Ihr Name ist mittlerweile auch Menschen fernab von Kunst und Kultur ein Begriff, denn sie weiß seit ihren jungen Jahren, den Finger in gesellschaftliche wie körperliche Wunden zu legen. Geprägt von einer strengen Mutter und einem autokratischen System, das den Faschismus besiegte und mehrere Ethnien vereinigte, nicht aber eine freie demokratische Ordnung herstellen konnte, erinnert sich Marina Abramović zu ihrem 80 Lebensjahr mit der opulenten Bühnenschau „Balkan Erotic Epic“ an Mythen und Reales am Balkan.
Abramović auf der Theaterbühne
Das Jahr 2026 stand ganz im Zeichen der serbischen Künstlerin, die am 30. November des Jahres ihren 80. Geburtstag begeht. Ausstellungen in Wien, Ljubljana, Venedig, Berlin … diese Frau wurde vielerorts gebührlich und durchaus auch gebührend gefeiert. Was sie und ihre Kunst aber ausmacht, sind nicht Videos und Fotos oder Artefakte ihres Tuns wie etwa der kleine Van, mit dem sie und Ulay durch Europa und darüber hinaus reisten, ihre Kunstrichtung der Performance ist letztendlich direkt und unmittelbar. Leiblich. Hörbar und spürbar. Es ist jetzt offenbar für Abramović die Zeit, in der sie zurückblickt und in der Vergangenheit nach Antworten, nach Perspektiven sucht für diese heftige Zeit, in der wir leben: „Sich auf etwas in der Vergangenheit zu konzentrieren und es zurückzuholen genau jetzt wo wir politisch in einer beschissenen Lage sind – von der Erderwärmung über Armut bis hin zu den Kriegen überall und den unfassbaren Präsidenten, die Länder regieren –, diesem verrückten Moment müssen wir mit Hoffnung begegnen“, verkündet sie im Programmheft zu der Bühnenversion von „Balkan Erotic Epic“, die es auch als Ausstellung gibt.
Aber was heißt Hoffnung am Balkan? Was bedeutet ein Vergangenheit dort? Und lassen sich die Perspektiven von Marina Abramović nachvollziehen? Sind wir vielleicht alle ein Stück Balkan oder wünschen wir uns das zwischendurch? Oder sind wir einfach froh, das nicht sein zu müssen?
Mythen, Forschung, Einverleibung
So ruhig, so theatral ist der Anfang dieser dreistündigen Bühnenopulenz. Als Bild inszeniert, thront eine an Abramović ähnelnde Frau auf einem riesigen, von ihrem schwarzen Ornat umhüllten Sitz. Sie ist behütet von einem ebenso schwarzen, langen, zylindrischen Hut. Etwas abgerückt von ihr eine Fotografie von Josip Broz Tito, das auf eine schlichte graue Anzuguniform aufgesetzt ist. Eine uniformierte, strenge Frau kommt mit einem Strauß roter Blumen und salutiert zackig wie ernsthaft. Die priesterhafte Abramović-Erscheinung, sich langsam zur Seite wiegend, zeigt in ihrem Gesicht mächtiges Leiden, das von der einziehenden vornehmlich weiblichen Blasmusik-Banda verstärkt wird. Im Hintergrund tauchen auf der Leinwand unzählige schwarz bekleidete und bekopftuchte Frauen auf, die sich ihre Fäuste auf den Oberkörper schlagen. Das Leid scheint unendlich groß. Der Schmerz nur durch kollektive körperliche Selbstgeiselung und dem inniglichen Gesang der monumentalen Frau aushaltbar.
Schnell wird man hier in eine Welt tiefer Gefühle katapultiert. Schnell scheint diese Welt aus Frauen zu bestehen, die die Trägerinnenschaft der Gefühlswelt übernehmen. Frauen geben sich aber ebenso schnell in dem darauffolgenden Messertanz kämpferisch, denn sie erfüllen am Balkan wohl mehrere Rollen.
Ganz neue Seiten werden in der nächsten Szene aufgezogen mit einer Installation aus monströsen Penissen, die wie Pilze die Bühne überfüllen. Dazwischen ihre Hüften bewegende, am Boden liegende nackte Männer. Hier paaren sich Irrwitz und Humor, die in einer wissenschaftlichen Ebene zusammenfließen, als eine kleine blonde Frau in weißem Labormantel und akzentuiertem Englisch den Mythos dieser Szenerie aus einer bestimmten Region am Balkan erklärt. Von außen betrachtet, bietet diese geografische, aber auch kulturelle Größe mit ihren Bräuchen ein erquickliches Forschungsfeld. In diesem Fall bereitet es zumindest Schmunzeln und Lachen, wie sollte man und frau auch sonst mit solchen sonst tabuisierten Situationen umgehen?
Oberfläche oder Tiefgang?
Aus zehn verschiedenen Szenen in unterschiedlich gesetzte Örtlichkeiten vom slowenischen Zwiebelfeld bis zur serbischen dörflichen Kafata (Taverne), besteht dieses opulente Bühnenwerk, aus dem einprägsame Bilder wie starke performative, in bedächtigen und langsamen Passagen voll zur Kraft kommende Momente erwachsen. Und doch befremdet es, die Großmeisterin der stillen Intensität mit lautstarken Choreografien und pathetischen Operngesängen als Schöpferin einer dramaturgisch perfekten Inszenierung zu sehen.
Ein Abramović-Theater? Die Frage, ob dies noch die Kunst ist, für die wir sie so sehr schätzen und ob dies nicht gestrig oder gar vorgestrig sei, bleibt nicht aus. Aber Abramović greift tief mit ihren schnellen und noch tiefer mit ihren langsamen (bewegten) Bildern. Sie „ent“führt in die Welt ihrer Erfahrung und Erinnerung und findet einen ästhetischen Ausdruck, der (sicher mithilfe eines Teams mit ausgesprochener Bühnenerfahrung und wohlfeilem inszenatorischem Händchen) Atem- und auch Sprachlosigkeit auslöst. Die Liebe zum Tod, die Liebe zu den Ahnen, die Verpflichtung, seine Ahnen und die Verstorbenen zu lieben, das ist hier ebenso Thema wie die Verbundenheit mit folkloristischen Bräuchen sowie dem Spannungsfeld zwischen Strenge und Exzess. All das gehört zusammen in unserem Leben: ganz ehrlich, auch außerhalb des Balkans.
Marina Abramović: Balkan Erotic Epic – The Stage Version. Gesehen am 15. Oktober im Rahmen der Performing Arts Season der Berliner Festspiele im Festspielhaus Berlin.