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IMove11 iconHingeworfen ein Leckerbissen für humanistisch-humoristisch Gebildete: das graphis (gr.: Zeichenstift) und gravis (lat.: schwer) ähneln sich ja schon phonetisch, wie auch im modernen Schriftbild.

Also die Choreographie ist Tanzgestaltung und deren Aufzeichnung. Beides ist gar schwer. Ob im klassischen Ballett, im modernen Tanz, in Contemporary oder im guten alten Ausdruckstanz: Wer einmal auch nur eine Zweiminutensequenz zu gestalten hatte, wird mir wahrscheinlich recht geben. Die Koordinaten Raum-Zeit-Kraft müssen - zumindest irgendwie - gebändigt werden.

Was ursprünglich so klar und logisch ge- und verbunden ausgesehen hat, wächst oft schon kurz danach zu einem einzigen großen Fragezeichen. Wer also nicht gesegnet ist mit einem photographischen Speichergedächtnis, tut gut daran, sich Eselsbrücken in Form von Geschichten zu bauen, die sie/er dann abtanzen kann.

Doris Humphrey hat in ihrer Bibel „Die Kunst, Tänze zu machen“, sehr wertvolle Grundsätze für die Choreographie niedergeschrieben. Ich habe diese gleich bei meiner ersten Tanzgestaltung über den Haufen geworfen, indem ich meinen zwei parallel arbeitenden Kolleginnen munter in die Spur geraten bin. (Dabei hatte ich alles so schön, allein allerdings, geprobt). Also wird Doris H. ein langes bewegtes Leben in meinem Bücherregal beschieden sein.

Zur „Graphie“ aber noch: Lassen Sie sich nicht von oberflächlichen Modernisten mit dem Hinweis „wird ja heute eh alles videoaufgezeichnet!“ abspeisen. Freilich stimmt es zu einem Teil. Aber eben nur. Sie sitzen beispielsweise im Wald, oder liegen im Halbschlaf und haben justament eine gute Idee. Dann wird es sinnvoll sein, andere als nur Videoformate parat zu haben. Zettel und Bleistift etwa. Die Versuche, sinnvolle genormte Tanzschriften zu erfinden, sind zahllos. Rudolf von Labans Kinetographie ist wohl eine der bekanntesten, die heute als Labanotation vor allem im Angelsächsischen und US-Amerikanischen dominiert. Rosalia Chladek, in deren System ich studiere, hat ihre phantastischen Choreographien nur selten – und dann auch nur persönlich, ohne sie zu verschriftlichen, – weitergegeben. 

Aber so unterschiedlich sind sie halt, die Bewegten.

Der Journalist Christoph Mandl hat sich im reifen Alter entschlossen, eine Tanzausbildung im System Rosalia Chladek zu machen, über die er in der  tanz.at-Serie „I, move“ schreibt.

Demnächst: Tutu und Schläppchen.

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