GoldenHourDas Wiener Staatsballett eröffnet die neue Saison am 18. September 2026 mit „Living Legacies“: einem neu zusammengestellten Abend mit George Balanchines „Divertimento Nr. 15“ (Mozart), Christopher Wheeldons „Within the Golden Hour“ (Ezio Bosso, Vivaldi) und Frederick Ashtons „Rhapsody“ zu Rachmaninows Paganini-Rhapsodie. (Die Letztgenannten hatten im Rahmen der Abschlussgala Premiere. tanz.at berichtete). Am 20. Oktober gibt es die erste Premiere der Saison zu sehen: John Neumeiers „Nijinsky“. 

Insgesamt vereint die Ballettchefin Alessandra Ferri in der neuen Saison Meisterwerke, wegweisende Choreograf*innen und Klassiker. Zwei große Premieren an der Wiener Staatsoper, mehrere Uraufführungen an der Volksoper Wien und im NEST, dazu Wiederaufnahmen und ein Gastspiel in Venedig prägen den Spielplan des 101-köpfigen Ensembles. 

Nijinsky: Ein Porträt zwischen Genie und Wahnsinn

Vaslav Nijinsky, 1889 geboren, an der Ballettschule der Kaiserlichen Theater in St. Petersburg ausgebildet und ab 1909 Mitglied von Sergej Diaghilews Ballets Russes, wurde als „Gott des Tanzes“ gefeiert – für seine technische Brillanz, seinen intensiven Ausdruck und seine legendären, schwerelos wirkenden Sprünge. Eine schwere psychische Erkrankung beendete seine Karriere abrupt; die letzten 30 Jahre seines Lebens verbrachte er unter der Obhut seiner Frau Romola in verschiedenen Anstalten.

Neumeier, seit jeher von „dem Künstler und Menschen Nijinsky“ inspiriert, lässt sein Ballett mit einer realistischen Nachgestaltung von dessen letztem öffentlichen Auftritt beginnen: Am 19. Januar 1919 tanzte Nijinsky im Ballsaal des Suvretta House Hotels in St. Moritz, was er selbst seine „Hochzeit mit Gott“ nannte. „Die anschließende Choreografie macht seine Gedanken, Erinnerungen und Halluzinationen während dieses letzten Auftritts sichtbar“, so Neumeier. Für Bühne, Kostüme und Licht griff der Choreograf teilweise auf die Originalentwürfe von Léon Bakst und Alexandre Benois zurück; musikalisch verbindet das Werk Chopin, Rimski-Korsakow, Schostakowitsch und Schumann unter der musikalischen Leitung von Nathan Brock.

wienerStaatsoperWoolf Works: Granit und Regenbogen

Am 20. April 2027 folgt an der Wiener Staatsoper die Premiere von Wayne McGregors „Woolf Works“– ein Auftragswerk des Royal Ballet London. Das Triptychon, inspiriert von Virginia Woolfs Romanen „Mrs. Dalloway“, „Orlando“ und „Die Wellen“ sowie ihren Briefen, Essays und Tagebüchern, erweckt Woolfs Welt aus „Granit und Regenbogen“ zum Leben. Für die eigens komponierte Partitur aus elektronischer und Live-Musik arbeitete McGregor erneut mit Max Richter zusammen. Auch mit den Schöpfern von Bühnenbild (Ciguë, We Not I), Kostümen (Moritz Junge) und Licht (Lucy Carter) verbindet ihn eine jahrelange künstlerischen Partnerschaft. Wayne McGregor, 2024 von König Charles III. zum Ritter geschlagen, zählt zu den einflussreichsten und innovativsten Choreografen Großbritanniens; seine Arbeit bewegt sich seit über drei Jahrzehnten an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie.

