ShiftingTerrain1In der fünften Ausgabe zu ihrem diesjährigen Projekt „shifting terrain“ gräbt Andrea K. Schlehwein wieder tief in die gesellschaftlichen Schichten. Gemeinsam mit einem Kollektiv entstand daraus eine spannungsgeladene Verkörperung des Themas „Vereinzelung“ das Emotionen eindrucksvoll, laut und auch leise spürbar macht.

Sie lässt die aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen im wahrsten Sinne körperlich werden. Andrea K. Schlehwein begibt sich mit den aus der ganzen Welt zu ihr in den beliebten Ferienort am Kärntner Millstätter See pilgernden Tänzerinnen und Tänzern immer in tiefere Regionen der Bewegung, um sichtbar werden zu lassen, was uns als Menschen bewegt. Dieses Jahr blickten sie unter dem Titel „shifting terrain“ auf Verschiebungen und entwickelten fünf völlig unterschiedlichen Ausgaben in acht Monaten Arbeit.

Mit Verschiebungen ist die Menschheit seit jeher konfrontiert, doch scheint immer alles schneller zu gehen, bis die Gesellschaftsordnung sich auch so weit verschiebt, dass nur mehr einzelne Individuen zurückbleiben. Vereinzelung als Folge fehlender sozialer Nähe scheint unaufhaltsam. Direkten Bezug darauf nimmt der letzte Tanzabend es Jahres im malerischen Stift Millstatt, wofür sich die Tänzer:innen Marlett Araújo, Unita Gay Galiluyo, Davide Lafabiana, Jye Hwei Lin, Tuza Tamás​ und ​Petra Peček mehrere Fragen stellten: Etwa, was es bedeuten würde, gäbe es nicht nur ein Zentrum? Oder, was würde es bedeuten, wenn ich nicht das einzige Zentrum wäre? Wie kann ich von meinem nach außen hin abgeschlossenen Körper geopolitische und gesellschaftliche Veränderungen ausdrücken?ShiftingTerrain2

Dunkelheit bestimmt dieses Stück, das mit Getöse eines geschäftigen Marktplatzes seinen Anfang nimmt. Nach jähem Abbruch des Lärms, sphärisch-dumpfer Soundteppich in welchen sich solitäre Bewegungen der Vereinzelten mit innigen Begegnungen mischen. Während vorne jemand mit Licht und Glaswürfeln hantiert, wird hinten mit einer Kamera eine andere Person gefilmt und auf die Wand projiziert. Drei rechteckige Lichtfenster öffnen sich mit den Worten Time, Path, Choice. Dazwischen bewegen sich die Tanzenden in ganz eigenen Mustern und Figuren, verharren in Posen, begegnen sich, um wieder voneinander abzulassen und doch wieder alleine zu sein.

Es ergibt keine erkennbare enge Struktur und doch einzelne aufeinander abgestimmte Bewegungen zu zweit wie im Ensemble oder Hebefiguren, die das tänzerische Können der Performer:innen preisgeben. Einzelne Entitäten, die einander innig umarmen, um sich dann wieder auf sich zu konzentrieren, während im Hintergrund die Projektions-Fenster abstrakte geografische Landschaften von Erde oder Bilder vom Mond erscheinen lassen – und Pflastersteine lautstark bewegt werden, diese zu einem Weg gebildet werden als sprichwörtlich in den Weg gelegte Steine eine starke Bedeutung bekommen und schließlich in fast schmerzender Lautstärke aufeinander geklopft werden. Wieviel Wahl haben wir in der Zeit, um einen Weg zu bauen oder zu ebnen? Ist unser Weg auch der richtige für andere Personen oder verhindern wir damit etwas? Ist es uns als einzelne:r überhaupt noch möglich, Zugang zu anderen zu finden und wenn ja, wie lange? Und alles liegt im Dunklen.

ShiftingTerrain3Viele Fragen eröffnen diese Körper, die mit kraftvollem wie leichtfüßigem tänzerischen Gespür starke Momenten erzeugen. Und sie halten uns den Spiegel vor, wie wir oft gar nicht mitbekommen, wenn es jemandem schlecht geht und in Einsamkeit von uns geht. Zwar ist die Kameralinse präsent, um unsere Sucht nach Sichtbarkeit zu befrieden, doch holt uns diese nicht wirklich aus unserer individualisierten Blase. Da hilft auch eine schützende Folie am Ende nichts, denn diese bleibt allein im Raum hängen.

Es ist ein wichtiger Ort für Tanz, den Andrea K. Schlehwein konsequent und beständig fernab des Zentrums mit Blick auf die ganze Welt aufrechterhält. Eine kulturelle Nahversorgung von internationalem Ruf, die tanzenden Menschen die Möglichkeit zum Arbeiten und den Menschen in der Region hochwertige und bewegende Kunst gibt. Während man aktuell Lust auf Kunst mit einer Ausstellung des Salzburger Künstlers Nae Zerka zufrieden stellen kann, laufen im Hintergrund schon die Konzipierung für ein spannendes Tanzjahr 2027, das sicher wieder einiges Sehenswertes bringen wird.

Andrea K. Schlehwein: „Shifting Terrain“ am 30. September, Art Space Stift Millstatt, Kärnten