Am 1. März 1997 vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich eröffnet, wird das Festspielhaus St. Pölten in dieser Saison dreißig Jahre alt – und stellt sein Tanzprogramm entsprechend selbstbewusst auf. Unter dem Motto FEST/ IM MOMENT verspricht die künstlerische Leiterin Bettina Masuch „Bögen zwischen Genres, Generationen und Perspektiven“, und tatsächlich liest sich die Saison wie eine Landkarte der internationalen Gegenwartstanzszene: Gleich mehrere Compagnien geben in St. Pölten ihr Österreich-Debüt, altbekannte Namen kehren mit neuen Arbeiten zurück. Im Interview spricht Bettina Masuch über die Herausforderungen, das Jubiläumsprogramm, die neue Tanzsaison und die wachsende Verbindung des Hauses mit der Stadt.
tanz.at: Sie leiten das Festspielhaus seit 2022 und feiern nun 30 Jahre. Wie erklären Sie sich das Wachstum der vergangenen 20 Jahre?
Bettina Masuch: Ich stehe auf großen Schultern und profitiere von allem, was hier schon geleistet wurde. Über die Jahre ist immer klarer geworden, wo die Stärken und Herausforderungen des Hauses liegen. Ich profitiere wirklich von dem, was meine Vorgängerinnen und Vorgänger gedacht und geleistet haben. Die eigentliche Herausforderung ist die Größenordnung: eine so große Bühne in einer Stadt, die nicht Wien ist. Es hat gedauert, bis klar wurde, was diese Mischung kann – musikalisch sehr lokal verwurzelt zu sein und im Tanz einen viel größeren Radius zu ziehen. Das verstehen wir inzwischen besser, ebenso die Vorteile, die darin liegen.
Auch in Wien hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass man für Tanz nach St. Pölten fahren muss.
Genau, in Wien gibt es keine vergleichbare Tanzbühne. Für die Wiener ist das ein großer Schritt – aber mit der Bahn ist man in einer halben Stunde da, das ist sehr komfortabel. Die Städte wachsen zusammen.
Sie drücken dem Jubiläum Ihren eigenen Stempel auf. Wo liegen die besonderen Programmpunkte?
Für mich war klar: Dies ist nicht die Zeit für eine große, kostspielige Gala. Feiern und Danke sagen ist wichtig – vor allem ans Publikum. Und herauszustellen, wofür das Haus steht: nahbare Exzellenz. Programme müssen für Menschen mit ganz unterschiedlichen Sehgewohnheiten zugänglich sein, nie nur für eine Gruppe. Deshalb ist Community-Arbeit für uns so zentral: In dieser Saison entsteht ein großes neues Projekt mit der Compagnie Käfig und Mourad Merzouki – im Dezember eine Uraufführung, zum Saisonende sein älteres Stück über Jung und Alt, über Missverständnisse und Vorurteile zwischen den Generationen, auf dem Vorplatz. Dazu ein Zirkusfestival in der Stadt, gemeinsam mit der Bühne im Hof, mit Dance-Alongs im Stadtraum. Und in der Geburtstagswoche selbst: Statt das historische Eröffnungskonzert der Tonkünstler zu wiederholen, haben wir Matthias von Hartz eingeladen, den Leiter des Zürcher Theater Spektakels. Er hat das Format Orchesterkaraoke erfunden – das Publikum singt gemeinsam, begleitet vom Tonkünstler-Orchester. Ein echtes Geburtstagsfest, das auch an unsere große Chor-Community im Haus anknüpft.
Sie haben den Zirkus erwähnt – ist das nicht letztlich auch eine Form von Tanz?
Nein, es ist Zirkus. Aber er hat sich dem Tanz angenähert, ist choreografischer geworden, mit dramaturgischem Bogen statt einzelner Nummern. Virtuosität bleibt ein Erkennungsmerkmal, wird aber sehr unterschiedlich interpretiert. Spannend finde ich, dass Zirkus ganz selbstverständlich generationenübergreifend funktioniert – Großeltern und Enkel kommen gemeinsam, ohne dass man das eigens ankündigen müsste.
Auch im Tanz selbst ist ja wieder mehr Virtuosität zu sehen.
Genau. In den Nullerjahren war Virtuosität im Tanz fast verpönt, es dominierten Alltagsbewegungen. Mittlerweile interessiert man sich wieder für Tanz und Choreografie als Körperkunst, für das Handwerk der Bewegungsfindung. Das ist eine wichtige Brücke zu einem Publikum, das kulturell viel heterogener geworden ist – diese Begeisterung zeigt sich heute in ganz unterschiedlichen ästhetischen Ausformungen.
Wer prägt in der kommenden Jubiläumssaison die choreografische Handschrift des Hauses?
