Vielleicht kann man den neuen, bei Hatje Cantz erschienenen Band über „Sasha Waltz & Guests“ so lesen wie die Choreografin ihr Vorgehen beim Entwickeln eines neuen Stückes beschreibt: „Die Analyse, dem Thema folgen – aber erst einmal muss man schwimmen.“ Ja, erst einmal muss man auch während der Lektüre schwimmen und sich treiben lassen wie in einem Museum, von Saal zu Saal, von Seite zu Seite.
Es gibt keinen zwingenden Ablauf, keine lineare Erzählung, auch keine theater- oder tanzhistorische Einordnung. Man kann diese opulente, vielschichtig gestaltete Publikation, die eigentlich ein großes Skizzenbuch ist, einfach durchblättern und mal hier, mal dort ein wenig schauen oder lesen. Themen, Texturen, Perspektiven und Formate wechseln sich ab. Und damit haben Sasha Waltz und Jochen Sandig, die das Ensemble „Sasha Waltz & Guests“ vor über 30 Jahren gegründet haben, eine Form der Dokumentation gefunden, die einen guten Einblick in ihr Werk erlaubt.
Im Vorwort erläutern die beiden etwas umständlich ihr Interesse an sogenannten Codes. An jenen Momenten, in denen etwas Besonderes in Bewegungssequenzen entdeckt wird, etwas, an dem weitergearbeitet werden kann. Der erste Teil des Buches basiert daher auch auf einer Auswahl solcher Codes. 65 alphabetisch geordnete Stichworte, mit denen das tänzerische Vokabular des Ensembles beschrieben werden kann. Sasha Waltz und Jochen Sandig wollen keine kompletten Werke vorstellen, sondern ästhetische und inhaltliche Verbindungen erzeugen, quer durch ihr Oeuvre. Doch auch wenn manche Codes, so zum Beispiel „Impulse“, „Pole“ und „Wind“ in kurzen Texten vertieft werden, so sind es doch vor allem die Bildcollagen, die die Choreografien widerspiegeln. Die vielen Fotos aus Produktionen und Proben, die Skizzen, das Recherchematerial sowie zugeordnete Werke aus der Kunstgeschichte sind klug kuratiert. Eine „enzyklopädische Wunderkammer“ wollten Sasha Waltz und Jochen Sandig entwerfen. Und das ist ihnen auch gelungen.
Allerdings ist diese Wunderkammer thematisch ziemlich eng bemessen. Zumindest ging es mir beim Lesen so, dass ich mir den einen oder anderen Blick über das eigene Werk hinaus gewünscht hätte. Gibt es eine Auseinandersetzung mit den Arbeiten anderer Tanzschaffenden? Reibungspunkte oder Inspirationsquellen? Gerade Sasha Waltz’ Inszenierungen in den Räumen großer Museen (z.B. Neues Museum in Berlin, Kunstmuseum Stuttgart, MAXXI in Rom) laden zum Vergleich ein. Etwa mit Xavier Le Roy und Anne Teresa de Keersmaeker.
Im zweiten Teil des Buches folgt auf die Text- und Bildcollage eine detaillierte Chronologie des bisherigen Werkes von „Sasha Waltz & Guests“. Wiederum durch umfangreiches Fotomaterial ergänzt, werden hier sämtliche Projekte ab der Gründung des Ensembles 1993 festgehalten. Dabei wird deutlich, wie eng die Arbeit Sasha Waltz’ mit dem Spielort Berlin verbunden ist. Alle Stationen ihrer künstlerischen Karriere sind hier verortet: Schaubühne, Sophiensaele, Staatsballett, Radialsystem. Beim Durchsehen der vielen Angaben zu Uraufführungen, Wiederaufnahmen, Gastspielen und Besetzungen fällt auf, dass trotz aller Genauigkeit kleine Leerstellen bleiben. So findet man beispielsweise für das Jahr 2019 den Beginn von Sasha Waltz’ Zusammenarbeit mit Johannes Öhman als Leitungsteam des Berliner Staatsballetts notiert, nicht aber die Auflösung des Vertrags der beiden nach nur wenigen Monaten.
Das Lektürevergnügen schmälern solche Auslassungen aber natürlich nicht. Denn es ist ein abbildungsreiches, toll gestaltetes Selbstporträt, das Sasha Waltz und Jochen Sandig in diesem zweisprachigen (deutsch/englisch) Prachtband von sich zeichnen. 30 Jahre Ensemblegeschichte, stilvoll eingebunden in einem gold schimmernden Cover.
Sasha Waltz & Guests. Hg. Von Sasha Waltz und Jochen Sandig. Hatje Cantz Verlag, Berlin, 2025.
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