Ballett-Gala 2027: Hommage an Jerome Robbins

Zum Saisonabschluss präsentiert die Wiener Staatsoper am 28. Juni 2027 die Ballett-Gala 2027, die dem amerikanischen Choreografen Jerome Robbins gewidmet ist. Alessandra Ferri: „Jerome Robbins zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der Tanzgeschichte. […] Er verband Jazz, Broadway und klassisches Ballett zu einer einzigartigen choreografischen Sprache. Sein Stil war unverkennbar und geprägt von Musikalität, Eleganz und Präzision, zugleich aber auch von feinem Humor, Menschlichkeit und emotionaler Tiefe.“

Auf dem Programm stehen „The Four Seasons“ (Musik: Verdi), „Other Dances“ (Chopin), „Interplay“ (Morton Gould), „The Concert“ (Chopin) sowie „A Suite of Dances“ zu Musik von Bach – ergänzt um die Premiere von Justin Pecks „Easy“ zu Musik von Leonard Bernstein.

Repertoire an der Wiener StaatsoperRhapsody

Ab 29. November 2026 kehrt John Crankos „Onegin“ zurück, ab 21. Dezember Rudolf Nurejews „Schwanensee“. Ab 13. März 2027 zeigt „Visionary Dances“ Justin Pecks „Heatscape“ (Bühnenbild: Streetart-Künstler Shepard Fairey), Wayne McGregors „Yugen“ zu Bernsteins „Chichester Psalms“ (mit dem Arnold Schoenberg Chor, eine Koproduktion mit dem Royal Ballet London und Het Nationale Ballet Amsterdam) sowie Twyla Tharps „In the Upper Room“ zu Musik von Philip Glass. Ein weiterer mehrteiliger Abend ist das eingangs erwähnte Programm “Living Legacies”.

Am 27. Juni 2027 findet außerdem die Matinee der Ballettakademie an der Wiener Staatsoper statt.

Volksoper Wien: Duette, Uraufführung und Carmen

An der Volksoper Wien eröffnet am 16. Jänner 2027 „Masterpieces for Two“ den Reigen der Premieren: fünf Pas de deux, die durch die Tanzgeschichte führen. Michel Fokines „Le Spectre de la Rose“, 1911 für die Ballets Russes entstanden, ebnete mit seiner ausdrucksorientierten Bewegungssprache den Weg für ein modernes Verständnis des klassischen Balletts. Maurice Béjarts „Le Chant du Compagnon Errant“ zu Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ lässt in einem Duett für zwei Tänzer offen, ob der Begleiter des Protagonisten ein Engel oder der Tod ist. Angelin Preljocajs „Annonciation“ verbindet sakrale Musik mit elektronischen Klängen und deutet die biblische Verkündung an Maria neu. George Balanchine zeigt sich in „Variations pour une Porte et un Soupir“ zu Pierre Henrys Musique-concrète-Partitur von seiner experimentellsten Seite. Den Abschluss bildet Jerome Robbins’ „Afternoon of a Faun“ zu Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ – eine zeitgenössische Reflexion über Vaslav Nijinskys gleichnamiges Ballett von 1912 und damit eine unerwartete Brücke zurück zu Neumeiers Saisonauftakt „Nijinsky“.

Am 12. Juni 2027 folgt der zweite Premierenabend der Volksoper: Eno Peci, langjähriger Solist des Wiener Staatsballetts, choreografiert mit „Burden Loops“ zu Philip Glass’ erstem Violinkonzert eine Uraufführung über die Spannung vor einer Entscheidung – „ein Kreislauf des Verharrens“, wie er selbst sagt: „Ein Raum voller Türen. Jede suggeriert eine Möglichkeit, eine Alternative, eine Wahl…“ 

Pecis Kreation ist am selben Abend mit Alberto Alonsos „Carmen Suite“ zu Rodion Schtschedrins Bearbeitung von Bizets Musik zu sehen, die einst von der Primaballerina Maja Plissezkaja mit den Worten kommentiert wurde: „Warum hat Bizet eine Oper geschrieben? Das muss doch Tanz sein!“ Alonso verlegt die Handlung in eine Stierkampfarena und verschmilzt kubanischen und spanischen Tanz mit klassischem Bewegungsvokabular zu einem Ausdruck von Carmens leidenschaftlicher Unabhängigkeit.

Als Wiederaufnahmen ergänzen Thierry Malandains „Marie Antoinette“ (ab 28. November 2026) und die Familienballettkomödie „Max und Moritz“ von Ferenc Barbay und Michael Kropf zu Musik von Rossini (26. Dezember 2026) das Programm im Haus am Gürtel.

