CHHHH-KRASCHH! Die einstündige Uraufführung „(Münchner) Verkehr“ ist fast vorbei, da passiert, worauf vermutlich jeder gewartet hat – und sei es bloß im Unterbewusstsein. Regisseurin Marie Schleef holt in „(Münchner) Verkehr“ Valeska Gerts amüsant-provokatives Grotesktanztalent zurück in die Gegenwart. Ein Triumph der Phantasie und des Weglassens mit nostalgischem Touch.
CHHHH-KRASCHHBUMMM! Das blecherne, markerschütternde Aufeinanderprallen zweier miteinander kollidierender Verkehrsteilnehmer lässt die Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele akustisch erbeben. Schockstarre. Konstantin Schumann, Johanna Eiworth und Stefan Merki versteinern augenblicklich fassungslos. Von einer Sekunde zur anderen schießt dem zuvor tänzerisch so agilen Trio aller Ausdruck in die unterschiedlich erschrockenen Visagen. Augen weiten sich, Hände wandernd vors Gesicht. Der Schrecken dringt lautlos schreiend durch Mund und Poren. Pantomimisch ist der harte Übergang große Klasse.
Eben noch versuchen die drei famosen Performer, die sich Regisseurin Marie Schleef für ihre zweite Arbeit an den Kammerspielen aus dem Ensemble herausgepickt hat, eine imaginäre stark befahrene Straße zu überqueren. Sie treten vor, weichen abrupt zurück und demonstrieren anschaulich wachsende Ungeduld – bis das Crash-Geräusch plötzlich die Luft zerschneidet. In der Ferne heult eine Sirene, im Zuschauerraum hinten flackert Blaulicht. Die unfreiwillig zu Zeugen Gewordenen stehlen sich in Zeitlupe davon. Keine schlechte Dramaturgie für ein (nahezu) wortloses Stück, das im Jubiläumsjahr der Spielstätte Geschichte fortschreiben und an eine exzentrische Künstlerin erinnern will, indem es konzeptionell auf deren Spuren wandelt.
Otto Falckenberg hatte die damals 24-jährige Valeska Gert 1916/17 als „jugendliche Charakterdarstellerin“ an die Münchner Kammerspiele engagiert. Diese bezogen 1926 ihr Schauspielhaus an der Maximilianstraße. Und Valeska Gert – längst berühmt für ihre prägnant kurzen, satirisch das Alltägliche überzeichnenden Gesellschaftskarikaturen – tanzte im selben Jahr den (Berliner) Großstadtverkehr. Von dem Solo sind nur wenige Posen auf Fotografien überliefert. Sie zeigen die Ausdruckstänzerin im großkarierten Kostüm. Im kurzen Rock, taillierten Jäckchen, schwarzen Top, weißen Kragen und Riemchen-Schuhen mimt sie dort beispielsweise einen Verkehrslotsen.
Für Schleefs „choreografische Versuchsanordnung nach Valeska Gert“, die 100 Jahre später Gerts analytische Idee neu aufgreift, hat Teresa Vergho dieses Outfit gleich dreimal in schwarz-weiß nachgeschneidert, um schwarze Seidenstrumpfhosen ergänzt und den drei Interpreten farbsatten türkisgrünen Lidschatten verpasst, wie ihn die sich selbst als Hexe bezeichnende „Göttin des Grotesken“ drei Jahre vor ihrem Tod neben Senta Berger als Gast in der vom WDR ausgestrahlten Talkshow „Je später der Abend“ trug. Ji Hyung Nam hat dazu eine farbenfroh leuchtende, zeitlos abstrakte Stadtkulisse mit zwei torartigen Bühnenzugängen entworfen. Die zentrale, von Fenstern durchbrochene Fassade ziert das ausdrucksvoll in sich gekehrte Porträt von Valeska Gert in ihrer Rolle als „Kupplerin“.
