Peaches1Vier in Graz beheimatete Frauen, Jadi Carboni, Ann-Kathrin Adam, Hannah-Charlotte Nürnberg und Sarah Zurl, machen sich Gedanken über ihre Einbettung in der Gesellschaft, über ihren Umgang miteinander, mit sich selbst und mit dem, was ihre Umgebung ausmacht. Und sie machen daraus einen zweistündigen Tanzabend mit 5 eigenständigen Performances, die aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln und Darstellungsformen anregend zeigen, wie zeitgenössischer Tanz aussehen kann und was er individuell beispielhaft vermitteln will.

In „Peaches grow wild * Studio1.Meeting the Monsters“ von Jadi Carboni (Choreografie, Video, Musik Performance, Produktion) erinnern ausschnittsweise Thematik und ein paar Bilder ein wenig an ihre Produktion von vor knapp 3 Jahren (Kritik 5. Februar 2024). Doch die Künstlerin, die da heute auf der Bühne steht, ist hier nun um einiges fester und tiefer verwurzelt. 

Rund um den Fokus der Auswirkungen eines althergebrachten Gesellschaftssystems spielt sie in dieser interdisziplinären, etwa 30minütigen Performance ihr breites Können in der (wohl nicht nur fiktiven) Rolle einer Selbst-Betroffenen aus: Als kritisch reflektierende, feinfühlige Frau lässt sie ihren Körper erzählen, was diesem in einer patriarchalen Welt widerfahren kann.

Bereits in der allerersten Szene, wenn sie begrüßend auf ihre Art Kontakt sucht, prallt sie am Schweigen (stellvertretend darf das Publikum, also jedermann, jedefrau für die Angesprochenen stehen) hilflos ab. Und bereits hier wird ihre Darstellungsqualität im gekonnten Spiel ihrer Mimik zu einem der tragenden Fakten ihrer Performance. 

Peaches2Ohne sich entmutigen zu lassen, setzt sie daraufhin ihren ganzen Körper ein: Zielstrebig-kraftvoll rollt sie kontaktsuchend umkreisend die Männerwelt; eine, für die eine Unmenge an Männerkleidung fein säuberlich aufgereiht am Boden liegt – ungerührt. Der resignierende Rückzug in eine geschützte, wenn auch sprachlose Welt (faszinierend, die von Carboni kreierten ‚Urlaute‘) ist die Folge: In den Mutterleib (ein großes Tuch), was nicht unbedingt assoziierbar ist, aber so von Carboni im Gespräch erklärt wird. 

Nach ihrem Neustart in eine wenig einfühlsame Gesellschaft, sieht sie sich ihrerseits zur Haltung des Ein- und vor allem auch des Unterordnens gezwungen: nach kurzem Intermezzo mit Tuch, einer scheinbaren tänzerischen Befreiung, macht sie sich zur überdimensionalen, handlungsunfähigen aber umso lenkbareren Puppe, zum ‚Pupperl‘ so mancher Träume. 

Alternativ schlüpft sie dann in unzählige männliche Häute respektive Kostüme – bar nahezu jeglicher Bewegungsfreiheit. Das gekonnt Groteske dieser Szenen wird auch hier begleitet durch kaum verständliche, weitgehend untergehende Versuche, Missstände anzusprechen: Worte scheinen unzulänglich! Und so heißt es Taten zu setzen, aufzuräumen, unbeirrbar sich zu bewegen, wenn auch (noch) in kleinen Kreisen: also (fast) zu tanzen. Am Horizont leuchten bewegte (Video-) Bilder des Wachsens und Werdens.  