Peci Nussknacker5Uraufführungen im NEST

Auch im NEST, der kleinen Bühne der Wiener Staatsoper, stehen zwei Premieren auf dem Programm. Am 22. November 2026 feiert Adi Hanans choreografische Uraufführung „Der kleine Prinz“ Premiere (weitere Vorstellungen bis 16. Dezember 2026), getanzt von der Jugendkompanie der Ballettakademie zur Musik von Claude Debussy in einem Arrangement von Martin Gellner. Antoine de Saint-Exupéry veröffentlichte seine Erzählung 1943 aus dem Exil in New York; der passionierte Pilot, der 1935 selbst in der Sahara abstürzte, starb ein Jahr nach Erscheinen seines bis heute über 100 Millionen Mal verkauften und in mehr als 500 Sprachen übersetzten Werks. In Hanans Fassung ist es der Pilot, der durch die Begegnung mit dem kleinen Prinzen einen Prozess des Wiederentdeckens durchlebt – choreografiert als „Märchen von heute“, als Fantasiewelt aus Tanz und Farben. Vom 20. bis 23. Jänner 2027 steht mit Eno Pecis „Mein erster Nussknacker“ die kindgerechte Fassung des Tschaikowski-Klassikers auf dem Programm (tanz.at berichtete).

Und …

Vom 12. bis 16. Mai 2027 gastiert das Wiener Staatsballett am Teatro La Fenice in Venedig mit Elena Tschernischovas „Giselle“ zu Musik von Adolphe Adam. 

Vor den Premieren „Nijinsky“ und „Woolf Works“ finden jeweils vor Vorstellungsbeginn Werkeinführungen im Gustav-Mahler-Saal statt, ergänzt durch Einführungsmatineen mit Podiumsgesprächen am 11. Oktober 2026 und 18. April 2027. Fortgesetzt wird auch die Kooperation „Dance Movies“ mit den Wiener Kinos Filmcasino und Filmhaus am Spittelberg, die sich in dieser Saison dem Themenschwerpunkt Tanzfilmklassiker widmet. Wer selbst das Tanzbein schwingen möchte, kann ab 26. September 2026 fast jeden Samstag an der Open Adult Ballet Class der Ballettakademie teilnehmen.

Die Saison im Überblick

18. September 2026: Living Legacies (Balanchine, Wheeldon, Ashton) – Repertoire, Wiener Staatsoper.

20. Oktober 2026: Nijinsky – Premiere, John Neumeier, Wiener Staatsoper.

22. November 2026: Der kleine Prinz – Uraufführung, Adi Hanan, NEST.

28. November 2026: Marie Antoinette – Repertoire, Thierry Malandain, Volksoper Wien.

29. November 2026: Onegin – Wiederaufnahme, John Cranko, Wiener Staatsoper.

21. Dezember 2026: Schwanensee – Repertoire, Rudolf Nurejew, Wiener Staatsoper.

22./26. Dezember 2026: Max und Moritz – Wiederaufnahme, Volksoper Wien.

16. Jänner 2027: Masterpieces for Two – Premiere, fünf Pas de deux, Volksoper Wien.

20.–23. Jänner 2027: Mein erster Nussknacker – Eno Peci, NEST.

4. Februar 2027: 69. Wiener Opernball, Wiener Staatsoper.

13. März 2027: Visionary Dances (Peck, McGregor, Tharp) – Repertoire, Wiener Staatsoper.

20. April 2027: Woolf Works – Premiere, Wayne McGregor, Wiener Staatsoper.

12.–16. Mai 2027: Gastspiel: Giselle, Elena Tschernischova, Teatro La Fenice, Venedig.

12. Juni 2027: Carmen Suite / Burden Loops – Premiere, Eno Peci & Alberto Alonso, Volksoper Wien.

27. Juni 2027: Matinee der Ballettakademie der Wiener Staatsoper.

28. Juni 2027: Ballett-Gala 2027, gewidmet Jerome Robbins, mit der Premiere von Justin Pecks „Easy“, Wiener Staatsoper.

www.wiener-staaatsballett.at

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