Es gibt zwei große Linien: Ich zeige, was gerade State of the Art ist, und nehme immer wieder Bezug auf die Klassiker der Avantgarde – gerade in einer so flüchtigen Kunstform wie dem Tanz muss man klarmachen, auf welchen Schultern wir stehen. Anne Teresa De Keersmaeker kommt mit einem dreiteiligen Abend zu Beethoven, Bartók und Schönbergs „Verklärte Nacht“, gemeinsam mit dem Opera Ballet Vlaanderen – niemand macht Tanz so hörbar und Musik so sichtbar wie sie. Und wir holen Ohad Naharin mit der Batsheva Dance Company zurück, weil Gaga für mich nach wie vor eine ganz wichtige Tanzsprache ist.
Das Nederlands Dans Theater kommt wieder, ebenfalls mit einem dreiteiligen Abend: Jiří Kylián, Crystal Pite und ein neues Stück von Hofesh Shechter – eine Kombination, die ich richtig spannend finde. Dazu das Cloud Gate Dance Theatre, das kürzlich einen Leitungswechsel hatten. Die Compagnie hat inzwischen ein komplettes Repertoire aufgebaut, dessen Bewegungssprache aus der Kampfkunst kommt – das als Basis einer ganzen Bewegungssprache zu nehmen, ist hier in Europa etwas sehr Eigenes.
Sidi Larbi Cherkaoui, der dem Haus schon lange verbunden ist, macht mit uns eine große Koproduktion: „Dimokratía“, gemeinsam mit den Tonkünstlern und mit eigens komponierter Musik von Dimitris Skyllas. (Die Ausstattung stammt von britischen Bildhauer Antony Gormley, Anm.)
Neben den etablierten Namen – wer steht für die neuen Stimmen?
Bei den jungen Choreografen sind es diesmal, was mich ein bisschen schmerzt, nur Männer. Moritz Ostruschnjak zeigt mit tanzmainz „Trailerpark“ – ein Stück darüber, wie exzessiver Konsum digitaler Medien unsere Wahrnehmung von uns selbst und von Gemeinschaft verändert, aktueller geht es kaum. Und der junge Londoner Choreograf Botis Seva kommt im Frühjahr 2027 mit „BLKDOG“, einem teils autobiografischen Stück darüber, wie Jugendliche sich in einer Welt zurechtfinden, die nicht für sie gemacht ist – zwischen Selbstzerstörung und Selbstbehauptung. Und „Après moi, le déluge“ von La Horde mit dem Ballet National de Marseille handelt vom Klimawandel und davon, was das für uns bedeutet. Moritz Ostruschnjak, Botis Seva und La Horde kommen ästhetisch alle aus der Popkultur, mit starken Wurzeln im urbanen Tanz – Botis Seva und La Horde arbeiten auch mit Popstars wie Lady Gaga oder Beyoncé zusammen. Ich hoffe, dass sich darüber gerade für ein jüngeres Publikum eine Brücke schlagen lässt.
Warum ist es Ihnen so wichtig, junge Stimmen ins Programm zu holen?
Weil ihre Themen die sind, die im Moment alle beschäftigen – und weil sie trotzdem versuchen, Stücke für ein breites Publikum zu machen. In einem so großen Haus kann man nicht nur für eine Community programmieren. Deshalb spannen wir das Programm bewusst breit: Wem ein Stück nicht gefällt, der findet bei uns auch die Klassiker.
Auch musikalisch spielt das Jubiläumsjahr mit Kontrasten.
Wir eröffnen die Saison am 10. September wieder am Domplatz mit den Tonkünstlern – diesmal unter dem Titel „Nordlichter“, mit bekannten sinfonischen Werken wie Sibelius und Grieg und nordischer Popmusik, die hier noch nicht so bekannt ist. (Das Konzert feiert auch 40 Jahre seit Gründung der Landeshauptstadt St. Pölten, Anm.) Dazu kommt viel Alpines: Herbert Pixner, Hubert von Goisern, Thomas Gansch mit seiner Schlagertherapie zu Weihnachten – darauf freue ich mich besonders. Und mit Eliades Ochoa, einem der letzten großen Stimmen des Buena Vista Social Club, dem „kubanischen Johnny Cash“, holen wir noch mal ganz andere Klänge ins Haus. Uns ist wichtig, einerseits die Region klingen zu lassen und andererseits den Blick in die Welt zu werfen – genau wie im Tanz.
Wie eng ist das Haus mittlerweile mit der Stadt St. Pölten verwoben?
Sehr eng, über viele Kooperationen. Das Domplatz-Konzert ist die größte davon. Dazu kommt das Big Bang Festival mit der Jeunesse, das auch nächstes Jahr wieder stattfindet. Wir haben außerdem eine Jugendtanzkompanie mit dem Musik- und Kunstschulmanagement Niederösterreich und der Musikschule St. Pölten aufgebaut, künstlerische Leitung Olivia Hild – Jugendliche aus ganz Niederösterreich, die wöchentlich in ihren Musikschulen trainieren und einmal im Monat bei uns. (Ihre erste Arbeit war im Juni dieses Jahres zu sehen, Anm.) Neu ist das Zirkusfestival mit der Bühne im Hof. Uns ist wichtig, auch selbst in die Stadt rauszugehen, statt nur zu erwarten, dass die Stadt zu uns kommt.
