Nijinsky0Der Choreograf John Neumeier hat im Laufe seiner langen Karriere nachhaltige Spuren im Wiener Repertoire hinterlassen, von „Josephs Legende“ bis zur „Kameliendame“. Nun landete das Wiener Staatsballett mit „Nijinsky“ einen weiteren enormen Publikumserfolg. Neumeier hat sich ein Leben lang mit dem legendären Tänzer der Ballets Russes beschäftigt. Sein Nijinsky-Porträt legt er als eine Reise in eine verstörte Künstlerseele an.

Neumeier hat das Werk im Jahr 2000 zum 50. Todestag von Vaslaw Nijinsky choreografiert. Darin wandelt er auf den Spuren der Ballets Russes und schafft ein Gesamtkunstwerk: Er zeichnet nicht nur für die Choreografie verantwortlich, sondern auch für Musikdramaturgie, Lichtregie, Bühnenbild und Kostüme. Dabei verwendet er Teile der Originalentwürfe von Léon Bakst und Alexandre Benois.

Es ist kein biografisches Ballett mit chronologischer Handlung, sondern vielmehr „eine Reise in die Seele“ eines Künstlers. Nach einer glänzenden, aber kurzen Tänzerkarriere verbringt Nijinsky den Großteil seines Lebens in geistiger Dunkelheit. Denn nach dem Bruch mit den Ballets Russes und zu Beginn des Ersten Weltkriegs tritt seine Krankheit immer deutlicher zutage. (Biografische Einblicke und Nijinskys Verbindung zu Wien ist in der Wiener Tanzgeschichte „Nijinski in Wien“ nachzulesen.)

Nijinsky1Neumeiers Ballett beginnt an einem historischen Tag: Am 19. Jänner 1919 tritt Nijinsky (Alessandro Frola) im Hotel Suvretta House in St. Moritz zum letzten Mal öffentlich auf. Der Titel: „Hochzeit mit Gott“. Das Saallicht ist noch eingeschaltet, als die Gäste auf der Bühne eintreffen. So wird das Publikum unmittelbar an den Ort des Geschehens versetzt. Auch Nijinskys Arzt und dessen Gattin sind zugegen. Ebenso anwesend ist Romola Nijinska (Ketevan Papava), hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu ihrem Mann und ihrem Verhältnis mit dessen Arzt. 

Nachdem er lange still dagesessen hat, beginnt Nijinsky zu tanzen. Seine Gesten widersprechen einander: Zuerst wehrt er ab, dann umarmt er gleichsam das ganze Publikum. So vermittelt er extreme Stimmungsschwankungen, von tiefer Introspektion bis zu verspielter Heiterkeit. Er torkelt, er fällt, er richtet sich wieder auf, wird zum Jahrmarktclown.Nijinsky2

Nach und nach füllt sich die Bühne mit Rollen aus seinem Tänzerleben bei den Ballets Russes. Davide Dato tanzt den Geist der Rose aus „Le Spectre de la rose“ und den Harlequin aus „Carnaval“, Victor Caixeta den Goldenen Sklaven aus „Scheherazade“ und den Faun aus „L’Après-midi d’un faune“. Wurde Nijinskys Tanz zunächst von Musik Chopins begleitet, so setzt das Orchester nun mit Nikolai Rimski-Korsakows „Scheherazade“ ein. Die bunte Welt des genialen Impresarios Serge Diaghilev (Eno Peci) entfaltet sich vor unseren Augen.

Nijinsky11Die ikonischen Figuren treten nicht in ihrer Originalchoreografie auf, sind aber an Kostümen und Bewegungszitaten unschwer zu erkennen. Sie vermischen sich mit Szenen, in denen Nijinsky im Ballettsaal arbeitet und choreografiert. Dazu kommen Erinnerungen an sein Privatleben, seine Familie und seine Liebesbeziehungen.

Beim Auftritt der Ballerina Tamara Karsawina als Sylphide (Madison Young) eröffnet Diaghilev dem jungen Tänzer die Welt des Balletts. Er lässt ihn fliegen und nimmt ihn behutsam in die Arme. Nach Nijinskys Hochzeit mit Romola verstößt er ihn. Ein Pas de deux fasst die komplexe Liebesbeziehung zwischen Nijinsky und Diaghilev in ein choreografisches Tableau widerstreitender Gefühle.Nijinsky5

Mit der überstürzten Hochzeit in Südamerika erfüllt sich für Romola ein Traum, der aus ihrer Verehrung für den Tänzer erwachsen ist. In einem Pas de trois wird das Changieren zwischen Realität und Fantasie deutlich: Der Mensch Nijinsky verschmilzt mit seiner Bühnenrolle. Romola ist Frau und Nymphe zugleich, und wird in dieser Rolle von der Ballerina abgelöst.

Nijinsky6So dringt der Strom der Erinnerungen unaufhörlich auf Nijinsky ein, und er verliert darin die Orientierung.

Am Ende des ersten Teils kehren wir an den Ausgangsort zurück, in den bereits stark dekonstruierten Suvretta-Saal. Soldaten mischen sich unter die Gäste. Einer von ihnen fällt tot in Nijinskys Schoß.

