Heimatkoerper4Zwei Männer betrachten nachdenklich die Strohhalme, die sie in Händen halten, mit denen sie spielen, die sie über ihre Arme gleiten lassen, brechen, fallen lassen und von denen, die den Gesamtboden bedecken, sie neue aufnehmen. Ihre große Bedachtsamkeit mahnt auch vom Publikum Aufmerksamkeit ein: eine für alltäglich Kleines, Übersehenes, Zartes… Wesentliches!

Als Suchende präsentieren sich hier zwei Tänzer, die ein Altersunterschied von 50 Jahren trennt. Ja, diese lange Zeit macht Unterschiede, aber auf der Suche nach Halt, der sich im Erlebten finden mag – ob in der Vergangenheit oder im Jetzt - sind sie beide: Der Grazer Sascha Paar studierte in Dresden an der Palucca Hochschule für Tanz. Er war Ensemblemitglied am Theater Chemnitz, danach in Arbeiten von Johannes Härtl und Ceren Oran zu sehen. Die Österreichpremiere dieser Tanzperformance ist sein choreografisches Debut. Karl Reinisch, in Wien zum Bühnentänzer ausgebildet, tanzte in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren an der Bayerischen Staatsoper. 1970er beendete er seine Bühnenkarriere und gründete in Graz die Ballettschule Reinisch. Im Alter von über 80 Jahren kehrte er nunmehr auf die Bühne zurück.Heimatkoerper1

Es ist bei beiden vorerst vor allem ein feinsinniges Hineinspüren in das, was es an haltgebenden Spuren im Körper (noch) gibt, was diesem (noch) an entsprechender Erinnerung zu entlocken ist. Die bewegten Miniaturen zeichnen sich berührend ein auf der nahezu leeren Bühne, die Dank im Heu ‚versteckter‘ Besen Schritt um Schritt von diesem befreit wird. Nochmals entstehen derart kurz beschreitbare Wege: Für Paar, der aus erinnertem, damals wohl verunsicherndem Neuen (er bewegt sich ‚graziös‘ in einem zuvor unter den Heu entdeckten, wallenden Rock) nun im Vertrauten, ‚Heimatlichen‘, Kräftigendes zu destillieren vermag. Für Reinisch, indem das gesuchte und gefundene, bald angelegte Gewand von damals seinen Körper vorsichtig tastend in kleine Tanzbewegungen seiner Bühnentanzzeit versetzt: nicht nur seine Mundwinkel gehen nach oben, sein ganzes Gesicht strahlt, der zarte Bewegungsfluss schimmert.

Heimatkoerper3Die kurze Einspielung von Gesprächsfetzen zu gleichermaßen zeittypisch wie allgemeingültig Politischem ist ein Versuch; einer, der sich ein wenig holprig einzufügen bemüht. Sehr stimmig hingegen die Suche nach, das Aufleben-Lassen von Verankerung in Zwischenmenschlichem. Hier ist es einerseits die Musik, andererseits das Tänzerische, das als gemeinsame Sprache Nähe und Halt finden lässt: Zart, ganz zart wird hier von der Poesie einfachster Schritte erzählt,

Dass in gemeinsamer Erinnerung auch einmal und damit noch einmal Übermütiges seinen Platz bekommt, rundet diese kleine, feine Performance ab. Dass Expressiveres auch seinen Platz haben könnte, wäre anzudenken; wäre Hilfe für eine noch tiefer gehende Rezeption. 

Sascha Paar und Karl Reinisch: „Heimatkörper“ am 20. Juni 2026 im Theater am Lend 

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