Was möchten Sie zum Jubiläum mitgeben?
Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, ins Theater oder Konzert zu gehen. Uns gibt es nur, weil sich Menschen für das interessieren, was wir tun – dafür sind wir sehr dankbar, und das wollen wir auch zeigen. Genauso wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben: Mit Einführungen, Nachgesprächen und Salons kommen wir mit unserem Publikum darüber ins Gespräch, was Menschen und Künstlerinnen und Künstler gerade bewegt. Das ist der Kern unserer Arbeit.
Das Tanzprogramm im Überblick
26. September 2026: Den Auftakt macht das Ballet BC aus Vancouver mit einem Triple-Bill-Abend: Crystal Pite eröffnet mit ihrer 2008 uraufgeführten, 2024 neu einstudierten Arbeit “Frontier”, ehe Bobbi Jene Smith und Or Schraiber mit “Obsidian” ihre erste Choreografie für die Compagnie zeigen und Compagnie-Leiter Medhi Walerski mit “SWAY” den Abend beschließt.
10. Oktober 2026: Mit “Chapters of Celebration” lädt der belgische Regisseur Benjamin Abel Meirhaeghe zusammen mit sechs Choreograf:innen – Michele Rizzo, Cherish Menzo, Lasseindra Ninja, Iker Karrera, Jeremy Nedd, Toni Jodar – zu einem (einstündigen) Tanzmarathon in sechs Kapiteln, der die Ekstase menschlicher Gemeinschaften auslotet, unterlegt mit Musik von Barock bis Gegenwart.
7. November 2026: Im November kehrt mit Anne Teresa De Keersmaeker eine der prägendsten Stimmen des europäischen Tanzes zurück: Gemeinsam mit dem Opera Ballet Vlaanderen zeigt sie eine Triple-Bill aus drei ikonischen frühen Arbeiten – zu Bartók, Beethoven und Schönberg. 
20. November 2026: „Mr. Gaga“ Ohad Naharin und die Batsheva Dance Company sind mit “Sadeh21” zu Gast, einer Choreografie, die aus einem offenen Bühnenraum heraus immer neue Formationen und Unordnungen entstehen lässt.
18. und 19. Dezember 2026: Gleich zweifach vertreten ist in dieser Saison Mourad Merzouki: Mit seiner Compagnie Käfig zeigt er im Dezember mit “Kaléidoscope” eine Retrospektive seiner Arbeit.
22. Jänner 2027: tanzmainz zeigt mit Trailer Park eine von sozialen Medien inspirierte Arbeit von Moritz Ostruschnjak.
12. Februar 2027: Das derzeit wohl meistdiskutierte Kollektiv der Szene, (LA)HORDE präsentiert mit dem Ballet national de Marseille die Österreich-Premiere von “Après moi, le déluge” eine Auseinandersetzung mit Klimakrise, Krieg und der Frage, was von der Zukunft bleibt.
26. Februar 2027: Das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan entführt mit “All Ears” in eine Welt, in der Klang körperlich erfahrbar wird,
12. März 2027: Der Londoner Choreograf Botis Seva gastiert mit seiner Hip-Hop-Arbeit BLKDOG erstmals in St. Pölten.
2./3. April 2027: Das Nederlands Dans Theater – NDT 1, eine der weltweit führenden Compagnien, präsentiert einen Abend mit Arbeiten von Jiří Kylián, Crystal Pite und Hofesh Shechter zeigt.
8. Mai 2027: Am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, kehrt Sidi Larbi Cherkaoui mit dem Ballet du Grand Théâtre de Genève und der Festspielhaus-Koproduktion “Dimokratía” zurück – begleitet vom Tonkünstler-Orchester und choreografisch inspiriert von griechischer Philosophie und den dunklen Seiten demokratischer Systeme.
22. Mai 2027: Zum Jubiläum wagt sich das Haus zudem erstmals auf neues Terrain: Ein Circus-Festival verwandelt St. Pölten im Mai für mehrere Tage in eine Manege, mit dem Collectif Petit Travers und dem Quatuor Debussy als Auftakt mit “Nos matins intérieures”.
11./12. Juni 2027: Maroud Merzouki und Cie Käfig bestreiten den Saisonabschluss mit “Beauséjour”, einer Auseinandersetzung mit dem alternden Körper, begleitet von Elektro-Tango. Parallel dazu entsteht rund um dieses Stück eines der größten Community-Projekte des Hauses: Rund sechzig tanzbegeisterte Laien jeden Alters erarbeiten unter Merzoukis Leitung ein Pendant, das am 11./12. Juni auf dem Vorplatz uraufgeführt wird.
Wer nach dreißig Jahren noch einen Beweis braucht, dass sich das Festspielhaus St. Pölten als internationale Tanzadresse etabliert hat – dieses Programm liefert ihn.