Die Jahre der DunkelheitNijinsky12

Der zweite Teil begleitet Nijinsky durch die Jahre, die er großteils in Sanatorien verbrachte. Neumeier nennt sie „30 Jahre Dunkelheit“. Aus dem Corps de ballet lösen sich einzelne Gestalten: der Bruder Stanislaw (António Casalinho), der schon als Kind Anzeichen von Schizophrenie zeigt und bei Neumeier mit einer äußerst dynamischen Bewegungssprache gegen das Gefängnis seiner körperlichen Grenzen ankämpft; die Schwester Bronislawa (Ioanna Avraam) mit akzentuierten, zielgerichteten Bewegungen; die Mutter Eleonora Bereda (Olga Esina), die ihre Sorge um die Söhne hinter einer formellen, steifen Contenance zu verbergen sucht. Masayu Kimoto verkörpert zwei Figuren: den Vater Thomas Nijinsky, der zahlreiche Affären hat und die Familie verlässt, und den behandelnden Arzt, mit dem Romola ein Verhältnis eingeht. Ihre Hingabe an Nijinsky und ihre eigenen Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit verkörpert sie in einem eindrucksvollen Solo.

Nijinsky3Erinnerungen an die Ballettakademie in St. Petersburg verschmelzen mit jenen an den Petersburger Blutsonntag 1905. An diesem Tag wurde eine Arbeiterdemonstration blutig niedergeschlagen; das Ereignis liegt auch Dmitri Schostakowitschs 11. Symphonie zugrunde. Ohne die Figuren aus den Augen zu verlieren, inszeniert Neumeier diesen zweiten Teil als sinfonisches Ballett für das gesamte Ensemble.Nijinsky7

„Nicht ich bin verrückt, sondern die Welt“, soll Nijinsky gesagt haben. So steigert sich das Geschehen zu einem frenetischen Tanz, in dem Soldaten die Bühne bevölkern und auf ihr fallen. Mitten unter ihnen rast Petruschka (Rinaldo Venuti) durch die Szene. Er scheint das Publikum anklagend zu fragen: „Wie könnt ihr das zulassen?“

Am Ende kehrt das Geschehen wieder in das Suvretta House zurück, mit einem Tanz des Krieges, gegen den ein verzweifelter Nijinsky ankämpft.

Ein Ensemble auf seinem Höhepunkt

Nijinsky2 2Neumeiers choreografische Annäherung an Nijinsky ist körperlich fordernd. Zugleich verlangt sie von den Interpret:innen einen sensiblen Ausdruck für die Innenwelt des Protagonisten. Gerade in den Szenen, in denen der Wahnsinn unmittelbar verkörpert wird, ist das eine heikle Gratwanderung zwischen Empathie und Klischee. Hier zeigt sich, wie ausgezeichnet beide Hauptdarsteller ihre Rolle gestalten: Alessandro Frola bei der Premiere und António Casalinho in der zweiten Besetzung. Manche Zeitgenossen hielten Nijinskys beinahe hilflos anmutende Schüchternheit für Arroganz. So gestaltet Frola die Rolle stellenweise mit emotionaler Distanz, während sich Casalinho vorbehaltlos in die Intensität von Nijinskys Gefühlswelt stürzt.Nijinsky2 1

In beiden Besetzungen reißen die Tänzer:innen des Wiener Staatsballetts das Publikum jedenfalls nicht nur bei der Premiere, sondern bei allen Folgevorstellungen zu Begeisterungsstürmen hin. Einige von ihnen haben die Rollen getauscht. Stellvertretend seien Cassandra Trenary als Romola, Alessandro Frola als Geist der Rose und Harlequin sowie Rinaldo Venuti als Stanislaw Nijinsky genannt. Duccio Tariello legt den Goldenen Sklaven und den Faun zurückhaltender und dadurch eindringlicher an als Victor Caixeta bei der Premiere. Alessandro Cavallo steht als Diaghilev seinem Vorgänger Eno Peci in nichts nach.

In allen Vorstellungen gleichermaßen hervorragend: das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Nathan Brock, das eine intensive, dynamische Klangkulisse schuf.

Fazit

Nijinsky9Mit “Nijinsky” hat John Neumeier ein überaus eindrucksvolles Ballett geschaffen. Ballettchefin Alessandra Ferri begründet ihre Wahl nicht nur mit dem Publikumsappeal, den dieses Meisterwerk in Wien auslöst. Vielmehr sind für sie große Werke wie “Nijinsky”das größte Geschenk einer Direktion an ihre Compagnie: „Mit mittelmäßigen Werken kann man als Künstler:in nicht wachsen“, sagt sie in einem Gespräch. Das nächste große Geschenk in dieser Saison gibt es im Frühjahr 2027, wenn “Woolf Works” von Wayne McGregor seine Wien-Premiere haben wird.

Wiener Staatsballett: “Nijinsky”, Ch: John Neumeier. Gesehene Vorstellungen: 20. Oktober (Premiere), 24. und 27. Oktober 2026 in der Wiener Staatsoper. Weitere Termine: 30. Oktober, 6. und 9. November 2026