Allein schon auf diese stilisiert rein äußerlich-ästhetische Art und Weise gelingt es dem Team den wohl bewusst stets engen Bezug zur Inspirationsquelle die gesamte Vorstellung hindurch aufrechtzuerhalten. Anfangs, solange das Publikum in den Saal strömt, verharren Eiworth, Merki und Schumann immer wieder in jenen für Gert typischen Posen. Später lösen sie sich davon, um quasi im Zeitraffer, der vieles ausspart, 24 Stunden Leben auf Münchens Straßen, Freizeitzonen, Kreuzungen oder Plätzen spielerisch sehr bewegungstüchtig und recht dynamisch abzubilden. Für das entsprechende Lokalkolorit und ab und an eine atmosphärisch sinnvolle Unterbrechung der ansonsten fließend aufeinanderfolgenden Szene sorgen sich allzu schnell überlagernde, auf den Bühnenboden projizierte Momentaufnahmen von Lillian Canrights. Physisch hingegen stellt hier – anders als in der bisweilen hektischen und oft aggressiven Realität – nicht die Masse den Verkehr dar, sondern das sich bildliche Festbeißen an einem Teilnehmer und seinen Eigenarten.
Ein erster Radfahrer macht sich im Morgengrauen auf den Weg. Mit seiner bloß ruckelnd zwischen den Händen gehaltenen Lampe (andere Requisiten gibt es nicht) nimmt er Fahrt auf. Bald bekommt Schumann, der mit seinen langen, drahtig-dünnen Beinen alles Ballettöse perfekt beherrscht, Gesellschaft. Es wird heller, Christoph Matekas Soundkulisse lauter. Dreck wird von der Straße gefegt und der Körper zur Maschine: Ein sperriges Kehrfahrzeug macht seine Runde. Womöglich ein Mülllaster rangiert rückwärts mit laut piepsenden Heckleuchten herum. Eiworth, die später den direkten Vergleich mit Valeska Gerts filmisch festgehaltener Interpretation nicht scheut und als laut greinendes Baby einen unvergesslichen Auftritt hinlegt, beginnt zu joggen. Merki – auch brillant im Wechselspiel zwischen atemlos hechelndem Hund und geflissentlich-geschäftigem Frauchen – düst auf einem Mofa davon.
Als die drei sich auf einer Baustelle wiederbegegnen bröckelt unter dem ohrenbetäubenden Dröhnen ihrer Presslufthammer der nostalgische Touch. Alles gerät außer Kontrolle. Die sich körperlich sonst stets trefflich in vollendeten Haltungen ausdrückenden Interpreten purzeln wild umher. Dabei zuzusehen bereitet großen Spaß. Nicht zuletzt wegen der zahlreichen situativen Wiedererkennungseffekte, wenn einen der Blitzer erwischt, die Tram vor Nase davonfährt oder Leute orientierungslos durch die Gegend geistern beziehungsweise nur starr auf ihr Smartphone glotzen. Jedes wesentliche Detail wurde bestens herausgearbeitet: der eitle Blick in ein Schaufenster, das wiederholt eilige Richten der Frisur, der zu heiße Coffee-to-go-Becher, konkurrierende Coolness auf Rollschuhen oder Skateboard, das E-Scooter-Phänomen, eine Mutter beim Kinderwagenschieben und das in sein Hüpfspiel versunkene Kind.
Darüber hinaus psychologisch aktuellen Problemen in der gegenwärtigen chaosgespickten Verkehrslage näher auf den Grund zu gehen, gelingt allerdings nicht. Luft nach oben bleibt für mehr Interaktionen. Aber irgendwie ist das auch gut so. Das frontale Zusammentreffen zweier Radler lässt Schleef visionär versöhnlich lieber kurz in einem traumhaften Tango-Duett gipfeln. Über die Stelle des fiktiven finalen Unfallgrauens wabert am Ende jede Menge Theaternebel. Wie gemacht für die Rauchprojektion eines verschmitzten, sich wieder in Nichts auflösenden Blick der Valeska Gert.
Marie Schleef: „(Münchner) Verkehr“, Premiere am 16. Oktober 2026 in den Münchner Kammerspielen. Weitere Vorstellungen am 27., 29., 31.10., 7., 12., 14.11.2026