Kameliendame1Jürgen Roses aufs Wesentliche reduzierte Ausstattung, prächtige Roben und eine gesellschaftsbedingt unmögliche Liebe im Clash turbulenter Gefühle: Top in Form und emotionsgeladen ist das Bayerische Staatsballett mit John Neumeiers sich dramatisch zuspitzendem Abendfüller „Die Kameliendame“ in die neue Spielzeit gestartet. Dabei konnte die Kompanie ihre Kette bemerkenswerter Hauptrollendebüts der vorherigen Saison nicht nur festigen, sondern quasi nahtlos weiter fortführen. 

Zum Auftakt war dies ein starkes personelles Statement – nach dem stillen Abschied von Maria Baranova nach sieben und Julian MacKays abruptem Ausscheiden nach vier Jahren aus dem Kreis der Münchner Principal Dancers. So beliebt MacKay auch gewesen sein mag, im Gesamtgefüge hinterlässt er keine unersetzbare Lücke. Kameliendame3

Seit der Uraufführung in Stuttgart 1978 steht oder fällt jede „Kameliendame“-Vorstellung mit den jeweiligen Interpreten. Werden die Figuren gefühlig übertrieben – ein hier an Gestik zu viel oder dort zu wenig – geraten die ästhetischen Dynamiken ins Wanken. Auf verlorenem Posten agiert, wer mehr von außen hineinprojiziert, anstatt die Rolle aus dem Inneren des eigenen Selbst heraus zu gestalten. Das mag der Hauptgrund dafür sein, warum sich Neumeiers wohl schönstes Literaturballett bis heute weltweit an der Repertoirespitze behauptet und – trotz seines historisierenden Sujets – dank der Weitergabe von Tänzergeneration zu Tänzergeneration in seiner individuellen Ausdrucksqualität niemals den Bezug zur Gegenwart verliert.

Als potenziell vielversprechende Nachrücker auf die im Sommer freigewordenen Erste-Solisten-Stellen aus den eigenen Reihen haben sich zuletzt Solistin Zhanna Gubanova und Halbsolist Severin Brunhuber in die Herzen der Zuschauer getanzt. Vom ersten Augenblick an harmonierten die beiden Interpreten in den sich gegenseitig aufschaukelnden Partien dieses Paars, das nach dem resoluten Einschreiten von Monsieur Duval (kraftvoll-finster: Robin Strona als Armands Vater) zwangsläufig zerbrechen muss. Während Gubanova selbst als todkranke oder von ihrem mit wahrer Leidenschaft geliebten Armand böse schikanierte Marguerite niemals jämmerlich-bemitleidenswerte Schwäche zeigt, vermag Brunhuber in jeder von Armands Lebenslagen mit größtmöglicher Natürlichkeit zu überzeugen – ganz gleich in welche Richtung das innere Pendel seiner emotionalen Wucht gerade ausschlägt: rettungslos über beide Ohren verliebt oder trotzig-rachsüchtig zu Tode betrübt. Zwischen diesem Karriere-Meilenstein für Severin Brunhuber und seinem Debüt als Graf N., der Marguerite vergeblich umschwärmt, liegen übrigens gerade mal vier Monate.

Kameliendame7John Neumeier hat hier – choreografisch meisterhaft – Nuancen und Details ohne Ende untergebracht, ideal für junge Tänzerinnen und Tänzer, um sich in Profilen von Figuren auszuprobieren. Mehr Courage hätte man sich da von Jasper Metcalfe als am laufenden Band abservierter Graf N. gewünscht. Zumal in den Folgevorstellungen eh nichts mehr so daneben gehen kann wie bei seinem ersten, von ihm leider verschlafenen Auftritt. Zum Glück wussten seinerzeit die Bühnenprofis Osiel Gouneo und Elisabeth Tonev, die bei ihrem ersten Rendezvous als Armand und Marguerite allzu lange auf dem Kanapee auf sein Dazwischenfunken warten mussten, Metcalfes Missgeschick improvisierend gut zu kaschieren. Beide steigerten sich in ihren jeweils ausgesprochen klug angelegten Rollendebüts triumphal! Bei Osiel Gouneo gab es sogar noch einen hochdramatischen Kick beim finalen Lesen von Marguerites Tagebucheinträgen. Elisabeth Tonev ließ ihre Rolle am Ende leise und still erlöschen.Kameliendame6

Mit Laurretta Summerscales und Jakob Feyferlik, der am 21. und 24. Oktober als Armand an der Seite von Anna Laudere in Hamburg gastieren wird, haben wir schon seit der Wiederaufnahmepremiere ein neues Ballett-Traumpaar in München. Das Debüt dieser beiden als Marguerite und Armand ließ keine Wünsche offen. Während der Armand von Julian MacKay die gesundheitlich stark geschwächte Marguerite von Ksenia Shevtsova fast um den Verstand zu bringen schien, verzichtete Summerscales bis zum Schluss auf jeden Anflug von Erbärmlichkeit. Selbstbewusst verkörpert sie menschliche Stärke, auch wenn sie innerlich bereits zerbrochen ist.

Immer spannend bleibt, wie es einer Tänzerin glaubhaft gelingt, physisch wie seelisch geschwächt Armand aufzusuchen, um ihn – vergeblich – anzuflehen, sie nicht mehr vor aller Augen zu erniedrigen. Eine solch zerrissene Drastik über die Rampe zu bringen, ist höchste Darstellungskunst. Marguerites und Armands aufrichtige Liebe zieht Verzweiflung, Schmerz und Wut nach sich. Auf Rache und Demütigung folgt schließlich Vergebung. Nur wenige andere Ballettwerke bieten eine derart breite Palette an psychologischen Steigerungsmöglichkeiten. 

Kameliendame4Thematisch stimmt das Ganze auf das Premierenprogramm der laufenden Saison ein, in der der Tod in unterschiedlichen Ausprägungen allgegenwärtig bleiben wird – angefangen bei den Untoten in Edward Clugs „Carpathia“ (ab 25. November) über die männermordenden Wilis in einer von Ballettchef Laurent Hilaire choreografisch adaptierten „Giselle“ (ab 9. Januar) bis hin zur Ballettfestwoche mit – einzig – Pina Bauschs Tanzoper „Orpheus und Eurydike“ auf Musik von Christoph Willibald Gluck. Die Rolle des „Untoten" kreiert Clug für die zwei Noch-Halbsolisten Severin Brunhuber und Soren Sakadales, die des „Reisenden" für die beiden Ersten Solisten Jakob Feyferlik und Osiel Gouneo. Die Rolle der Ehefrau des „Reisenden" übernehmen im Wechsel unsere Primaballerinen Violetta Keller, Ksenia Shevtsova und Elisabeth Tonev. Zudem können sich alle auf ein wirklich taffes, spielfreudiges Ensemble verlassen.