PassacagliaAuf leerer, dunkler Bühne hinterlässt Ann-Kathrin Adam in und mit „Passacaglia XVI“ tiefe Bewegungsspuren. Es sind Zeichen, die sich seit Stefan Zweigs Roman „Marie Antoinette“, von dem die dichte Choreografie Boris Randziosausgeht, bis ins Heute wenig verändert haben und sich daher markant ausmachen lassen: Wiederum sind es die Folgen gesellschaftlicher Einflussnahme auf jeden Einzelnen, aber doch ganz besonders auf Frauen, die in Tanz transkribiert hier berührend anschaulich werden. Adams fundierte Bewegungskunst basiert auf klassischem Repertoire, aber ‚erlaubt’ sich und nimmt sich in dieser Choreografie eine bislang so an ihr nicht erlebte und erlebbar gemachte Freiheit. Da wird das unbewegliche Antlitz einer Ballerina durch eine Mimik ersetzt, die in ihrer Feinheit und Emotionalität die ‚Untertitel’ zur tänzerischen Körpersprache liefert. Da macht tradierte Ästhetik ‚unbeherrschten‘ Bewegungen des Widerstands, der Erschöpfung, der Emotionalität eindrucksvoll Platz. Der in schönen rhythmischen Bögen erlebbare Wechsel von machtausübender Einengung und erkämpfter Freiheit, von Hilflosigkeit und beglückter Selbstbestimmung wird hier nicht nur sichtbar, sondern auch nachwirkend fühlbar. Wasbleibt

In vergleichbarer Weise kann Ann-Kathrin Adam ihre feinsinnige Ausdruckskraft - die an einer Stelle bis in das kommentierende Spiel ihrer Zehen reicht - auch im Duett mit Hannah Charlotte Nürnberg „Was bleibt“ überzeugend umsetzen. In diesem Falle ist sie auch die Choreografin und beweist, dass sie ein Thema wie dieses, das der engen Beziehung zwischen zwei Menschen, gut in den Griff bekommt: sowohl die delikaten Veränderungen, die Höhen und Tiefen der Intensität des Miteinanders, die Dramaturgie des Werdens und Vergehens und schließlich auch die kluge Nutzung des Raums. Nürnberg ist ihr eine darstellerisch wie tänzerisch sehr entsprechende Partnerin. Dies können beide auch in ihren kurzen Soli zeigen. Dass der Einsatz von Musik, Franz Schubert, Klaviersonate Nr.20 in A-Dur, D959-II Andantino, mit Passagen der Stille wechselt, vertieft die Eindrücklichkeit dieser Choreografie.

PantaRheiSarah Zurl, ausgebildet in contemporary dance am CCDS in Kopenhagen, versucht in ihrem Solo dem Leistungsprinzip der (nicht nur) heutigen Gesellschaft anregende und nachahmenswerte Bilder des Loslassens entgegenzuhalten, fließen zu lassen. „Panta Rhei“ nennt sie also ihre Arbeit, für deren Konzept, Musikkomposition und Visuals sie neben dem Tanz ebenso verantwortlich zeichnet. Ihr Kostüm (Ruzica Sirovina) ist mit mehreren langen dünnen Schleiern besetz. Diese umgeben sie in der ruhigen Anfangsszene, in der sie sich, zusammengekauert vorerst, langsam in den steten Fluss von kreisenden Bewegungen in einem kaum unterbrochenen Auf und Ab bewegt. Immer deutlicher werden die Schleierteile in diese Bewegung einbezogen. Das ist nett anzusehen, aber in seiner Gesamtheit zu wenig. Es fehlt an markanter Entwicklung, an differenzierter Dynamik, an Aussagekraft. Eine choreografische und dramaturgische Bearbeitung könnte Früchte tragen. Dahinter

Eine ungewöhnlich packende Tanz-Performance mit Sessel zeigt Hannah Scharlotte Nürnberg (BA in Dance, University of Music, Cologne) in ihrer Choreografie „dahinter“. Auch hier geht es um Beziehung; um Verbindung zu etwas Wichtigem, Gewohntem, Bewährtem. Dafür steht der Sessel. Und dafür kreiert Nürnberg Szenen von großer emotionaler Intensität. Ob es das Erinnern an diesen, oder das Vergessen ist, die Annäherung, Benutzung oder das Weggeben, Verachten, Trennen. Die Gefühle der Abhängigkeit davon, der Zuneigung oder aber der Ablehnung, all dies macht sie in einfachen Bewegungen mit und rund um den Sessel, auf und unter diesem ebenso charmant und überraschend wie selbstironisch und nachdenklich in kreativ gekonnter Art sichtbar. Ein Kleinod der performativen Art. 

„Ströme des Werdens. Ein Tanzabend“ am 25. Oktober 2026 im Kristallwerk Graz