumeist von Zurückhaltung begleiteter Ausdruckskraft, ihrer Stärke im Langsam-Ruhigen, den von ihr intendierten Vermittlungsinhalten näher. Das durchwegs vorhandene Poetische fasst hier Fuß.Adam1

Jadi Carboni, ausgebildete zeitgenösssiche Tänzerin, Performerin und Choreografin präsentiert in ihrem Tanzsolo „Ex-Post“ eine hoch individuelle, mutig experimentelle Auseinandersetzung mit Erinnertem und gerade Gelebtem. Diese derart definierten Inhalte sind nicht eins zu eins nachvollziehbar - und sie sollen und müssen es auch nicht sein: Wird doch das Publikum „zu einer persönlichen Reise in die eigene Vorstellungskraft“ eingeladen. Und zu einer wunderbaren, zu einer faszinierenden Reise wird der Zuseher, die Zuseherin in der Tat mitgenommen. Fest an der Hand genommen, denn diese authentische Bewegungspallette von ebenso abstrakten wie assoziationsreichen Sequenzen, lässt keinen unbeteiligt zurück. Zusätzlich größtenteils begleitet, untermauert und punktgenau kontrapunktiert von der packenden, computerunterstützten Komposition Christopher A. Williams, auf der Gitarre umgesetzt von Ferran Fages.

Caboni1Meditativ-minimalistisch entwickelt sich der Beginn: In einem Bühneneck sind im Lichtkegel Zehen und der dazugehörige Unterschenkel wahrzunehmen, die sich langsam und in aller Behutsamkeit in Bewegung setzen. Aufmerksamkeit wird gefordert. Ein Zehe um Zehe, Unterschenkel um Unterschenkel sich entwickelnder Tanz beginnt; solistisch, um Annäherung bemüht, gemeinsam. Eine und eine weitere Hand kommen dazu – zwischen den Beinen in Schwarz wie auf einer Bühne agierend. Dieses spielerische, lustvolle, suchend ausprobierende Tun bildet allein schon einen Höherpunkt, wird erweitert, wenn sich Arme und Beine in überaus unkonventioneller Weise dazugesellen. Individuelle Interpretationen zu all dem sind erlaubt, kindlich begeistertes, vorbehaltloses Schauen und Staunen ob der ungewohnten Perspektiven, ob der unvorstellbaren Verflechtungen der Extremitäten ebenso. Gemächlich entfaltet sich ein Körper. Einer, der, vorerst noch am Boden liegend, zu fliegen scheint. Ja, Gedachtes, Erträumtes, Erinnertes und Realitäten verschwimmen im Folgenden in einem zauberhaften Reigen. In gezauberten, verzaubernden Bewegungen, die Carboni da vorbehaltlos aus ihrem Inneren schöpft; Bewegungen, in denen Technik und Kreativität einander tänzerisch die Hand reichen. Caboni2

Zumeist sind die Augen der Tänzerin bei all dem geschlossen – sie scheint sich als Person vor der sich jeweils entwickelnden Aktion zurückzuziehen; allein das Geschehene, das momentane Geschehen zählt. Wenn sie doch ihre Augen öffnet, sind diese, gemeinsam mit ihrer Mimik, der Gestik und dem Fluss des Tanzes ein Bild von Homogenität, ein Beweis ihrer darstellerischen Qualität.

Jadi Carboni lässt hier eine Tänzerpersönlichkeit sichtbar werden, wie sie – jedenfalls hier und von ihr in Graz – in derartig kreativer Eigenständigkeit noch nicht zu erleben war. 

Three DANCING VOICES one stage am 12. Juni 2026, Theaterhaus Graz

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