Zielstrebig weist eine Hand die Richtung. Ein von Vorsicht, von Resignation, aber gleichzeitig auch von mutiger Offenheit geprägter Blick weist in eine andere. Der Körper scheint zum Flug abheben zu wollen: Jing Hong Okorn-Kuo definiert mehrmals in derart verharrenden Szenen, was sie als Choreografin und Tänzerin zu vermitteln sucht.
Ein weißlich durchscheinendes, unförmiges Etwas in Plastikfolie steht da lange bewegungslos auf einer weitläufigen Park-Wiese. Verloren, ausgesetzt, ein bisschen aus der Welt gefallen – vorerst. Eine Hand, ein nackter Arm schlängeln sich durch einen Schlitz der Umhüllung. Zeitlupenartig wird die Luft beiseitegeschoben, wird hineingetastet, wird das Nichts der Umgebung suchend abgetastet. In einer Stille, die nur ab und zu von einem gongartigen Ton erfüllt wird.
Das Faszinosum wie das Bedrohliche von unsichtbar Unbekanntem wird nicht nur scheinbar sichtbar, sondern breitet sich vor allem atmosphärisch aus, legt sich über die frei sich um die Performerin bewegenden Zuseher, bezieht diese ganz selbstverständlich ein: In ein Entwickeln, ein Werden eines individuellen Ichs. In ein Vorwärts, in ein Weiter in eine Realität, in eine Welt. In ein stetes Auf und Ab von Finden und Verlieren, von drängender wie notwendiger Erkundungsfreude und entkräftetem, resignierendem Rückzug.
Mit packender Präsenz entwickelt sich nicht nur die Performerin, sondern auch eine Vielzahl verschlungener Wege, die sie beschreitet. Solche, die sie findet, andere, die sich vor ihr öffnen oder aber auch sich ihr verwehren.
Wiewohl sie sich ihres äußersten Schutzmantels - einer, der für Vergangenes, selbstverständlich Mitgebrachtes und insbesondere für Abgrenzung steht - entledigt, bleibt er ihr Begleiter: im Guten wie Bösen, stützend wie belastend: Er ist ihr eine Art Bezugsperson, mit der sie umzugehen lernen muss. Und er wird ihr Projektionsfläche für Trauer, Hilflosigkeit und Wut. Die Szenen-Palette ist weit gespannt - bei allem der Künstlerin eigenen, nahezu meditativ minimalistischen Darstellungsform (siehe Rezension vom16.6.2025 sowie andere). So wird er ihr auch zu umschmeichelndem ‚Tanz-Gewand‘, zu Flügeln und, so kann eine Interpretation lauten: zum fliegenden Teppich, der sie auf ihrem Weg vorwärtsbringt.
Da ist aber auch noch mehr an Haftendem, kreativ von Katharina Krois als Kostüm gestaltet: Es sind Ballons in der Farbe des sich bewegenden, sich definierenden Körpers, rund um die Performerin und auf ihr drapiert. Sie mögen für Wertvolles, Kraftspendendes aus dem bisher Gelebten stehen; manch Gestik der ‚Reisenden‘ deutet darauf hin. Aber sie stehen wohl auch als ‚Luftblasen‘ für viel an Erhofftem, Gedachtem oder Erwünschtem. Und so zerplatzen sie schließlich auch, werden, manch schmerzlicher Erkenntnis geschuldet, ‚vertilgt‘.
Fein säuberlich ist sie in der Schlussszene aufgelegt, die lange ihre Trägerin umgebende Schutzschicht. Behutsam schreitet die Künstlerin auf ihr, an ihren Rand, um einen letzten Schritt zu tun: einen freien, befreiten. Das Bild eines erhobenen Fußes, eines, der in unbeschwerte Freiheit gesetzt werden will und kann ist das letzte Bild; einprägsam bleibt es stehen im weiten Raum.
Dieses Stück ist nach "If It’s Red Today" (tanz.at berichtete) das zweite von Jing Hong Okorn-Kuo in Graz gezeigte Bewegungssolo. Es ist inspiriert vom Theaterstück Spirits Play des Dramatikers Kuo Pao Kun, das sehr wohl eine konkrete Geschichte zum Inhalt hat. Jing hat sie in ihrer sehr individuellen Weise umgesetzt, daraus Konkretes aus ihrem Erfahrungsraum abstrahiert auf die Bühne gezaubert und es ein- und nachdrücklich der persönlichen Interpretation des Rezipienten angeboten.
Jing Hong Okorn-Kuo: „Silver Lining“, 21.Juni 2026 am Platz der Versöhnung Stadtpark Graz